08.04.2026
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Demonstration gegen ICE im Februar 2026 in Minnesota. Foto: picture alliance / NurPhoto | Jerome Gilles

Die brachialen Abschiebemethoden der ICE-Behörde in den USA schockieren weltweit. Wir haben mit Mónica Ruiz House von der Hilfsorganisation »No More Deaths« über die Verlagerung von Gewalt an den Grenzen ins Landesinnere, über Protestformen einer empörten Zivilgesellschaft und über Parallelen zur europäischen Abschottungspolitik gesprochen.

No More Deaths ist eine huma­ni­tä­re Orga­ni­sa­ti­on in den USA, die sich 2004 als Zusam­men­schluss von Gemein­de- und Glau­bens­grup­pen gegrün­det hat, um die Todes­fäl­le von Men­schen auf der Flucht in der Sono­ra-Wüs­te in Ari­zo­na zu stop­pen. Im Gespräch mit Móni­ca Ruiz House, Koor­di­na­to­rin für Medi­en­ar­beit und digi­ta­le Organisation.

Móni­ca Ruiz House ist Spre­che­rin von No More Deaths. Als Koor­di­na­to­rin für Medi­en­ar­beit und Orga­ni­zing setzt sie sich für die Rech­te von Flücht­lin­gen und Migrant*innen ein und schult Ehren­amt­li­che, die sich enga­gie­ren wollen.

Wie schät­zen Sie die Men­schen­rechts­si­tua­ti­on für Flücht­lin­ge in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten aktu­ell ein?

Die Situa­ti­on ist men­schen­recht­lich gese­hen sehr besorg­nis­er­re­gend. Wir sehen der­zeit im gan­zen Land zahl­rei­che Fäl­le von ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung und offe­nem Racial Pro­fil­ing, die im Zusam­men­hang mit der Durch­set­zung der Ein­wan­de­rungs­ge­set­ze ste­hen. Beson­ders auf­fäl­lig ist, dass sich die Situa­ti­on zunächst nur an der Gren­ze mitt­ler­wei­le auf das gesam­te Land aus­ge­wei­tet hat.

Wäh­rend der ers­ten Trump-Regie­rung lag der Schwer­punkt auf der Kon­trol­le der Süd­gren­ze. Vie­le erin­nern sich noch an die scho­ckie­ren­den Bil­der von Kin­dern in Käfi­gen, die damals eine gro­ße öffent­li­che Empö­rung aus­ge­löst haben. Mitt­ler­wei­le hat sich die­se Art der Migra­ti­ons­po­li­tik zuneh­mend ins Lan­des­in­ne­re, zum Bei­spiel in die Städ­te Chi­ca­go, Min­nea­po­lis, Kali­for­ni­en und in vie­le ande­re Tei­le der USA verlagert.

Sie doku­men­tie­ren Miss­hand­lun­gen durch die Bundespolizist*innen der United Sta­tes Bor­der Pat­rol (USBP) und durch ande­re Behör­den. Wel­che For­men von Gewalt oder Miss­brauch beob­ach­ten Sie der­zeit beson­ders häufig?

Wir haben bereits 2011 eine Stu­die ver­öf­fent­licht, in der wir rund 12.000 Men­schen befragt haben, die abge­scho­ben wur­den und zuvor Kon­takt mit der US-Ein­wan­de­rungs­be­hör­de hat­ten, dar­un­ter auch mit der Bor­der Pat­rol. Vie­le der Befrag­ten gaben an, kör­per­li­che Gewalt durch die Immi­gra­ti­ons­po­li­zei erlebt zu haben. Wenn über Grenz­schutz und Grenz­po­li­tik gespro­chen wird, heißt es oft, sol­che Über­grif­fe sei­en das Werk eini­ger weni­ger »schwar­zer Scha­fe«. Aber unse­re Stu­die und auch das, was wir heu­te noch vor Ort in den Com­mu­ni­ties beob­ach­ten, zeigt, dass die­se Erklä­rung zu kurz greift. Es geht nicht nur um indi­vi­du­el­les Fehl­ver­hal­ten. Die Pro­ble­me wei­sen viel­mehr auf tie­fe struk­tu­rel­le Defi­zi­te inner­halb des gesam­ten Sys­tems hin.

Es scheint also, dass Gewalt als legi­ti­mes Instru­ment der Exe­ku­ti­ven eta­bliert wurde?

