01.09.2011

Newsletter Sep 2011

Das Sozi­al­ge­richt Mann­heim hat am 10. August einem Eil­an­trag statt­ge­ge­ben, der einem allein­ste­hen­den Bezie­her von Asyl­be­wer­ber­leis­tun­gen zusätz­lich zu den bereits nach § 3 Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz gewähr­ten Leis­tun­gen wei­te­re 65,51 Euro monat­lich zuspricht. Es han­delt sich um den ers­ten Beschluss die­ser Art, den Rechts­an­walt Bert­hold Münch in einer Pres­se­mit­tei­lung in sei­ner Bedeu­tung kom­men­tiert hat. Er macht deut­lich, dass auch Asyl­be­wer­ber ein Recht auf Siche­rung ihres Exis­tenz­mi­ni­mums haben, das durch die aktu­el­len gesetz­li­chen Rege­lun­gen mas­siv unter­schrit­ten wird. Das Gericht hat den Hartz-IV-Regel­satz zugrun­de gelegt, den Anteil für die in der Gemein­schafts­un­ter­kunft bereit gestell­ten Kos­ten für Haus­halt und Ener­gie her­aus­ge­rech­net und dem Klä­ger vor­erst die Hälf­te der ver­blei­ben­den Dif­fe­renz zwi­schen Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz und Hartz IV zuge­spro­chen.
Georg Clas­sen vom Flücht­lings­rat Ber­lin, Exper­te für das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz, weist dar­auf hin, dass auch anders­wo bei Leis­tungs­be­zug nach § 3 Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz Wider­sprü­che gegen die Leis­tungs­hö­he und Eil­an­trä­ge beim Sozi­al­ge­richt zu über­le­gen sind. Obwohl seit Inkraft­tre­ten des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes im Novem­ber 1993 die Prei­se um 32 % gestie­gen sind, wur­den die Beträ­ge ent­ge­gen der im Gesetz selbst vor­ge­tra­ge­nen Rege­lung nie an die Preis­ent­wick­lung ange­passt.
Die Bun­des­re­gie­rung ver­schleppt sys­te­ma­tisch die über­fäl­li­ge Anpas­sung der Leis­tungs­sät­ze, die sie selbst inzwi­schen als ver­fas­sungs­wid­rig ansieht. Mit einem Schrei­ben vom 13. August 2010 hat das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les eine wei­te­re –völ­lig über­flüs­si­ge – Pha­se der Eva­lu­ie­rung ein­ge­lei­tet. Neben Exper­ten, von denen sich die meis­ten längst im Rah­men von Anhö­run­gen usw. geäu­ßert haben, fragt man jetzt die zustän­di­gen Minis­te­ri­en und Senats­ver­wal­tun­gen an, deren Bei­trä­ge dann nach einer Aus­wer­tung den gesetz­ge­ben­den Kör­per­schaf­ten zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Die Exper­ten und Ver­bän­de hat­ten sich auf Auf­for­de­rung des BMAS bereits bis Novem­ber 2010 zum The­ma geäu­ßert.
Es ist völ­lig inak­zep­ta­bel, dass das BMAS nach Mona­ten des Nichts­tuns jetzt Pseu­do­ak­ti­vi­tä­ten ent­fal­tet, indem es auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mona­te­lang auf eine Stel­lung­nah­me zu einem Vor­la­ge­be­schluss des Lan­des­so­zi­al­ge­richts NRW zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Asyl­be­wer­ber­leis­tun­gen für Kin­der hat war­ten las­sen. Es sei jetzt nicht Auf­ga­be der Län­der, den fest­ge­stell­ten ver­fas­sungs­wid­ri­gen Zustand zu besei­ti­gen, so Georg Clas­sen. Das BMAS muss den Leis­tungs­be­darf selbst ver­fas­sungs­kon­form ermit­teln und ein Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­lei­ten. Ver­mut­lich erhofft man sich noch eini­ge ver­zö­gern­de Quer­schüs­se aus den Län­dern. Bis Ende 2011 will man mit den Län­dern erst ein­mal fol­gen­los kom­mu­ni­zie­ren. PRO ASYL unter­stützt Bemü­hun­gen, die Mei­nungs­bil­dung durch Kla­gen zur Leis­tungs­hö­he vor­an­zu­brin­gen. Für die taz hat Chris­ti­an Jakob den Sach­stand unter der Über­schrift „Asyl­be­wer­ber gehen leer aus am 10 August 2011 zusam­men­ge­fasst.