09.02.2011
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Wie jetzt bekannt wur­de hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt NRW in einem Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren dem Euro­päi­schen Gerichts­hof in Luxem­burg Fra­gen zur Aus­le­gung des Flücht­lings­be­griffs nach der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie (RL 2004/83/EG) am 23.11.2010 vor­ge­legt. Damit wird die restrik­ti­ve Asyl­pra­xis gegen­über Asyl­su­chen­den, denen wegen ihrer Homo­se­xua­li­tät Ver­fol­gung droht, auf den Prüf­stand gestellt. Im Kern geht es um die Fra­ge, ob der

Wie jetzt bekannt wur­de hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt NRW in einem Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren dem Euro­päi­schen Gerichts­hof in Luxem­burg Fra­gen zur Aus­le­gung des Flücht­lings­be­griffs nach der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie (RL 2004/83/EG) am 23.11.2010 vor­ge­legt. Damit wird die restrik­ti­ve Asyl­pra­xis gegen­über Asyl­su­chen­den, denen wegen ihrer Homo­se­xua­li­tät Ver­fol­gung droht, auf den Prüf­stand gestellt. Im Kern geht es um die Fra­ge, ob der Flücht­lings­schutz dem­je­ni­gen ver­wei­gert wer­den darf, der in sei­nem Her­kunfts­land den staat­li­chen oder sons­ti­gen Über­grif­fen ent­ge­hen kann, indem er sei­ne sexu­el­le Nei­gung nur im Ver­bor­ge­nen aus­lebt. Da das euro­päi­sche Recht für die Flücht­lings­an­er­ken­nung ver­bind­li­che Vor­ga­ben macht, die seit dem 10.10.2006 beach­tet wer­den müs­sen, wird nun der EuGH die­se Fra­ge zu ent­schei­den haben. Dass die Klar­stel­lung durch den EuGH not­wen­dig ist, sieht PRO ASYL als Armuts­zeug­nis für die deut­sche Asyl­pra­xis an. Asyl­su­chen­den den Ver­zicht auf ihre sexu­el­le Iden­ti­tät zuzu­mu­ten, stellt eine ekla­tan­te Ver­let­zung des Rechts auf sexu­el­le Selbst­be­stim­mung dar und ist offen­sicht­lich mit dem euro­päi­schen Asyl­recht nicht ver­ein­bar.

Der EuGH-Vor­la­ge liegt fol­gen­der Fall zugrun­de: Ein im Jahr 2000 aus dem Iran geflo­he­ner Asyl­su­chen­der macht gel­tend, auf­grund sei­ner Homo­se­xua­li­tät im Iran ver­folgt zu sein. Nach­dem er in einem Asyl­erst­ver­fah­ren geschei­tert war, stell­te er nach In-Kraft-Tre­ten der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie einen Asyl­fol­ge­an­trag im Jahr 2007. Die Ver­fol­gungs­ge­fahr begrün­de­te er mit der Tat­sa­che, dass im Iran der homo­se­xu­el­le Geschlechts­ver­kehr nach dem ira­ni­schen StGB mit der Todes­stra­fe und bei­schla­f­ähn­li­che Hand­lun­gen mit Peit­schen­hie­ben bestraft wer­den.

Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge lehn­te den Asyl­an­trag ab, da es dem Antrag­stel­ler zuzu­mu­ten sei, bei einer Rück­kehr in den Iran sei­ne homo­se­xu­el­le Nei­gung in pri­va­ter Wei­se zu leben. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Düs­sel­dorf bestä­tig­te den Bun­des­amts­be­scheid und urteil­te am 11. März 2009, das Prak­ti­zie­ren der homo­se­xu­el­len Ver­an­la­gung sei im Ver­bor­ge­nen im Iran mög­lich, ohne dass eine Ver­fol­gungs­ge­fahr bestehe. Dem Klä­ger sei es auch unter Berück­sich­ti­gung der EU-Richt­li­nie 2004/83/EG nicht unzu­mut­bar, sein Sexu­al­le­ben im Iran ledig­lich nicht­öf­fent­lich aus­zu­le­ben. Die­se Sicht­wei­se ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, wonach es dem Asyl­be­wer­ber zuzu­mu­ten sei, sei­ne homo­se­xu­el­le Ver­an­la­gung und Betä­ti­gung nicht nach außen hin bekannt wer­den zu las­sen, son­dern auf den Bereich sei­nes engs­ten per­sön­li­chen Umfel­des zu beschrän­ken (BVerwG, Urteil v. 15. März 1988, 9 C 278.86, BVerw­GE 79, 143, 149).

Der Klä­ger leg­te Beru­fung gegen das erst­in­stanz­li­che Urteil ein. Das ange­ru­fe­ne Ober­ver­wal­tungs­ge­richt NRW setz­te das Ver­fah­ren mit Beschluss vom 23.11.2010 (13A1013/09.A) aus und leg­te dem EuGH Fra­gen zur Aus­le­gung der EU-Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie (RL 2004/83/EG) zur Vor­ab­schei­dung vor.  Die Defi­ni­ti­on des Flücht­lings­be­griffs und damit die Vor­aus­set­zun­gen des Flücht­lings­schut­zes sind mit die­ser Richt­li­nie auf EU-Ebe­ne umfas­send har­mo­ni­siert. Der EuGH ist allein für die ver­bind­li­che Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zustän­dig. Vor die­sem Hin­ter­grund wird nun in Luxem­burg zu klä­ren sein, ob die deut­sche Ent­schei­dungs­pra­xis hin­sicht­lich der Asyl­an­trä­ge von Homo­se­xu­el­len mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar ist.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat dem EuGH fol­gen­de Fra­gen vor­ge­legt:

„Es wird gemäß Art. 267 AEUV eine Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein-schaf­ten zu fol­gen­den Fra­gen ein­ge­holt:

1. Ist Homo­se­xua­li­tät als sexu­el­le Aus­rich­tung im Sin­ne von Art. 10 Abs. 1 Buchst. d) Satz 2 der Richt­li­nie 2004/83/EG anzu­se­hen und kann sie hin­rei­chen­der Ver­fol­gungs­grund sein?

2. Für den Fall, dass Fra­ge zu 1. zu beja­hen ist:

a) In wel­chem Umfang ist die homo­se­xu­el­le Betä­ti­gung geschützt?

b) Kann der homo­se­xu­el­le Mensch dar­auf ver­wie­sen wer­den, sei­ne sexu­el­le Aus­rich­tung im Hei­mat­land im Ver­bor­ge­nen aus­zu­le­ben und nach außen hin nicht bekannt wer­den zu las­sen?

c) Sind spe­zi­el­le Ver­bo­te zum Schutz der öffent­li­chen Ord­nung und Moral bei Aus­le­gung und Anwen­dung des Art. 10 Abs. 1 Buchst. d) der Richt­li­nie 2004/83/EG beacht­lich oder ist die homo­se­xu­el­le Betä­ti­gung wie bei einem hete­ro­se­xu­el­len Men­schen geschützt?“

Link zum Vor­la­ge­be­schluss des OVG NRW »