Wir spre­chen hier von einer men­schen­recht­li­chen Kri­se, die bewusst her­bei­ge­führt wur­de. Die Zahl der Todes­fäl­le von Flücht­lin­gen an der US-mexi­ka­ni­schen Gren­ze ist erschüt­ternd. In einer öffent­li­chen Daten­bank doku­men­tie­ren wir jeden Todes­fall ent­lang der Süd­gren­ze – Tau­sen­de ver­lo­re­ne Men­schen­le­ben. Das als etwas ande­res als eine poli­tisch ver­ur­sach­te Kri­se zu beschrei­ben, wür­de der Rea­li­tät vor Ort nicht gerecht werden.

Wer­fen wir zum Bei­spiel einen Blick auf die für die Durch­set­zung der Ein­wan­de­rungs­ge­set­ze zustän­di­ge Behör­de »United Sta­tes Immi­gra­ti­on and Cus­toms Enforce­ment«, kurz ICE: Im Jahr 2025 sind 32 Men­schen infol­ge von Begeg­nun­gen mit ICE gestor­ben. Damit ist seit zwei Jahr­zehn­ten das ver­gan­ge­ne Jahr das töd­lichs­te, was Todes­fäl­le im Zusam­men­hang mit ICE angeht.

Es ist das Ergeb­nis kon­kre­ter poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen, bei denen Abschre­ckung und Durch­set­zung von Grenz­po­li­tik über die Sicher­heit von Men­schen gestellt wurden.

Wenn wir die Todes­fäl­le an der Gren­ze betrach­ten und gleich­zei­tig sehen, wie hart ICE im Inne­ren der USA vor­geht, wird deut­lich, dass die­se bei­den Ent­wick­lun­gen eng mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Sie sind Teil des­sel­ben umfas­sen­den Sys­tems der Migrationskontrolle.

Wenn man Ihnen zuhört, drängt sich die Fra­ge auf: Wel­che poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen haben dazu geführt, dass die USA heu­te an die­sem Punkt stehen?

Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen sehen die Tau­sen­de von Toten an der Gren­ze als Aus­wir­kung einer poli­ti­schen Stra­te­gie an, die 1994 ein­ge­führt wur­de: »Pre­ven­ti­on Through Deter­rence« [Prä­ven­ti­on durch Abschre­ckung]. Die Grund­idee die­ser Poli­tik ist, die urba­nen Grenz­über­gän­ge per­so­nell und mili­tä­risch so stark auf­zu­rüs­ten, dass Flücht­lin­gen nur deut­lich abge­le­ge­ne­re und gefähr­li­che­re Rou­ten blei­ben. Dahin­ter stand die Annah­me, dass die lebens­ge­fähr­li­chen Bedin­gun­gen Men­schen davon abhal­ten, die Rei­se über­haupt anzu­tre­ten. Doch genau das ist nicht pas­siert, die Zahl der Todes­fäl­le ist dras­tisch gestiegen.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Ein­schnitt war die Grün­dung von ICE nach den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001, mit der sich ins­ge­samt ein deut­lich stär­ker mili­ta­ri­sier­ter und sicher­heits­po­li­tisch gepräg­ter Ansatz in der Migra­ti­ons­po­li­tik durch­setz­te. Wo wir heu­te ste­hen, ist kein Zufall. Es ist das Ergeb­nis kon­kre­ter poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen, bei denen Abschre­ckung und Durch­set­zung von Grenz­po­li­tik über die Sicher­heit von Men­schen gestellt wurden.

Haben Sie mit »No More Deaths« For­men von Kri­mi­na­li­sie­rung oder poli­ti­schem Druck erlebt?

Ja, das haben wir. Wäh­rend der ers­ten Trump-Regie­rung hat einer unse­rer Frei­wil­li­gen einem Mann gehol­fen, der in der Wüs­te in medi­zi­ni­scher Not war. Dafür wur­de er wegen »fel­o­ny har­bor­ing« ange­klagt [Anmer­kung: Das bewuss­te Ver­ste­cken oder Hel­fen einer Per­son, die wegen einer schwe­ren Straf­tat gesucht wird oder flüch­tig ist]. Für die­ses Delikt kön­nen extrem hohe Stra­fen ver­hängt wer­den, bis zu 20 Jah­re Haft. Das war eine sehr schwie­ri­ge Situa­ti­on und wir muss­ten die­sen Fall lan­ge vor Gericht ausfechten.

Außer­dem wur­den eini­ge unse­rer Frei­wil­li­gen wegen Straf­ta­ten wie etwa angeb­li­cher Ver­mül­lung ange­klagt, weil sie Was­ser, Lebens­mit­tel und ande­re Hilfs­gü­ter ent­lang häu­fi­ger Flucht­rou­ten in der Wüs­te zurück­ge­las­sen haben. Es gibt eine lan­ge Geschich­te von Gegen­wind und Angrif­fen auf zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen wie unse­re, die ver­su­chen, huma­ni­tä­re Hil­fe zu leisten.

