12.12.2014
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Der SV Babelsberg unterstützt Flüchtlinge auf und abseits des Plates. Foto: www.fclampedusa-hh.de

Der Potsdamer Verein SV Babelsberg 03 ist der erste, der eine Flüchtlingsmannschaft in den regulären Ligabetrieb integriert. PRO ASYL hat mit Alexander Bosch über das Team „Welcome United 03“ und die Hürden für Flüchtlinge im Profifußball gesprochen.

Wie kam es dazu, dass der SV Babels­berg 03 eine Refu­gee-Mann­schaft auf­ge­stellt hat?

Das war ein Zusam­men­wir­ken meh­re­rer Fak­to­ren. Das Fan­pro­jekt Babels­berg hat­te schon seit meh­re­ren Jah­ren eine Inte­gra­ti­ons­fuß­ball­mann­schaft, außer­halb der Ver­eins­struk­tur. Dar­in haben Flücht­lin­ge eines Pots­da­mer Flücht­lings­heims und Fuß­ball­fans gemein­sam gespielt. Im Früh­jahr frag­te die ehren­amt­lich täti­ge Seel­sor­ge­rin Man­ja Thie­me beim Ver­ein nach Trai­nings­zei­ten auf dem Fuß­ball­platz für eini­ge wei­te­re Flücht­lin­ge. Da ent­schloss sich der Ver­ein, die­se Spie­ler noch einen Schritt wei­ter zu inte­grie­ren, und den Ver­ein für sie zu öff­nen. Dies haben wir sehr begrüßt und unser Pro­jekt eben­falls inte­griert. Zusam­men sind wir jetzt Wel­co­me United beim SV Babels­berg 03.

War­um habt die Flücht­lin­ge nicht in ande­re Mann­schaf­ten inte­griert, son­dern ein Team nur mit Refu­gees gebil­det?

Es blieb uns gar nichts ande­res übrig. Das Pro­jekt ist im Juni ent­stan­den, als die Sai­son-Anmel­dung und Zusam­men­stel­lung der Mann­schaf­ten schon erfolgt war. Even­tu­ell machen wir zwei Mann­schaf­ten dar­aus, weil das Inter­es­se von Flücht­lin­gen sehr groß ist. Trotz­dem soll die Mann­schaft ab der nächs­ten Sai­son am regu­lä­ren Liga­be­trieb teil­neh­men. Dann soll auch ein Aus­tausch von Spie­lern mit den ande­ren Mann­schaf­ten des Ver­eins statt­fin­den. Damit es irgend­wann nicht mehr als Beson­der­heit wahr­ge­nom­men wird, wenn Flücht­lin­ge und Nicht-Flücht­lin­ge zusam­men­spie­len. Wir wol­len errei­chen, dass Flücht­lin­ge ganz nor­mal im Ver­ein spie­len kön­nen. Und wir sagen: Habt kei­ne Berüh­rungs­ängs­te, glaubt euren Vor­ur­tei­len nicht. Lasst die Leu­te Fuß­ball spie­len!

Wie wich­tig ist anti­ras­sis­ti­sche Arbeit mit Fuß­ball­fans?

Die­se Arbeit ist gar nicht zu unter­schät­zen! Gera­de in der aktu­el­len Lage, mit der Hoge­sa-Pro­ble­ma­tik  oder der poli­ti­schen Debat­te um den Umgang mit Flücht­lin­gen, muss man Fuß­ball­fans für ras­sis­ti­sche Pro­pa­gan­da sen­si­bi­li­sie­ren und anti­ras­sis­tisch mit ihnen arbei­ten. Damit sie zum Bei­spiel die plat­ten Paro­len von AfD und CDU/CSU gegen angeb­li­chen Sozi­al­miss­brauch also sol­che erken­nen und sich für, nicht gegen Flücht­lin­ge stark machen!

Wel­che Auf­stiegs­chan­cen bie­tet Ihr Flücht­lin­gen?

Wenn sie ihre Spie­ler­päs­se bekom­men haben, sol­len ambi­tio­nier­te Spie­ler auch in der zwei­ten Mann­schaft spie­len kön­nen. Mit der ers­ten Mann­schaft, die in der Regio­nal­li­ga spielt, ist es aller­dings noch schwie­rig. Das ist dann Pro­fi­fuß­ball.

Wel­che recht­li­chen Beschrän­kun­gen müs­sen Flücht­lin­ge im Fuß­ball erdul­den? Ihr hat­tet einen Spie­ler aus Kame­run, der dort in der Pro­fi­li­ga gespielt hat. Bei Euch durf­te er nicht als Pro­fi antre­ten.

Ja, die­ser Spie­ler trai­niert inzwi­schen gar nicht mehr bei uns. Der Haken ist der, dass Flücht­lin­ge eine Arbeits­er­laub­nis brau­chen. Eine wei­te­re Hür­de besteht sei­tens der Ver­ei­ne. Wenn jemand nur gedul­det oder noch im Asyl­ver­fah­ren ist, spielt die Sor­ge hin­ein, dass er kurz nach Beginn sei­ner Ver­pflich­tung das Land wie­der ver­las­sen muss. Wir wün­schen uns hin­ge­gen, dass Pro­fi­fuß­bal­ler ihren Beruf hier aus­üben dür­fen, auch ohne dau­er­haf­ten Auf­ent­halt. Wenn jemand das Talent und Inter­es­se hat, wer­den wir uns für eine Arbeits­er­laub­nis ein­set­zen. Die meis­ten wol­len aber eigent­lich nur Fuß­ball spie­len.

