21.08.2014
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Newroz Duman (Jugendliche ohne Grenzen, PRO ASYL), Sammy Amara (Sänger der Broilers) und Nurjana Arslanova (Jugendliche ohne Grenzen).

Die Broilers sind mit dem Album „Noir“ an der Spitze der Charts eingestiegen. Das Video zum Song „Ich Will Hier Nicht Sein“ wurde mit Flüchtlingen aus Berlin gedreht und entstand als Reaktion auf die rassistischen Proteste in Berlin Hellersdorf. Vor kurzem hat die Band alle beteiligten Flüchtlinge Backstage zum Konzert eingeladen. Wir waren dabei und haben mit Sänger Sammy Amara über den Tag, den Song und das Thema Flucht und Asyl gesprochen.

Ihr habt Flücht­lin­ge zu Eurem Kon­zert in Ber­lin ein­ge­la­den – war­um?

Vor rund zwei Mona­ten haben wir Kon­takt zu zwei Flücht­lings­hei­men in Ber­lin auf­ge­nom­men. Wir hat­ten die Idee, zu der Sin­gle „Ich will hier nicht sein“ ein Video zu dre­hen, das den Text des Lie­des unter­streicht, die Men­schen hin­ter den Schick­sa­len zeigt und klar macht, dass sie nicht her­kom­men, weil es hier so super ist und weil Flucht so spa­ßig ist wie ein Aus­flug in die Son­ne, son­dern weil es für sie nur weni­ge bis gar kei­ne ande­ren Optio­nen gibt. Dabei war uns nicht wich­tig, auf die Trä­nen­drü­se zu drü­cken, son­dern zu zei­gen: Das sind super gute Men­schen, mit denen man ein­fach ger­ne zusam­men sein möch­te.

Wie habt ihr den Tag erlebt?

Wir woll­ten uns ja per­sön­lich vor­stel­len und als klei­nes Dan­ke­schön den Mädels und Jungs einen schö­nen Tag  besche­ren. Der war dann für uns noch schö­ner als für alle. Wie die Kin­der beim Kon­zert um die Ecke kamen und nach vor­ne gerannt kamen, das war extrem bewe­gend. Ich war froh, dass ich mei­ne Son­nen­bril­le noch zur Hand hat­te, die muss­te ich dann mal ganz kurz auf­set­zen.

Ihr habt euch dazu ent­schie­den in dem Musik­vi­deo gar nicht selbst auf­zu­tre­ten, son­dern den Flücht­lin­gen selbst das Wort zu über­las­sen.

Wir waren uns völ­lig einig, auch mit dem Regis­seur, dass wir in dem Video nichts zu suchen haben. Das hät­te die gan­ze Sache auf­ge­weicht und ihr die Dring­lich­keit genom­men. Eigent­lich haben die Leu­te alles selbst gemacht, der Regis­seur hat sie nur por­trai­tiert. Dafür, dass es so gelau­fen ist, bin ich sehr dank­bar. Beim ers­ten Anse­hen waren wir emo­tio­nal wirk­lich berührt. Da sind man­che Sät­ze drin, bei denen ich immer noch schlu­cken muss. Das war hart.

In dem Video zeigt ihr kei­ne Boots­über­fahr­ten oder Kriegs­si­tua­tio­nen, also nicht die klas­si­schen Bil­der zum The­ma Flucht. Zu sehen sind Men­schen in All­tags­si­tua­tio­nen und Fotos ihrer zurück­ge­blie­be­nen Fami­li­en­mit­glie­der. Was woll­tet ihr mit die­sem Kon­zept aus­lö­sen?

Wir möch­ten, dass Leu­te von dem Video und der The­ma­tik emo­tio­nal berührt wer­den. Wenn ich mir etwas wün­schen dürf­te, dann, dass es bei Faschos, wenn sie es sehen, Scham und ein Nach­den­ken aus­löst. Ich kann mir ein­fach nicht vor­stel­len, dass ein Mensch so stumpf sein kann, dass ihn das alles nicht berührt, dazu braucht man ja wirk­lich eine Mau­er vor sich. Dar­über­hin­aus hof­fen wir – es geht ja nicht um eine kom­mer­zi­el­le Sin­gle, aber trotz­dem – Druck auf Radio­sta­tio­nen und Sen­der aus­zu­üben, das The­ma Flucht in die Öffent­lich­keit zu brin­gen. Wenn wir eine Pflicht haben, dann die, unse­re Mög­lich­kei­ten hier­zu zu nut­zen.