Wenn wir ins Lan­des­in­ne­re der USA schau­en, sehen wir zudem eine zuneh­mend feind­se­li­ge Rhe­to­rik gegen­über Men­schen, die Migrant*innen und Flücht­lin­ge unter­stüt­zen oder Maß­nah­men der Behör­den doku­men­tie­ren. Dazu gehö­ren Men­schen in der Nach­bar­schaft, die sich Sor­gen machen, was in ihren Com­mu­ni­ties pas­siert, eben­so wie soge­nann­te Legal Obser­vers, die Poli­zei­ein­sät­ze beob­ach­ten und doku­men­tie­ren. Sei­tens der Poli­tik gab es sogar schon den Vor­schlag, sol­che Men­schen als »inlän­di­sche Ter­ro­ris­ten« zu bezeich­nen. Wenn wir also von Kri­mi­na­li­sie­rung spre­chen, geht es nicht nur um Gerichts­ver­fah­ren an der Gren­ze. Wir sehen ein brei­te­res Kli­ma der Feind­se­lig­keit und des Miss­trau­ens gegen­über Men­schen, die schlicht ihre Rech­te wahr­neh­men und huma­ni­tä­re Hil­fe leis­ten wollen.

Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Es ver­än­dert die Kul­tur einer Orga­ni­sa­ti­on wie unse­rer. Wir von »No More Deaths« sind uns der Risi­ken, die mit die­ser Arbeit ver­bun­den sind, heu­te viel stär­ker bewusst. Men­schen müs­sen sehr genau dar­über nach­den­ken, wel­che Risi­ken sie per­sön­lich bereit sind ein­zu­ge­hen. In einem Umfeld, in dem huma­ni­tä­re Arbeit kri­mi­na­li­siert wird, stellt man sich stän­dig die­se Fra­gen: Wel­che Kon­se­quen­zen könn­te mein Ein­satz haben? Bin ich dar­auf vor­be­rei­tet, mög­li­cher­wei­se ver­haf­tet zu wer­den? Bin ich bereit, Über­wa­chung oder recht­li­che Kon­se­quen­zen in Kauf zu neh­men? Das schafft eine schwie­ri­ge und fra­gi­le Situa­ti­on für Men­schen, die eigent­lich nur huma­ni­tä­re Hil­fe leis­ten und sich für Men­schen­rech­te ein­set­zen wollen.

Was sagen die­se Ent­wick­lun­gen über den Zustand der Demo­kra­tie in den USA aus?

Wir kön­nen nicht von einer gesun­den Demo­kra­tie spre­chen, wenn Men­schen allein wegen ihres latein­ame­ri­ka­ni­schen Aus­se­hens kon­trol­liert und wenn Men­schen auf der Stra­ße von der Poli­zei getö­tet wer­den. Ich den­ke, unse­re Demo­kra­tie steht an einem sehr kri­ti­schen Punkt. Die Fra­ge ist, ob die demo­kra­ti­schen Wer­te letzt­lich Bestand haben werden.

Trotz allem ver­su­che ich, radi­kal opti­mis­tisch zu blei­ben. Wenn ich sehe, wie vie­le sich um die Men­schen in ihrer Nach­bar­schaft küm­mern und bereit sind, auf die Stra­ße zu gehen, um zu sagen: »Das ist nicht in Ord­nung«, dann gibt mir das Hoff­nung. Die­ses bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment ist der Ort, an dem ich die Mög­lich­keit für Ver­än­de­rung sehe.

Wenn Sie an Ereig­nis­se wie die Pro­tes­te in Min­nea­po­lis in die­sem Jahr den­ken: Wie sieht zivil­ge­sell­schaft­li­cher Wider­stand für Sie aus?

In einer star­ken und leben­di­gen Zivil­ge­sell­schaft müs­sen Men­schen bereit sein, sich ein­zu­set­zen und zu sagen: Ich habe genug gese­hen, das akzep­tie­re ich nicht län­ger. Ich den­ke an die Hun­der­ten von Men­schen, die ich dar­in geschult habe, als soge­nann­te Legal obser­vers [Beobachter*innen der Ein­hal­tung von Grund­rech­ten in All­tags­si­tua­tio­nen] zu arbei­ten. Das sind ganz nor­ma­le Com­mu­ni­ty-Mit­glie­der, dar­un­ter vie­le, die sich nie hät­ten vor­stel­len kön­nen, ein­mal die­se Rol­le zu über­neh­men. Aber sie mel­den sich, weil sie sich ver­ant­wort­lich füh­len, ihre Gemein­schaft zu schüt­zen – sei es als Legal obser­vers, als wach­sa­mes Auge in der Nach­bar­schaft oder in der Unter­stüt­zung dar­in, ande­ren Men­schen zu hel­fen, ihre Rech­te zu verstehen.

