29.05.2014
Image
Wer würde schon eine Hochzeitsgesellschaft stoppen? »On the Bride’s Side« ist ein Dokumentarfilm, ein Akt zivilen Ungehorsams und eine reale wie fantastische Geschichte zugleich. An der Finanzierung des Films kann sich jede und jeder beteiligen: Eine Crowdfunding-Kampagne wirbt die Kosten für die Produktion ein – die Story selbst ist schon im Kasten. Foto: <a href="http://www.iostoconlasposa.com">www.iostoconlasposa.com</a>

Antonio Augugliaro, Gabriele del Grande und Khaled Soliman al Nassiry zeigen in ihrem Film »Io sto con la sposa« (Auf der Seite der Braut), wie sie syrische Flüchtlinge von Italien nach Schweden schmuggeln - getarnt als Hochzeitsgesellschaft. Wir haben mit Gabriele del Grande, Preisträger des Menschenrechtspreises der Stiftung PRO ASYL, über das riskante Projekt gesprochen.

Schutz­su­chen­de aus Syri­en, die in den Erst­auf­nah­me­staa­ten unter Not und  Per­spek­tiv­lo­sig­keit lei­den, sehen sich mehr und mehr gezwun­gen, die gefähr­li­che Flucht über das Mit­tel­meer nach Euro­pa zu ris­kie­ren. Doch über­le­ben sie die Über­fahrt nach Ita­li­en, blei­ben sie dort sich selbst über­las­sen, vie­le lan­den obdach­los auf der Stra­ße. In ande­re EU-Staa­ten wei­ter­zie­hen dür­fen sie nicht, selbst wenn sie dort Ver­wand­te oder Freun­din­nen und Freun­de haben. Anto­nio Augugli­a­ro, Gabrie­le del Gran­de und Kha­led Soli­man al Nas­si­ry haben Betrof­fe­ne in Ita­li­en ken­nen­ge­lernt – und sich ent­schie­den, ihnen auf krea­ti­ve Art und Wei­se wei­ter­zu­hel­fen.

Wie seid Ihr auf die Idee gekom­men, die Flücht­lin­ge als Hoch­zeits­ge­sell­schaft zu tar­nen?

Co-Regis­seur Kah­led und ich gin­gen oft zum Mai­län­der Haupt­bahn­hof, der mitt­ler­wei­le zur Anlauf­stel­le für vie­le Syrer gewor­den ist. Wir woll­ten die­se Leu­te ken­nen­ler­nen, mit ihnen spre­chen, ihre Geschich­ten hören. Dort haben wir dann Abdal­lah, einen jun­gen Stu­den­ten aus Damas­kus, ken­nen­ge­lernt, wir sind Freun­de gewor­den, wir saßen oft zusam­men und rede­ten über sei­ne Plä­ne, nach Schwe­den zu kom­men. Die Idee, eine Hoch­zeit zu insze­nie­ren, kam eines Abends nach einem gemein­sa­men Essen und war zunächst auch nur halb ernst gemeint. Wir schlie­fen eine Nacht dar­über und am nächs­ten Tag rief mich Anto­nio, der ande­re Co-Regis­seur, an und mein­te: »Leu­te, es ist die geni­als­te Idee, die ich jemals gehört habe, lasst uns das ver­su­chen!«. So wahn­sin­nig wie wir waren, haben wir es gemacht. Und Abdal­lah wur­de unser »Bräu­ti­gam«.

Und wer waren die Braut und die Hoch­zeits­ge­sell­schaft?

Wir waren ins­ge­samt 23: Fünf Syrer, sechs Leu­te, die gefilmt haben, und der Rest waren ein­fach Freun­de, die die Gäs­te gespielt haben. Die Braut hat eine paläs­ti­nen­si­sche Syre­rin aus Damas­kus gespielt, die seit sechs Mona­ten legal in Spa­ni­en lebt. Die fünf Syrer sind neben Abda­lah, dem Bräu­ti­gam, ein älte­res Ehe­paar und ein Vater mit sei­nem zwölf­jäh­ri­gen Sohn, Manar. Die bei­den sind paläs­ti­nen­si­sche Syrer vom bela­ger­ten Flücht­lings­camp Yar­mouk bei Damas­kus, wo es im ver­gan­ge­nen Jahr Hun­ger­to­te gab. Ihre Flucht im Boot von Ägyp­ten nach Euro­pa dau­er­te zwölf Tage, eine Über­fahrt, die in der in der Regel nur fünf Tage dau­ert. Irgend­wie haben sie es geschafft, nach Sizi­li­en zu kom­men. Bevor ihnen die Fin­ger­ab­drü­cke genom­men wur­den, sind sie aus dem Heim abge­hau­en, um sich auf dem Weg nach Schwe­den zu machen.

