22.12.2014
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Von links nach rechts: Delia Schoemaker, Robert van Wermeskerken, Herr und Frau Chanan mit Nichte Luna Ali, Daniela Kösters. Foto: Privat

Eine niedersächsische Bürgermeisterin will einem syrischen Kinderarzt in Lohn und Brot vermitteln und gleichzeitig gegen den massiven Ärztemangel in der ländlichen Region vorgehen. Ihre Gemeinde bezahlt dem Flüchtling aus Aleppo den Deutschkurs, und drängt auf die Eröffnung seines Zulassungsverfahrens als Arzt. Der Plan würde allen Seiten helfen. Doch für Flüchtlinge sind die Hürden hoch.

Anfang Oktober hört Daniela Kösters, Bürgermeisterin im niedersächsischen Emlichheim, den Hannoveraner Jurastudenten Aram Ali in einer Talkshow über die Hürden für seinen syrischen Onkel Mohamed bei der Arbeitsaufnahme in Deutschland sprechen. Der 53-Jährige ist Kinderarzt. Er verfügt über 20 Jahre praktische Erfahrung in seiner Praxis in Aleppo. Um in Deutschland als Arzt zugelassen zu werden, muss er zunächst einen Sprachkurs absolvieren. Zudem muss er ein individuelles Zulassungsverfahren bei der Niedersächsischen Ärztekammer durchlaufen, die die Gleichwertigkeit seiner Ausbildung als Arzt mit der deutschen prüft.

Kurzentschlossen nimmt Bürgermeisterin Kösters Kontakt zu der Familie auf: „Im Grunde habe ich gesagt, Mensch, das muss doch  irgendwie möglich sein, dass ein Arzt mit 20 Jahren praktischer Erfahrung hier auch als Arzt arbeiten kann“, sagt sie im Gespräch mit PRO ASYL. Eine Lösung für den geflüchteten Kinderarzt würde auch ihrer Gemeinde zugutekommen: Wie so viele andere Landgemeinden kämpft auch Emlichheim seit Jahren mit dem Problem des Ärztemangels. Eine örtliche Praxis sucht seit Jahren verzweifelt nach Zuwachs. Nach Vorlage seiner Unterlagen bekommt Chanan dort sofort ein Arbeitsangebot. Die Gemeinde beschließt, ihm den Deutschkurs zu bezahlen. Parallel will Daniela Kösters ihn bei der Zulassung als Arzt unterstützen, um ihm eine schnelle Arbeitsaufnahme zu ermöglichen.

Für EU-Bürger ist das Prozedere wesentlich einfacher, erfährt die Bürgermeisterin. Nach der betreffenden EU-Richtlinie kann ihre Zulassung unter bestimmten Voraussetzungen automatisch anerkannt werden – für Kösters eine unverständliche Bevorzugung: „Gerade der Beruf des Arztes. Das sind ja universitäre Ausbildungen, warum macht man da so einen großen Unterschied?“, fragt sie sich. Anfang Oktober sucht die Bürgermeisterin im Falle Mohamed Chanans erstmals bei der Ärztekammer Rat: 

„Ich hatte erwartet, dass diese Stelle uns begleitet, die beraten will“, sagt sie. „Aber ich hatte eher den Eindruck, man hängt diese Latte so hoch, dass es im Grunde Wenigen gelingt, diese Hürde zu schaffen.“ In der Tat haben Flüchtlinge vielfach erschwerte Startbedingungen in der Gleichwertigkeitsprüfung: Ordnungspolitische Beschränkungen erschweren die Arbeitsaufnahme. Viele haben ihre Ersparnisse in die Flucht investiert oder sogar zurücklassen müssen. Dadurch fällt es ihnen häufig schwer, die Verfahrenskosten plus die damit verbundenen Kosten für Übersetzungen und Beglaubigungen der geforderten Unterlagen aufzubringen.

Neben den Ausbildungs- und Studiennachweisen sind dies zahlreiche weitere Dokumente aus dem Herkunftsland. Mohamed Chanan muss unter anderem eine „Unbedenklichkeitserklärung“ (Certificate of good Standing), vorlegen, ausgestellt von einer syrischen Behörde.

 „Ich sehe nicht, dass er diese in einer angemessenen Zeit besorgen kann“, sagt Daniela Kösters. In Kriegs- und Krisengebieten sind Institutionen vielfach zerstört, staatliche Strukturen brechen zusammen. Zudem kann ein Kontakt zu staatlichen Stellen für Flüchtlinge riskant sein, bzw. ist eine Kooperation nicht gegeben. Dadurch sind die bürokratischen Hürden für Flüchtlinge im Anerkennungsverfahren besonders hoch. Mit dem 2012 in Kraft getretenen Anerkennungsgesetz haben Asylsuchende einen Anspruch auf die Gleichwertigkeitsprüfung ihrer im Ausland erworbenen Berufsabschlüsse und einer unabhängigen Erstberatung durch das IQ-Netzwerk.

Von diesen in den vergangenen Jahren geschaffenen Erleichterungen hat Mohamed Chanan knapp zwei Monate nach seiner Ankunft in Deutschland jedoch noch nicht profitieren können. Flüchtlingen in ähnlichen Situationen gelingt es in den Anerkennungsverfahren im Einzelfall immer wieder, individuelle Lösungen zu finden. Jedoch verstreichen über die Nachweisbeschaffung vielfach wertvolle Monate.

Dies droht auch Mohamed Chanan, fürchtet Daniela Kösters: „Er hängt in der Luft. Mit seiner Ausbildung als Arzt kann er hier zurzeit nichts anfangen.“ Grundsätzlich geht die Bürgermeisterin d’accord damit, das künftige Ärzte Sprachkenntnisse und eine gleichwertige Ausbildung nachweisen müssen. Mohamed Chanan hat dies getan: Er hat nicht nur 20 Jahre praktisch gearbeitet, sondern auch aussagefähige Reputationen des syrischen Gesundheitsministeriums vorgelegt. Dennoch, kritisiert Kösters, drohe ihm angesichts der bürokratischen Hürden, dass ihm nichts anderes übrig bleibe, als ein prekäres Beschäftigungsverhältnis einzugehen.

„Ich habe die Forderung, dass die bürokratischen Hürden hier eine Anerkennung für Mangelberufe zu bekommen, gelockert werden“, sagt die Bürgermeisterin. „Das bemängele ich, dass wir in Deutschland nicht die Chance nutzen, die wir durch die Zuwanderung haben. Dass nicht forciert wird, dass diese Menschen hier eine Zukunft haben.“ 

Daten zur Anerkennungsberatung durch das IQ-Netzwerk

Statistik der Bundesärztekammer der 2013 in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärztinnen und Ärzte

PRO-ASYL-Hintergrundartikel: Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt – zwischen Teilhabe und Ausschluss