Wie haben denn die Fans auf das Stück und das Video reagiert? Habt Ihr auch nega­ti­ve Reak­tio­nen bekom­men?

Die Reak­tio­nen waren sehr posi­tiv, viel posi­ti­ver als wir uns das gedacht haben. Wir wuss­ten, dass die Plat­te, auf der das Stück ist, stark pola­ri­siert. Sie hat ja pop­pi­ge­re und här­te­re Antei­le, und wir dach­ten, dem­entspre­chend wer­den auch die Reak­tio­nen aus­fal­len. Aber selbst Leu­te, die das Lied nicht mögen, sagen, dass das Video der Wahn­sinn sei und set­zen sich damit aus­ein­an­der. Natür­lich gibt es auch nega­ti­ve Stim­men. Die sind häu­fig von sol­chen Men­schen, die die­se Mau­er vor sich haben. Wenn ich man­che ihrer Kom­men­ta­re lese, muss ich sie fra­gen: Was wollt ihr auf unse­ren Kon­zer­ten, was fin­det ihr da?  

Was wür­dest du zum Bei­spiel sagen, wenn Fans sol­che Sprü­che los­las­sen wie Flücht­lin­ge sol­len zurück­ge­hen, oder wir könn­ten doch nicht die gan­ze Welt ret­ten?

Das pas­siert sel­ten, aber die­se klas­si­schen Sprü­che ken­nen wir alle. Ich begeg­ne ihnen ganz „stumpf“ mit dem Auf­ruf, Mensch­lich­keit zu zei­gen, sich die Situa­ti­on von Flücht­lin­gen bewusst zu machen und vor allem, ihnen nicht schon die Tür vor der Nase zuzu­knal­len. Ich sage, dass ich nicht hof­fe, dass wir flüch­ten müs­sen, und stel­le die Fra­ge nach dem Wenn: Wenn wir selbst auf Hil­fe ange­wie­sen wären, woll­ten wir dann so emp­fan­gen wer­den wie man­che Jungs und Mädels in Deutsch­land? Das wol­len wir nicht. Und ich hof­fe, dass die umge­kehr­te Per­spek­ti­ve die­je­ni­gen, die sich Flücht­lin­gen gegen­über schlecht beneh­men, ein biss­chen wach­rüt­telt.

Du hast bereits gesagt, dass es euch wich­tig ist, das The­ma in eine brei­te Öffent­lich­keit zu tra­gen.  Was wäre dein Wunsch an die heu­ti­ge Gesell­schaft in Bezug auf das Flücht­lings­the­ma? Was kön­nen wir als Ein­zel­ne für Flücht­lin­ge tun?

Ich gehe davon aus, dass vie­le Men­schen sich nicht so inten­siv und gene­rell damit beschäf­ti­gen möch­ten, solan­ge nicht an ihrem Geld­beu­tel gerüt­telt wird. Des­we­gen gehe ich wirk­lich immer auf die­ses ganz „Stump­fe“ zurück und sage: Bleibt ein­fach mensch­lich. Wenn jemand Hil­fe braucht, dann helft ihm. Und ich sage, was Oma und Opa immer gesagt haben: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch kei­nem ande­ren zu. Ganz ein­fach.

Zum Abschluss noch eine per­sön­li­che Fra­ge: Hast du einen per­sön­li­chen Bezug zum The­ma Flücht­lin­ge? Oder gab es es für Euch einen Schlüs­sel­mo­ment, in dem ihr gesagt habt, ok jetzt wol­len wir die­sen Song machen, wir wol­len ein Video dazu dre­hen?

Das The­ma ist uns immer prä­sent, weil wir natür­lich poli­tisch auf einer bestimm­ten Sei­te ste­hen. Aber ein Schlüs­sel­er­leb­nis für mich waren die Geschich­ten, die sich vor eini­ger Zeit in Ber­lin-Hel­lers­dorf abge­spielt haben. Die haben mich an die Anschlä­ge Anfang der 90er-Jah­re in Mölln, Solin­gen, Ros­tock erin­nert, die haben mich sehr ange­ekelt und ich habe mich außer­or­dent­lich geschämt. Wenn Men­schen sich bei Flücht­lin­gen vor die Tür stel­len und brül­len, dass Aus­län­der, dass Flücht­lin­ge nicht will­kom­men sind: Wie kann man sol­chen Men­schen begreif­bar machen, wie dumm und falsch das alles ist? Und des­we­gen habe ich ver­sucht, das auf die­se Wei­se aus­zu­drü­cken – in einem Song.