17.03.2026

Der EU-Tür­kei-Deal vom 18. März 2016 hat­te kata­stro­pha­le men­schen­recht­li­che Fol­gen für Zehn­tau­sen­de schutz­su­chen­de Men­schen. PRO ASYL und sei­ne grie­chi­sche Schwes­ter­or­ga­ni­sa­ti­on Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) war­nen daher vor wei­te­ren Ver­su­chen, ähn­lich schä­bi­ge Deals mit Staa­ten außer­halb der EU zu schlie­ßen, um Asyl­su­chen­de dort­hin abzuschieben.

„Die Erfah­run­gen mit dem EU-Tür­kei-Deal soll­ten der EU-Kom­mis­si­on und den Mit­glied­staa­ten eine Leh­re sein: Sol­che Deals ver­sto­ßen gegen die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, füh­ren zu uner­mess­li­chem Leid bei Asyl­su­chen­den, die ein Anrecht auf Schutz in Euro­pa haben, und funk­tio­nie­ren in der Pra­xis noch nicht ein­mal“, erklärt Wieb­ke Judith, rechts­po­li­ti­sche Spre­che­rin von PRO ASYL. „Dass das Euro­päi­sche Par­la­ment und der Rat der EU kürz­lich den Weg frei gemacht haben, Asyl­su­chen­de in Län­der abzu­schie­ben, zu denen sie kei­ner­lei Ver­bin­dung haben, ist skan­da­lös und men­schen­rechts­wid­rig. Jeg­li­che Ver­su­che, Deals mit Dritt­staa­ten abzu­schlie­ßen, um Flücht­lin­ge los­zu­wer­den, ver­bie­ten sich!“

„Grie­chen­land hat in den letz­ten zehn Jah­ren erfolg­los auf ein Dritt­staa­ten­mo­dell gesetzt. Es hat dafür Län­der als sicher für Geflüch­te­te erklärt, die nicht sicher sind. Es hat Bewei­se für Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen igno­riert und Ent­schei­dun­gen eige­ner Gerich­te miss­ach­tet. Trotz­dem gab es kei­ne Kon­se­quen­zen“, kom­men­tiert Minos Mouz­ou­ra­kis, Rechts­an­walt und rechts­po­li­ti­scher Refe­rent von RSA. „Vom EU-Tür­kei-Deal sind heu­te nur zwei Din­ge übrig­ge­blie­ben: mensch­li­ches Leid und ein beschä­dig­ter Rechts­staat. Die EU darf sol­che Feh­ler nicht wie­der­ho­len – und genau dafür wer­den wir uns einsetzen.“

Men­schen­recht­lich kata­stro­pha­le Bilanz des Deals – auf bei­den Sei­ten der Ägäis

Der am 18. März 2016 unter­zeich­ne­te EU-Tür­kei-Deal gilt als ers­ter Ver­such der Euro­päi­schen Uni­on, Asyl­su­chen­de noch vor der inhalt­li­chen Prü­fung ihres Asyl­an­trags in einen ver­meint­lich siche­ren Dritt­staat außer­halb der EU abzu­schie­ben. Im Rah­men der Ver­ein­ba­rung soll­ten alle neu auf den grie­chi­schen Inseln ankom­men­den Asyl­su­chen­den direkt von dort in die Tür­kei abge­scho­ben wer­den. Tat­säch­lich wur­den nur 2.253 Per­so­nen im Rah­men des Deals abge­scho­ben, seit März 2020 akzep­tiert die Tür­kei kei­ne Abschie­bun­gen mehr.

