03.07.2015
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Lamin hat eine jahrelange Flucht aus seinem Heimatland Gambia hinter sich. Seine Erlebnisse hat Ingrid Meiler aufgeschrieben. Foto: Ingrid Meiler

Lamin floh aus Gambia über Senegal, Mali, Burkina Faso nach Libyen, von dort über Italien nach Deutschland. Jetzt sitzt er in einer Aufnahmeeinrichtung im Kreis Heidenheim, ihm droht die Abschiebung nach Italien. Ingrid Meiler hat sich mit Lamin zusammengesetzt und aufgeschrieben, was er ihr erzählt hat – unter anderem, was er in Libyen erlebte.

Lamin floh aus Gam­bia nach Liby­en, dort hat­te er Arbeit und ein gutes Leben. Dann brach 2011 der Bür­ger­krieg in Liby­en aus. Er floh mit dem Boot nach Ita­li­en und von dort nach Deutsch­land. Was Lamin über sei­ne Zeit in Liby­en berich­tet, ist trau­ri­ger­wei­se noch immer aktu­ell: Wie wäh­rend der Revol­te gegen Gad­da­fi sit­zen auch heu­te noch Tau­sen­de Flücht­lin­ge, Migran­tin­nen und Migran­ten in Liby­en fest. Lamins Bericht steht daher für vie­le ähn­li­che Berich­te von Schutz­su­chen­den. Ingrid Mei­ler hat uns ihr Manu­skript mit Lamins Geschich­te geschickt, für das sie noch einen Ver­lag sucht, um alle Etap­pen von Lamins Flucht erzäh­len zu kön­nen, von Gam­bia über Liby­en und Ita­li­en nach Deutsch­land.

Liby­en: Bür­ger­krieg, Haft, Miss­hand­lung, Kor­rup­ti­on und Zwangs­ar­beit

Nach eini­gen Mona­ten hat­te ich tat­säch­lich mei­ne Schul­den zurück­be­zahlt, konn­te lang­sam etwas auf­bau­en und zufrie­de­ner in die Zukunft bli­cken. Aber dann brach im Febru­ar 2011 der Bür­ger­krieg in Liby­en aus. Oppo­si­tio­nel­le Bewaff­ne­te näher­ten sich von Ben­gasi aus, vom Osten her, lang­sam Tri­po­lis. Dort in der Mil­lio­nen­stadt Ben­gasi hat­te sich mit dem Natio­na­len Über­gangs­rat eine zwei­te Regie­rung eta­bliert.

Plötz­lich konn­te ich nicht mehr arbei­ten. Das Leben in der Stadt wur­de zu gefähr­lich für uns. War­um? Gad­da­fi hat­te Söld­ner aus dem Tschad ange­heu­ert, bis zu 1000 ame­ri­ka­ni­sche Dol­lar soll­te jeder bekom­men haben. Und die­se waren schwarz, so wie ich. Der Besit­zer unse­res klei­nen Zuhau­ses hat­te recht­zei­tig erkannt, dass wir gefähr­det waren.

Da unser „Wohl­tä­ter“ noch am Stadt­rand ein klei­nes Wochen­end­haus besaß, das von einem Feld umge­ben ist, beschloss er, uns dort unter­zu­brin­gen.  Gan­ze sie­ben Mona­te harr­te ich mit mei­nem Bekann­ten, der mir ein guter Freund und wahr­haf­ti­ger Schick­sals­ge­nos­se gewor­den war, in die­sem Wochen­end­haus aus. Wir saßen in der Fal­le, und so fühl­ten wir uns auch. Wir konn­ten das Land nicht ver­las­sen. Weder konn­te ich in ein ande­res Land rei­sen, noch raus aus Tri­po­lis, noch aus unse­rem Häus­chen, das nun zu unse­rem Gefäng­nis gewor­den war.

Eines Tages besuch­te uns der Besit­zer. Er war mit sei­nem Auto vor­ge­fah­ren, hat­te Lebens­mit­tel dabei, klopf­te an die Tür und rief mei­nen Namen. Wie ver­ab­re­det ließ ich ihn ein, sogleich ver­schlos­sen wir die Tür wie­der. Gera­de hat­ten wir uns begrüßt, als wir drau­ßen meh­re­re Män­ner­stim­men hör­ten. Die­se for­der­ten uns auf, unver­züg­lich die Tür zu öff­nen.