Das ers­te Mal haben sie es mit Schlep­pern ver­sucht. In Mittel­Italien haben sie einen Syri­er bezahlt, der Tou­ris­ten­bus­se mie­tet, um Flücht­lin­ge nach Schwe­den zu schmug­geln. 50 Leu­te pro Bus, 1.000 Euro pro Per­son. Der Bus, in dem Manar und sein Vater saßen, wur­de aber an der Gren­ze zu Frank­reich von der Poli­zei ange­hal­ten, die dem Schlep­per hin­ter­her war. Dann wur­den den bei­den die Fin­ger­ab­drü­cke genom­men und seit­dem saßen sie in Mai­land fest, da sie kein Geld mehr hat­ten, um noch ein­mal einen Schlep­per zu bezah­len. Am Mai­län­der Bahn­hof haben wir sie ken­nen­ge­lernt. Als wir mit ihnen über die Insze­nie­rung rede­ten, war Manar sofort enthu­si­as­tisch, sein Vater dage­gen skep­tisch. Am Ende hat er zuge­sagt, weil er ein­fach kein Geld mehr hat­te.

Was steht bei dem Pro­jekt im Vor­der­grund – die Hil­fe für die Flücht­lin­ge, die ihr ken­nen­ge­lernt habt, oder die poli­ti­sche Dimen­si­on?

Zunächst woll­ten wir nur unse­ren Freun­den hel­fen. Die poli­ti­sche Dimen­si­on des­sen, was wir vor­hat­ten, war uns natür­lich von Anfang an bewusst. Wir woll­ten sie kom­mu­ni­zie­ren und so ist uns die Idee des Films gekom­men. Es geht uns dar­um, dass Flücht­lin­ge das Recht auf Bewe­gungs­frei­heit haben soll­ten in Euro­pa – und damit um die Ableh­nung der Dub­lin-II-Logik, der staat­li­chen Kon­trol­le über die Kör­per von Men­schen, die nicht die Frei­heit haben, sich selbst aus­zu­su­chen, wo sie leben möch­ten. War­um sol­len ande­re ent­schei­den, wie sich die­se Men­schen zu bewe­gen haben?

Du bezeich­nest den Film als eine »Selbst­an­zei­ge«. Was ris­kiert ihr?

Juris­tisch könn­ten wir wegen Bei­hil­fe zur ille­ga­len Ein­wan­de­rung ange­zeigt wer­den. Wer fünf Leu­te ohne Papie­re durch Euro­pa schleust, dem dro­hen zwi­schen fünf bis 15 Jah­re Gefäng­nis. Tech­nisch gese­hen sind wir nicht auf fri­scher Tat ertappt wor­den. Und wir haben auch von nie­man­dem Geld ver­langt, so dass man uns nicht vor­wer­fen kann, eine kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung gebil­det zu haben. Also einen Pro­zess wür­de es geben, wenn jemand uns anzeigt. Was wir getan haben, ist ille­gal, aber legi­tim.

Ist der Film eine rei­ne Doku­men­ta­ti­on oder ent­hält er auch fik­tio­na­le Ele­men­te?

Der Film doku­men­tiert eine fik­ti­ve Geschich­te. Wir haben die Hoch­zeit erfun­den, da wir ohne die­sen Trick nie nach Schwe­den gekom­men wären. Aber es gab kein Dreh­buch. Das, was wir im Rah­men die­ser Rei­se gefilmt haben, ist eins zu eins so gesche­hen. Also die Geschich­te die­ser Grup­pe von Wahn­sin­ni­gen – Ita­lie­nern, Syrern, Paläs­ti­nen­sern, man­che mit Papie­ren, man­che ohne – auf dem Weg nach Schwe­den, die ist hun­dert­pro­zen­tig wahr.

Was ris­kie­ren die Leu­te, die mit Euch unter­wegs waren?

Sie ris­kie­ren nichts, weil sie als syri­sche Flücht­lin­ge in Euro­pa ein Recht auf Asyl haben. Ob sie in Schwe­den blei­ben oder nach Ita­li­en zurück­ge­schickt wer­den, hängt nur davon ab, ob ihnen in Ita­li­en die Fin­ger­ab­drü­cke genom­men wur­den. Wenn nicht, kön­nen sie in Schwe­den Asyl bean­tra­gen.