Mit der Auf­nah­me in den Ver­ein kön­nen Flücht­lin­ge an regu­lä­ren Liga­spie­len teil­neh­men, von denen sie sonst aus­ge­schlos­sen wären. Wel­che wei­te­ren kon­kre­ten Ver­bes­se­run­gen bringt eine Mit­glied­schaft für Flücht­lin­ge?

Ver­eins­mit­glie­der kön­nen ihre Inter­es­sen wahr­neh­men und sind bei Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen stimm­be­rech­tigt. Als Ver­eins­mit­glie­der sind Flücht­lin­ge zudem ver­si­chert. Wenn sich ein Flücht­ling beim Trai­ning oder wäh­rend eines Spiels ver­letzt, über­nimmt die Ver­si­che­rung des Ver­eins die Kos­ten. Flücht­lin­ge brau­chen dann kei­ne Angst mehr vor Ver­let­zun­gen haben.

Asyl­su­chen­den steht nur eine medi­zi­ni­sche Not­ver­sor­gung zu…

Ohne die Ver­eins­mit­glied­schaft könn­te es im Zwei­fels­fall zu Schwie­rig­kei­ten kom­men, wer die Behand­lungs­kos­ten tra­gen muss. Ich bin in die­ser Fra­ge kein Exper­te, aber man hört und liest immer wie­der von Zugangs­schwie­rig­kei­ten zu medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung. Die­ser Unsi­cher­heit möch­ten wir ent­ge­hen. Gleich­zei­tig möch­ten wir Flücht­lin­ge vor finan­zi­el­len Mehr­be­las­tun­gen schüt­zen. Des­halb wer­den sie nach der Auf­nah­me per Vor­stands­be­schluss vom Bei­trag befreit. Die­se Mög­lich­keit haben alle Fuß­ball­ver­ei­ne. In Bay­ern über­nimmt zum Bei­spiel der Lan­des­sport­ver­band (BLSV) die kom­plet­ten Kos­ten für die Sport­ver­si­che­rung aller Flücht­lin­ge und Asyl­be­wer­ber, die Sport trei­ben möch­ten.

Wel­che Hür­den gibt es außer­dem noch für Asyl­su­chen­de im Fuß­ball?

Der DFB prüft, ob ein Spie­ler im Her­kunfts­land beim Pro­fi­fuß­ball gemel­det war, wenn nicht, gibt er sein ok. Flücht­lin­ge kom­men aber in der Regel aus Staa­ten, in denen sol­che Struk­tu­ren gar nicht mehr exis­tie­ren. Hier müss­te der DFB bei Flücht­lin­gen einen Mecha­nis­mus fin­den, die Anträ­ge schnel­ler zu bear­bei­ten. Bei eini­gen Ver­bän­den scheint auch ein­fach der poli­ti­sche Wil­le zur Inte­gra­ti­on zu feh­len – das ist der sub­jek­ti­ve Ein­druck vie­ler.

Eure Pro­fi­spie­ler lau­fen mit „Refu­gees Welcome“-Trikots auf. Wie ein­fach oder schwie­rig war es, das beim Ver­band durch­zu­set­zen?

Das war eine span­nen­de Fra­ge, weil man Tri­kots bereits vor der Sai­son beim Ver­band anmel­den muss, also wel­chen Spon­sor und wel­che Far­ben man hat. Das ist nach­träg­lich nur unter bestimm­ten Bedin­gun­gen zu ändern. Aber der Nord­ost­deut­sche Fuß­ball­ver­band hat über­ra­schen­der­wei­se posi­tiv reagiert – ein Wer­be­part­ner hät­te viel­leicht eher Nach­fra­gen gestellt.

Was haben die Fans dazu bei­ge­tra­gen, dass es das Refu­gee-Team gibt?

Wir als sozio­päd­ago­gi­sches Fan­pro­jekt arbei­ten eng mit unse­ren Fans zusam­men und die haben die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik schon seit Jah­ren auf dem Schirm. So haben sie z. B. eine gro­ße Cho­reo mit „Refu­gees Wel­co­me“ prä­sen­tiert, die­ser Satz wur­de auch auf eige­ne Fan-T-Shirts gedruckt oder hängt immer als Zaun­fah­ne im Sta­di­on. Nord­kur­ve Babels­berg ist dann auch Tri­kot­spon­sor gewor­den, da der SV Babels­berg 03 lei­der finan­zi­el­le nicht auf Rosen gebet­tet ist. Wir als Fan­pro­jekt haben Gel­der bei der Akti­on Mensch für die­ses Inte­gra­ti­ons­pro­jekt bean­tragt. Um sol­che För­der­gel­der zu bekom­men, muss man sich lei­der auch hin­ein­fuch­sen, Zeit inves­tie­ren, Inter­net­re­cher­che betrei­ben, sich umhö­ren. Trotz­dem ist da eine Men­ge mög­lich.

