11.05.2017
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Warnstreik der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer*innen aus Bayern im Herbst 2016. Foto: H. Röder

Raffael Sonnenschein ist Autor, Aktionskünstler und ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer aus Landsberg am Lech. Gemeinsam mit anderen hat er 2016 erfolgreich die bayerischen Flüchtlingshelfer*innen zum Streik aufgerufen und nun eine bundesweite Gewerkschaft für ehrenamtliche Unterstützer*innen gegründet. Im Interview mit PRO ASYL erklärt er, warum.

PRO ASYL: Seit dem Som­mer 2015 hat sich viel geän­dert. Wie beur­tei­len Sie die Stim­mung unter den Helfer*innen?

Raf­fa­el Son­nen­schein: Die Will­kom­mens­kul­tur ist zur Aus­gren­zungs­kul­tur gewor­den. Unse­re Inte­gra­ti­ons­ar­beit wird mit Füßen getre­ten. Wir haben zu Tau­sen­den offe­ne Brie­fe geschrie­ben, an vie­len run­den Tischen, Inte­gra­ti­ons­kon­fe­ren­zen und Demons­tra­tio­nen teil­ge­nom­men, Peti­tio­nen und par­la­men­ta­ri­sche Anfra­gen ange­regt und bis­her ohne Erfolg. Die Ehren­amt­li­chen reagie­ren mit Frust und Resi­gna­ti­on, aber auch mit Zorn und Pro­test.

Wor­an machen Sie die Aus­gren­zungs­kul­tur fest?

Lang­jäh­rig Gedul­de­te wer­den abge­scho­ben. Paten­el­tern wer­den ihre Kin­der weg­ge­nom­men. Jugend­li­che  wer­den in Län­der abge­scho­ben, die sie nie gese­hen haben! Die Blei­be­per­spek­ti­ve ist ein Unding: Wir hat­ten einen Ein­stiegs­kurs für Afgha­nen orga­ni­siert, die muss­ten wir weg­schi­cken, weil sie nicht mehr teil­neh­men durf­ten. Wir bekom­men kaum Unter­stüt­zung von offi­zi­el­ler Sei­te, arbei­ten mona­te­lang und dann kommt jemand und kloppt das alles in die Ton­ne!

»Wir müs­sen uns end­lich Respekt ver­schaf­fen und die Bun­des­re­gie­rung dazu brin­gen, das Grund­ge­setz nicht wei­ter aus­zu­höh­len.«

Raf­fa­el Son­nen­schein

Was war die Idee hin­ter dem Streik der Flüchtlingshelfer*innen?

Die ein­zi­ge Macht, über die wir ver­fü­gen, ist unse­re frei­wil­li­ge Arbeits­kraft und unse­re Zeit. Wir leis­ten den Haupt­teil der Inte­gra­ti­ons­ar­beit. Wenn wir dies nicht als Druck­mit­tel ein­set­zen und zu Streiks bereit sind, wer­den wir nicht mehr erhal­ten als einen feuch­ten Hän­de­druck und eine Urkun­de.

Nun haben Sie sogar eine Gewerk­schaft für Flüchtlingshelfer*innen gegrün­det. Was ist Ihre Visi­on?

VETO, der Gewerk­schafts­ver­band der ehren­amt­li­chen Flücht­lings­hel­fer Deutsch­lands, setzt sich für Nach­hal­tig­keit in der Inte­gra­ti­ons­ar­beit, für Mensch­lich­keit und die Wah­rung unse­res Grund­ge­set­zes ein. Wir bie­ten ein bun­des­wei­tes Netz­werk und ver­ste­hen uns als poli­ti­sches Sprach­rohr der ehren­amt­li­chen Flücht­lings­hel­fer. Am 16. Sep­tem­ber ist in Frank­furt am Main der ers­te Deutsch­land­kon­gress geplant.

Wenn es gelingt, bis dahin 10.000 Flücht­lings­hel­fer zu ver­ei­nen, dann kön­nen wir die Poli­tik beein­flus­sen! Wir müs­sen uns end­lich Respekt ver­schaf­fen und die Bun­des­re­gie­rung dazu brin­gen, das Grund­ge­setz nicht wei­ter aus­zu­höh­len. Wer mit­ma­chen will, fin­det uns auf face­book unter »Unser Veto« oder kann uns über unse­re Home­page www.unserveto.de kon­tak­tie­ren (kontakt@unserveto.de).

Sie for­dern ein Mit­spra­che- und Veto­recht der Ehren­amt­li­chen. Wie stel­len Sie sich das kon­kret vor?

Wir wol­len mit­re­den, bevor Geset­ze und Erlas­se ver­ab­schie­det wer­den. Wir haben einen For­de­rungs­ka­ta­log erstellt, über den wir mit der Poli­tik ver­han­deln wol­len. Außer­dem ver­lan­gen wir die Ein­rich­tung einer zen­tra­len Beschwer­de­stel­le. Dort sol­len Miss­stän­de bei den Behör­den, in den Job­cen­tern, beim Bun­des­amt und in den Unter­künf­ten doku­men­tiert und auf­ge­klärt wer­den.

Sie haben Ihre Ide­en auch im Bun­des­kanz­ler­amt vor­ge­stellt. Was erwar­ten Sie von der Poli­tik?

Die ehren­amt­li­chen Flücht­lings­hel­fer leis­ten His­to­ri­sches für unser Land. Die­ser Leis­tung gebührt Aner­ken­nung, auch sei­tens der Poli­tik. Wir haben durch­aus kon­struk­ti­ve, ers­te Gesprä­che geführt. Ent­schei­dend ist aber die Umset­zung: Mehr Mensch­lich­keit ist mach­bar! Das gilt für den Ein­zel­nen und für Deutsch­land.