Wie war es im Fall der Men­schen, denen ihr gehol­fen habt?

Manar und sein Vater wur­den zurück­ge­schickt. Das geht so: Wenn in Ita­li­en die Fin­ger­ab­drü­cke erfasst wer­den, kom­men sie in die Daten­bank der Dub­lin-II-Län­der, die Euro­dac-Daten­bank. Wenn die schwe­di­schen Behör­den das sehen, schi­cken sie die Leu­te zurück.

Was wird jetzt aus den bei­den?

Sie haben in Ita­li­en Asyl bean­tragt. Ich glau­be, sie haben nächs­te Woche das Inter­view, und es wür­de mich wun­dern, wenn das Ergeb­nis nega­tiv wäre, denn momen­tan gewäh­ren alle euro­päi­schen Län­der syri­schen Flücht­lin­gen irgend­ei­ne Form von Schutz.

Wäre es da nicht bes­ser, wenn sie gleich in Ita­li­en geblie­ben wären?

Sie woll­ten nicht in Ita­li­en blei­ben. Sie sehen hier kei­ne Zukunft. War­um soll­ten sie hier blei­ben wol­len? Sie bekom­men das Stück Papier und dann küm­mert sich nie­mand mehr um sie. In Schwe­den, wo sie Bekann­te und eine funk­tio­nie­ren­de Infra­struk­tur haben, ist es anders. Sie müs­sen sich das so vor­stel­len: Es han­delt sich um schwer trau­ma­ti­sier­te Men­schen. Selbst­ver­ständ­lich wol­len sie dort­hin, wo sie schon Men­schen ken­nen.

Was für ein Leben erwar­tet die ande­ren in Schwe­den?

Die ande­ren, also das Ehe­paar und Abdal­lah, haben schon in Schwe­den Asyl bekom­men. Dort gibt es eine gro­ße Com­mu­ni­ty syri­scher Flücht­lin­ge. Die Leu­te, die mit uns unter­wegs waren, hat­ten dort Freun­de, die sie schon aus Damas­kus kann­ten. Man­che von ihnen sind mit dem Flug­zeug gekom­men, weil sie sich den Flug und ein Visum leis­ten konn­ten. Das ist aber eine Min­der­heit, die meis­ten wer­den durch das euro­päi­sche Grenz­sys­tem kri­mi­na­li­siert und haben dann kei­ne ande­re Wahl, als Schlep­per zu bezah­len. Unse­re Freun­de wuss­ten alle schon vor­her, zu wem sie in Stock­holm gehen, wir haben sie nicht ein­fach ihrem Schick­sal über­las­sen.

Es heißt, im Film wer­de viel gelacht – trotz der bedrü­cken­den Lage der Betrof­fe­nen. Stimmt das?

Ja, das stimmt. Wir woll­ten den bedrü­cken­den Ton ver­mei­den, in dem die­se Art von Geschich­ten oft erzählt wer­den. Wir woll­ten unse­re Freun­de nicht als Opfer zei­gen, son­dern als han­deln­de Per­so­nen, die ver­su­chen, an ihrer Situa­ti­on etwas zu ändern. Die Angst war groß, und gleich­zei­tig hat­ten wir Spaß zusam­men. Ich sehe da kei­nen Wider­spruch. Ich könn­te von Momen­ten in Syri­en erzäh­len, in denen ich mit mei­nen Gast­ge­bern zu Hau­se ein­ge­sperrt war und wir haben gesun­gen und getanzt wie die Ver­rück­ten, um nicht an die Bom­ben zu den­ken. Tra­gik und Komö­die gehen im Film, wie im Leben, sehr oft zusam­men. Unse­re Freun­de wuss­ten es viel bes­ser als wir.

Gera­de sam­melt Ihr mit einem Crowd­fun­ding-Pro­jekt Geld für Euren Film. Wann wird er fer­tig?

Wir möch­ten im Juni damit fer­tig wer­den, da wir uns für das Film­fes­ti­val in Vene­dig bewer­ben wol­len. Das Crowd­fun­ding lief in den ers­ten zehn Tagen nach Bekannt­ga­be des Pro­jekts wirk­lich über­wäl­ti­gend. Das zeigt uns, dass es vie­le Men­schen gibt, die an den Traum eines offe­nen Euro­pa glau­ben.

Zum Crowd­fun­ding auf Indigogo.com

Trai­ler auf You­tube

Web­site zum Film: www.iostoconlasposa.com