Unser „Wohl­tä­ter“ dach­te nur kurz nach, fass­te blitz­schnell eine Ent­schei­dung und sag­te dann zu uns: „Wir müs­sen die Tür öff­nen, wenn wir am Leben blei­ben wol­len! Andern­falls schie­ßen sie durch die Tür.“ Und so lie­ßen wir die Bewaff­ne­ten her­ein, mit der Fol­ge, dass wir alle drei ver­haf­tet wur­den. Zu die­sem Zeit­punkt hat­ten die Rebel­len Tri­po­lis ein­ge­nom­men, wäh­rend sich Muammar al-Gad­da­fi in sei­ne Geburts­stadt Sir­te zurück­ge­zo­gen hat­te und dort dann auch getö­tet wur­de.

Von die­sem gan­zen Durch­ein­an­der, mili­tä­risch, wirt­schaft­lich und poli­tisch, bekam ich zunächst gar nichts mit. Ein Durch­ein­an­der hat­te ich aber in mei­nem Kopf. Ich konn­te kaum reden, war in mich gekehrt. Apa­thisch saß ich auf mei­ner Matrat­ze, mei­ner Schlaf­stät­te, die auf dem Boden lag. Zu zehnt waren wir in einer Zel­le unter­ge­bracht, in einem Gefäng­nis in Sawiya, einer klei­nen Stadt nahe Tri­po­lis.

Mein Freund und ande­re Mit­in­sas­sen ver­such­ten mich auf­zu­mun­tern, sie woll­ten in mir wie­der einen Fun­ken Hoff­nung ent­fa­chen. Lang­sam und mit gro­ßer Mühe ent­kam ich mit ihrer Hil­fe der Lethar­gie. Dann kam noch hin­zu, dass ein Gefäng­nis­auf­se­her vor mei­nen Augen ein Doku­ment zer­riss, das mir und mei­nem Freund beschei­nig­te, dass wir uns frei in Liby­en auf­hal­ten dürf­ten. Mein Arbeit­ge­ber hat­te uns die­ses gleich nach Ein­tref­fen in Tri­po­lis zu unse­rer eige­nen Sicher­heit beschafft. Jetzt wuss­te ich, dass ich recht­los bin in einem Land ohne Gesetz. Oder in einem Land, in dem das Recht des Stär­ke­ren, des Kri­mi­nel­le­ren galt.

Nach einer Woche wur­den wir in das Gefäng­nis nach Sam­ra­ta, einem Vor­ort von Tri­po­lis, ver­legt. Hier bekam der All­tag eine Struk­tur: Gegen 11 Uhr gab es Früh­stück, Mak­ka­ro­ni mit Toma­ten­so­ße auf Tel­lern, dazu Brot. Gegen den Durst ging ich in die Toi­let­te und trank Was­ser aus dem Was­ser­hahn des Wasch­be­ckens. Dann kam ein Gefäng­nis­auf­se­her, such­te sich zwei bis drei Gefan­ge­ne aus unse­rer zehn­köp­fi­gen Grup­pe aus und nahm sie mit zu sich nach Hau­se. Hier arbei­te­te ich meis­tens bis 16 oder 17 Uhr, manch­mal auch bis 18 Uhr. Wäh­rend die­ser Zeit bekam ich nichts zu essen, nur Was­ser, um mei­nen Durst zu löschen. Oft arbei­te­te ich bei den Auf­se­hern daheim oder auf deren Bau­stel­len, natür­lich bewacht. Die Gefäng­nis­auf­se­her arbei­te­ten ohne jeg­li­che Kon­trol­le irgend­ei­ner Regie­rung, und der ein­zi­ge Grund mei­ner Inhaf­tie­rung war mei­ne Haut­far­be.

Mei­nem Freund kos­te­te das das Leben. An einem Arbeits­tag woll­te er in einem schein­bar unbe­auf­sich­tig­ten Moment flie­hen, wur­de aber ent­deckt und von dem Auf­se­her nie­der­ge­schos­sen. Mir wur­de berich­tet, es sei ein Schuss ins Bein gewe­sen, an des­sen Fol­gen er dann im Kran­ken­haus gestor­ben sei.  Wir hat­ten so viel zusam­men durch­ge­macht. Er hat­te mir bis hier­her gehol­fen, und nun war er nicht mehr am Leben. Ich war geschockt und vol­ler Angst, dass auch ich mein Leben ver­lie­re in die­sem von Anar­chie regier­ten Land.