In Grie­chen­land führ­te der Deal dazu, dass Zehn­tau­sen­de Asyl­su­chen­de jah­re­lang in Elend­sla­gern auf den grie­chi­schen Inseln fest­sa­ßen. Sinn­bild­lich dafür steht das Lager Moria auf der Insel Les­bos, in dem zeit­wei­se mehr als 12.000 Geflüch­te­te in slu­m­ähn­li­chen Zustän­den leb­ten. Obwohl Abschie­bun­gen in die Tür­kei schon früh­zei­tig nicht mehr mög­lich waren, ver­wei­ger­te die grie­chi­sche Asyl­be­hör­de den Schutz­su­chen­den wei­ter­hin eine inhalt­li­che Prü­fung ihres Asyl­an­trags. Erst seit einem EuGH-Urteil von Okto­ber 2024, das Anwält*innen von RSA erstrit­ten haben, ver­weist die grie­chi­sche Asyl­be­hör­de Schutz­su­chen­de nicht mehr auf die Tür­kei und führt ein regu­lä­res Asyl­ver­fah­ren durch.

Im Gegen­zug dafür, dass die Tür­kei Asyl­su­chen­de von den grie­chi­schen Inseln zurück­nahm, hat die EU dem Land seit 2011 ins­ge­samt 12,5 Mil­li­ar­den Euro für die Ver­sor­gung und Auf­nah­me von Geflüch­te­ten zur Ver­fü­gung gestellt. Davon sind 878 Mil­lio­nen in das soge­nann­te Grenz- und Migra­ti­ons­ma­nage­ment geflos­sen. Als „Tür­ste­her“ der EU hat die tür­ki­sche Regie­rung die­se Gel­der genutzt, um eine gigan­ti­sche Haft- und Abschie­be­ma­schi­ne­rie auf­zu­bau­en und die eige­nen Außen­gren­zen zu Syri­en und Iran her­me­tisch abzu­rie­geln. Spe­zi­el­le Poli­zei­ein­hei­ten machen an mobi­len Check­points Jagd auf Geflüch­te­te und inhaf­tie­ren sie mas­sen­haft. Regel­mä­ßig gibt es aus den über­füll­ten Abschie­be­haft­ein­rich­tun­gen Berich­te über men­schen­un­wür­di­ge Bedin­gun­gen, Miss­hand­lun­gen und Fäl­le, in denen Geflüch­te­te gezwun­gen wer­den, einer „frei­wil­li­gen“ Rück­kehr zuzu­stim­men. Die Tür­kei schiebt in gro­ßem Stil auch in Län­der wie Syri­en und Afgha­ni­stan ab.

Hin­ter­grund

Anfang Febru­ar 2026 wur­den mit den Stim­men der Euro­päi­schen Volks­par­tei und der extre­men Rech­ten die gesetz­li­chen Rege­lun­gen in Bezug auf Dritt­staa­ten­mo­del­le ver­schärft. Mit Anwen­dung der GEAS-Reform ab Juni 2026 haben die Mit­glied­staa­ten die Mög­lich­keit, Schutz­su­chen­de zur Durch­füh­rung ihres Asyl­ver­fah­rens in Län­der außer­halb der EU abzu­schie­ben, selbst wenn die­se kei­ner­lei Ver­bin­dung zu die­sem Land haben. Dies wird in Anleh­nung an den geschei­ter­ten Ver­such der bri­ti­schen Regie­rung, Asyl­su­chen­de nach Ruan­da abzu­schie­ben, auch als „Ruan­da-Modell“ bezeich­net. Ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­run­gen mit Dritt­staa­ten exis­tie­ren bis­lang nicht.

PRO ASYL hat 2024 für eine Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­run­gen des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums zu sol­chen Dritt­staa­ten­mo­del­len in einer Stel­lung­nah­me aus­führ­lich dar­ge­legt, war­um die­se grund­sätz­lich abzu­leh­nen sind. Eine deut­li­che Mehr­heit der gela­de­nen Expert*innen zeig­te sich damals kri­tisch und lehn­te die dis­ku­tier­ten Model­le zur Aus­la­ge­rung von Asyl­ver­fah­ren ab. Dies zeigt auch der Abschluss­be­richt des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums.

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