In einer star­ken und leben­di­gen Zivil­ge­sell­schaft müs­sen Men­schen bereit sein, sich ein­zu­set­zen und zu sagen: Ich habe genug gese­hen, das akzep­tie­re ich nicht länger.

Wir stel­len uns Wider­stand oft als etwas Gro­ßes vor. Aber auf der Gras­wur­zel­ebe­ne sieht er meist viel klei­ner und all­täg­li­cher aus. Es sind loka­le Geschäf­te, die Schil­der auf­hän­gen, dass ICE-Mit­ar­bei­ten­de nicht ohne unter­schrie­be­nen Durch­su­chungs­be­fehl ein­tre­ten dür­fen. Es sind Men­schen, die »Know Your Rights«-Karten bei sich tra­gen, oder, die sich in der Nach­bar­schaft gegen­sei­tig war­nen, wenn Behör­den in der Gegend sind. Müt­ter in SUV´s, die in ihren Vier­teln nach ICE Aus­schau hal­ten und Teen­ager, die ihre Rech­te ken­nen und wis­sen, dass sie die Tür nicht öff­nen müs­sen. Wider­stand auf die­se Wei­se, wirkt weni­ger ein­schüch­ternd und viel zugänglicher.

Müs­sen wir unser Ver­ständ­nis von »Gren­ze« heu­te neu überdenken?

Die US-mexi­ka­ni­sche Gren­ze wur­de lan­ge Zeit als Haupt­ort der Durch­set­zung von Ein­wan­de­rungs­ge­set­zen betrach­tet. His­to­risch gese­hen war das auch so. Aber unter die­ser Bun­des­ver­wal­tung sehen wir, dass die Gren­ze ins Lan­des­in­ne­re wan­dert, an Orte, wo man sie nie erwar­tet hät­te: Groß­an­ge­leg­te Raz­zi­en in Chi­ca­go, Min­nea­po­lis, Kali­for­ni­en und North Caro­li­na. Mei­ne Anfor­de­rung an die Men­schen ist, Gren­zen krea­ti­ver zu den­ken und zu ver­ste­hen, dass sie sich von ihrem phy­si­schen Stand­ort lösen kön­nen. Die Durch­set­zung von Ein­wan­de­rungs­ge­set­zen und ihre Kon­se­quen­zen kön­nen mitt­ler­wei­le über­all stattfinden.

Was möch­ten Sie uns Europäer*innen mit­ge­ben, was wir aus Ihren Erfah­run­gen mit der aktu­el­len Abschot­tungs­po­li­tik in Ihrem Land ler­nen können?

Wenn die USA als Fall­bei­spiel dis­ku­tiert wer­den, geschieht das häu­fig unter dem Blick­win­kel des Aus­nah­me­cha­rak­ters. Ich erin­ne­re mich an ein Gespräch mit einer Dele­ga­ti­on von EU-Diplo­ma­tin­nen und ‑Diplo­ma­ten, die die US-mexi­ka­ni­sche Gren­ze besucht hat­ten. Sie zeig­ten sich scho­ckiert, wie stark mili­ta­ri­siert die Gren­ze ist und dass Men­schen dort ster­ben. Ich habe sie ein wenig her­aus­ge­for­dert: Anstatt die USA als einen ein­zig­ar­ti­gen Son­der­fall zu sehen, ist es wich­tig zu fra­gen: Was an die­ser Situa­ti­on könn­te ver­traut erscheinen?

Grenz­kon­trol­len und Abschot­tungs­po­li­ti­ken exis­tie­ren in vie­len Län­dern in ähn­li­cher Dyna­mik. Auch an den euro­päi­schen Gren­zen kommt es zu Zurück­wei­sun­gen. Es mag ver­lo­ckend sein, die USA als beson­ders pro­ble­ma­tisch her­vor­zu­he­ben, aber es ist eben­so wich­tig, dar­über nach­zu­den­ken, wie sol­che Pro­ble­me in ande­ren Län­dern auf­tre­ten. Jedes Land hat sei­ne eige­ne Vor­ge­schich­te in Bezug auf Migra­ti­ons­po­li­tik und Men­schen­rech­te. Die­se Par­al­le­len zu erken­nen, kann ein wich­ti­ger Aus­gangs­punkt für brei­te­re Gesprä­che über Ver­ant­wor­tung und Ver­än­de­rung sein.

(ds)