Man­che Nacht konn­te ich kaum schla­fen, obwohl ich sehr müde und erschöpft von der Arbeit war. Klei­ne wei­ße Insek­ten kamen aus dem nächt­li­chen Nichts und ver­such­ten, auf mei­nem Kör­per ihren Hun­ger zu stil­len. Sie saug­ten mein Blut an mei­nen Armen und vor allem an mei­nem Bauch. Mich lie­ßen sie zurück mit einem star­ken Juck­reiz, wäh­rend sie sich wie­der laut­los davon mach­ten und den Tag wahr­schein­lich in irgend­ei­nem eige­nen Ver­steck ver­schlie­fen. Mein Kör­per wur­de nicht nur nachts von klei­nen, sechs­bei­ni­gen Lebe­we­sen trak­tiert. Tags­über, je nach Stim­mung und Schicht, wur­de ich auch grund­los immer wie­der von Gefäng­nis­auf­se­hern geschla­gen. Nar­ben, auch von einem abge­wehr­ten Mes­ser­an­griff, wer­den mich ein Leben lang an die­se schlim­me Zeit erin­nern.

Nur mit gro­ßer Mühe und der Hil­fe eines mir wohl geson­nen Gefäng­nis­auf­se­hers gelang es mir, doch wie­der nach vorn schau­en zu kön­nen. Es war bereits an mei­nem vier­ten Tag im Gefäng­nis von Sam­ra­ta, als genau die­ser Auf­se­her, etwa 40 bis 45 Jah­re alt, Dienst hat­te. Er ließ uns raus in den Hof, damit wir uns an der fri­schen Luft bewe­gen konn­ten. Und aus irgend­ei­nem Grund hat­te die­ser mich in sein Herz geschlos­sen. Ich konn­te es sei­ner Mimik ent­neh­men, aus sei­nem Gesicht lesen. Als die­ser Auf­se­her bei der Essens­aus­ga­be Dienst hat­te, geschah etwas Außer­ge­wöhn­li­ches: Unse­re Augen begeg­ne­ten sich, ein flüch­ti­ges Lächeln husch­te über sein Gesicht, und ich hat­te seit vie­len Mona­ten und Jah­ren wie­der das Gefühl: Es gibt noch Mensch­lich­keit. Immer wie­der begeg­ne­ten wir uns bei der Essens­aus­ga­be. Neben einem flüch­ti­gen Lächeln wech­sel­ten wir auch ein­mal ein paar Wor­te.

Eines Tages wähl­te mich genau die­ser Auf­se­her zur Arbeit aus. Zunächst erhielt ich bei ihm daheim ein Früh­stück. Er schob mir auch schon ein­mal einen Apfel zu und gab mir sogar war­mes Essen. Ich hat­te in mei­ner schier aus­weg­lo­sen Situa­ti­on lang­sam wie­der Hoff­nung geschöpft. „War­um? War­um? War­um?“ Dies waren mei­ne Fra­gen, wenn wir mit­ein­an­der ins Gespräch kamen. Er erklär­te mir die poli­ti­sche Lage: Kei­ne Regie­rung, Anar­chie. Jeder konn­te tun und las­sen, was er woll­te. Jetzt konn­te ich ansatz­wei­se ver­ste­hen, war­um ich in die­ser so miss­li­chen Situa­ti­on war. Es gab kei­ner­lei staat­li­ches Gesetz und Recht. Jeder setz­te mit sei­nen Waf­fen sein eige­nes Recht durch, so gut er konn­te. Und genau die­ses woll­te nun der mir so wohl­ge­son­ne­ne Auf­se­her für sich in Anspruch neh­men. Eines Tages erklär­te er mir, dass er nach Arbeit für mich suchen wür­de. Er wür­de mich dann lau­fen las­sen, und ich wäre frei. Ich schöpf­te Hoff­nung und kam schließ­lich frei: Selbst Essen kochen kön­nen, ohne Bewa­chung schla­fen kön­nen, ein­fach wie­der frei zu sein – dafür dank­te ich von gan­zem Her­zen Allah, mei­nem Gott.

