01.01.2012

Newsletter Jan 2012

Ein Asyl­be­wer­ber darf nicht an einen EU-Mit­glieds­staat über­stellt wer­den, in dem er Gefahr läuft, unmensch­lich behan­delt zu wer­den. Dies ist der Gehalt eines Urteils des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes vom 21. Dezem­ber 2011 und die Über­schrift der zuge­hö­ri­gen Pres­se­mit­tei­lung vom sel­ben Tage. Das Uni­ons­recht las­se kei­ne unwi­der­leg­ba­re Ver­mu­tung zu, dass EU-Mit­glieds­staa­ten die Grund­rech­te die Asyl­be­wer­ber beach­ten. Es oblie­ge den Mit­glieds­staa­ten ein­schließ­lich ihrer natio­na­len Gerich­te, einen Asyl­be­wer­ber nicht an den durch Dub­lin-II-Ver­ord­nung als zustän­dig bestimm­ten Mit­glieds­staat zu über­stel­len, wenn ihnen nicht ver­bor­gen geblie­ben sein kann, dass sys­te­mi­sche Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen ernst­lich und erwie­se­ner­ma­ßen Grund zu der Annah­me geben, dass der Antrag­stel­ler Gefahr lau­fe, einer unmensch­li­chen und ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne der Grund­rech­te­char­ta der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­setzt zu wer­den. Der Gerichts­hof weist dar­auf hin, dass das gemein­sa­me euro­päi­sche Asyl­sys­tem in einem Kon­text ent­wor­fen wor­den sei, der die Annah­me zulas­se, dass alle betei­lig­ten Staa­ten Grund­rech­te beach­te­ten und die Mit­glieds­staa­ten ein gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en in ein­an­der haben dürf­ten. Die­ses Ver­trau­en jedoch hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof mit dem aktu­el­len Urteil in sei­ner Wir­kung stark ein­ge­schränkt. Ein blin­des Abschie­ben, ohne dass sich ein Gericht mit den Ver­hält­nis­sen in dem in Rede ste­hen­den ande­ren EU-Mit­glieds­staat befasst, steht nicht im Ein­klang mit EU-Recht. Damit ist der deut­sche Gesetz­ge­ber am Zug, der durch eine Geset­zes­än­de­rung gewähr­leis­ten muss, dass Schutz­su­chen­den einen effek­ti­ven Rechts­schutz gegen eine Abschie­bung in einen ande­ren EU-Mit­glieds­staat haben. PRO ASYL nann­te das Urteil in einer Pres­se­er­klä­rung vom 21. Dezem­ber 2011 die zwei­te schal­len­de Ohr­fei­ge für die euro­päi­sche Asyl­po­li­tik, wobei die ers­te das Grund­satz­ur­teil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te in Straß­burg im Janu­ar 2011 war, der die Abschie­bung nach Grie­chen­land im Fal­le eines afgha­ni­schen Asyl­su­chen­den für men­schen­rechts­wid­rig erklär­te. PRO ASYL for­dert die Strei­chung des Para­gra­phen 34a des Asyl­ver­fah­rens­ge­set­zes, der den einst­wei­li­gen Rechts­schutz bei soge­nann­ten Dub­lin-Über­stel­lun­gen bis­her aus­schließt. In der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung vom 21. Dezem­ber 2011 fass­te Rein­hard Mül­ler das Fazit des Urteils zusam­men: „Es gibt kein uner­schüt­ter­li­ches Ver­trau­en in die Rechts­staat­lich­keit aller EU-Staa­ten. Und: Euro­pas Zweck ist letzt­lich, Recht und Frei­heit des Ein­zel­nen zu wah­ren.