Wel­co­me United 03 tritt gegen ande­re Flücht­lings­teams an, gera­de kürz­lich habt Ihr einen Akti­ons­tag zum The­ma Asyl- und Flücht­lings­po­li­tik ver­an­stal­tet… 

Ja, die Fans möch­ten sich noch wei­ter­ge­hend enga­gie­ren. Gera­de pla­nen wir Deutsch­un­ter­richt von Fans für Flücht­lin­ge. Auf einem Netz­werk­tref­fen haben wir dis­ku­tiert, was wir Akti­ven, die für das The­ma schon ein Bewusst­sein haben, tun kön­nen, um Flücht­lin­ge wei­ter zu inte­grie­ren, um auch ande­ren Ver­ei­nen die Angst zu neh­men, Flücht­lin­ge zu inte­grie­ren. Oft haben sie Inter­es­se, aber den letz­ten Schritt machen sie nicht.

Ihr habt die­sen Schritt nun getan. Wel­che poli­ti­sche Signal­wir­kung erhofft Ihr Euch von Eurem Enga­ge­ment für Flücht­lin­ge?

Ganz klar: Wir möch­ten eine wirk­li­che Inte­gra­ti­on in die deut­sche Gesell­schaft. Wir möch­ten eine Will­kom­mens­kul­tur nicht nur auf dem Papier ste­hen haben, son­dern auch zei­gen, dass wir sie leben und ernst mei­nen. Wir wol­len kei­nen Moral­apos­tel spie­len, son­dern zei­gen: Inte­gra­ti­on ist mög­lich. Die Grund­idee in Babels­berg, und das gilt für Fans­sze­ne, Ver­ein und Fan­pro­jekt, ist: Flücht­lin­ge, die hier­her­ge­kom­men sind und hier blei­ben möch­ten, dür­fen das, sol­len das tun. Und sie sol­len in die Gesell­schaft inte­griert wer­den.

Was kann der Fuß­ball dazu bei­tra­gen? Was sind dei­ne For­de­run­gen an die Fuß­ball­ver­ei­ne?

Von den Ama­teur­ver­ei­nen wün­sche ich mir, dass sie auf Flücht­lin­ge zuge­hen, und sagen:  Wir brau­chen noch Schieds­rich­ter, wir brau­chen noch Spie­ler und habt ihr nicht even­tu­ell Lust dazu? In vie­len länd­li­chen Regio­nen wer­den schon Jugend­mann­schaf­ten abge­mel­det, weil ihnen die Spie­ler feh­len. Es gibt aber mit Flücht­lin­gen ein Spie­ler­po­ten­ti­al, das von den Ver­ei­nen nicht abge­ru­fen wird. Fan­clubs kön­nen bei ihrem Ver­ein nach Mög­lich­kei­ten anfra­gen, einen Trai­nings­platz zu bekom­men und dann Kon­takt zu einer ört­li­chen Flücht­lings­un­ter­kunft auf­neh­men. Sie kön­nen Spen­den­samm­lun­gen orga­ni­sie­ren, Flücht­lin­ge zum Heim­spiel mit­neh­men und dafür beim Ver­ein nach Kar­ten fra­gen. Fan­clubs kön­nen in der Sze­ne dafür sen­si­bi­li­sie­ren, dass man kei­ne Angst haben muss, sich für die Inte­gra­ti­on von Flücht­lin­gen stark zu machen.

Wo siehst du die Ver­bands­ebe­ne in der Pflicht, was müs­sen poli­tisch Ver­ant­wort­li­che tun?

Im Pro­fi­fuß­ball ist häu­fig Tenor, dass sei nicht Sache des Fuß­balls, son­dern der Poli­tik. Da sage ich: Fuß­ball ist Teil der Gesell­schaft. Die Gesell­schaft ist nun mal poli­tisch und da muss man auch sei­ner Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den. An die Spit­zen­ver­bän­de habe ich zwei For­de­run­gen: Flücht­lin­gen den Zugang zu erleich­tern und die Ver­bands­mit­glie­der zu ani­mie­ren, sich in die­sem The­men­feld mehr zu enga­gie­ren. Von der Poli­tik wün­sche ich mir, dass damit auf­ge­hört wird, Vor­ur­tei­len gegen Flücht­lin­ge und Ras­sis­mus Vor­schub zu leis­ten. Deutsch­land ist ein Ein­wan­de­rungs­land. Wir brau­chen eine wirk­li­che Will­kom­mens­kul­tur die auch gelebt wird. Das bedeu­tet auch, dass sie von der Poli­tik selbst gelebt wird, statt Vor­ur­tei­le und Ängs­te zu schü­ren.

Alex­an­der Bosch ist Sozi­al­ar­bei­ter des sozi­al­päd­ago­gi­schen Fan­pro­jekts Babels­berg der Stif­tung SPI 

SV-Babels­berg – Refu­gee-Team

SV-Babels­berg – Fan­pro­jekt