Aber nach unge­fähr drei Mona­ten geriet ich bei mei­ner Arbeits­su­che an Kri­mi­nel­le. Wie immer war ich in ein Auto ein­ge­stie­gen, weil mir Arbeit ver­spro­chen wur­de. Wie immer war ich schutz- und recht­los die­sen Men­schen aus­ge­lie­fert. Die­se Kri­mi­nel­len erpress­ten mich, woll­ten mein Geld haben, das ich bei mir trug. Es waren gera­de ein­mal 50 Dinar, also etwa 34 Euro. Den Ver­lust des müh­sam erar­bei­te­ten Lohns hät­te ich ja noch ver­schmer­zen kön­nen, doch sie nah­men mir die Frei­heit. Ich wur­de gefan­gen genom­men, eine Nacht, zwei Näch­te. Schließ­lich waren wir fünf Gefan­ge­ne, die für die­se Leu­te arbei­ten muss­ten, ganz ohne Bezah­lung, nur für Kost und Logis, wie im Gefäng­nis. Es war mir viel zu gefähr­lich, an Flucht zu den­ken, denn alle waren bewaff­net. Da eine Flucht unmög­lich war, ergab ich mich in mein Schick­sal. Ich war am Leben. Die Arbeit, die ich ver­rich­ten muss­te, war abwechs­lungs­reich: Das Haus put­zen, nach dem Ein­kauf Las­ten ins Haus tra­gen. Manch­mal muss­te ich auf dem Feld arbei­ten und Fur­chen für die Saat in die Erde zie­hen. Gan­ze sechs Mona­te muss­te ich mei­ne Arbeits­kraft in den Dienst die­ser Kri­mi­nel­len stel­len.

Ein Mann aus die­ser Grup­pe stach aber her­aus. Er mach­te auf mich einen ordent­li­chen Ein­druck, sei­ne Mimik, sei­ne Augen, sein Gesichts­aus­druck lie­ßen in mir den Ent­schluss rei­fen, ihn eines Tages anzu­spre­chen. Ich nahm allen mei­nen Mut zusam­men. Ver­lie­ren konn­te ich in die­ser miss­li­chen Situa­ti­on nichts. Ich sprach ihn in einem pas­sen­den Augen­blick an, dabei tra­ten mir unwill­kür­lich Trä­nen in die Augen: „Schon wie­der bin ich in einem Gefäng­nis. Was ist dies für ein Land? Ich muss es ver­las­sen. Ich will in Frie­den leben, des­halb kam ich hier­her nach Liby­en. Wie kann ich die­ses Land ver­las­sen. Wie kann ich wei­ter­zie­hen nach Tune­si­en, nach Alge­ri­en oder gar zurück nach Bur­ki­na Faso?“ Ich kann­te kei­ne Zurück­hal­tung mehr. All die­se Gedan­ken kreis­ten schon seit län­ge­rem in mei­nem Kopf und spru­del­ten nun so her­aus. Nur weg, weg aus die­sem gefähr­li­chen Liby­en, in dem ich mei­nes Lebens nicht mehr sicher bin. „Bit­te hel­fen Sie mir! Bit­te hel­fen Sie mir, die­ses Land zu ver­las­sen! Ich wer­de noch ver­rückt, ich muss aus Liby­en raus!“

Ich hat­te mich nicht in mei­nem Gegen­über getäuscht. Er woll­te mei­ne gan­ze Lei­dens­ge­schich­te hören und den Grund mei­ner Flucht aus Gam­bia. Und so begann ich: „In Gam­bia herrscht ein Dik­ta­tor… “ Schon bei den ers­ten Sät­zen mei­nes Flucht­ver­laufs sah ich, wie auch er gla­si­ge Augen bekam. Ein auf­rich­ti­ger Liby­er, mit­ten im bru­ta­len Cha­os, kämpf­te mit den Trä­nen und zeig­te gerührt Anteil­nah­me an mei­nem Schick­sal! Wie­der war ich auf einen Men­schen gesto­ßen, der noch Mensch­lich­keit kann­te und mir wei­ter­hel­fen woll­te.

Um Lamins Geschich­te ver­öf­fent­li­chen zu kön­nen sucht die Auto­rin nach einem Ver­lag: Eine Kon­takt­auf­nah­me ist unter ingrid-meiler@t-online.de mög­lich.