21.05.2026

Mit sei­nem heu­ti­gen Beschluss zum Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz stellt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest: Die 2018 gel­ten­den Grund­leis­tun­gen für Gedul­de­te für eine Bezugs­dau­er von 15 Mona­ten waren im Wesent­li­chen ver­fas­sungs­kon­form, jedoch zeit­wei­se nicht aktu­ell berech­net. PRO ASYL betont: Seit 2018 wur­de das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz mehr­fach ver­schärft, die Bezugs­dau­er auf bis zu 36 Mona­te mehr als ver­dop­pelt. Die heu­ti­ge Rege­lung, sowie wei­te­re Aspek­te des Geset­zes, blei­ben damit ver­fas­sungs­recht­lich mehr als frag­lich. PRO ASYL for­dert, das dis­kri­mi­nie­ren­de Son­der­so­zi­al­leis­tungs­recht end­lich abzuschaffen!

Kon­kret stel­len die Richter*innen in der heu­ti­gen Ent­schei­dung fest, dass die Höhe der Grund­leis­tun­gen – die deut­lich gerin­ger ist als bei regu­lä­ren Sozi­al­leis­tun­gen – aus ihrer Sicht für den Bezugs­zeit­raum von 15 Mona­ten für Men­schen mit einer Dul­dung ver­fas­sungs­kon­form waren und auch die Bezugs­dau­er nicht zu bean­stan­den ist. Als klar ver­fas­sungs­wid­rig wur­de befun­den, dass in einem fast drei­jäh­ri­gen Zeit­raum (2017–2019) die Leis­tun­gen nicht ange­passt wurden.

“Beim Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz blei­ben zu vie­le ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen offen, um es bei­zu­be­hal­ten. Es hat fünf Jah­re gedau­ert, bis das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über die­se Vor­la­ge ent­schie­den hat. In die­ser Zeit hat der Gesetz­ge­ber das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz mehr­fach ver­schärft und den Leis­tungs­zeit­raum, der in dem aktu­el­len Fall als noch legi­tim gese­hen wur­de, mehr als ver­dop­pelt. Es darf kein Katz-und-Maus-Spiel zwi­schen Poli­tik und Ver­fas­sungs­ge­richt geben. Anstatt mit immer neu­en Ver­schär­fun­gen zu expe­ri­men­tie­ren und sich dar­auf aus­zu­ru­hen, dass Karls­ru­he erst Jah­re spä­ter ent­schei­den wird, muss die Bun­des­re­gie­rung die ein­zi­ge ein­deu­tig mit der Men­schen­wür­de zu ver­ein­ba­ren­de Ent­schei­dung tref­fen: Das dis­kri­mi­nie­ren­de Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz end­lich abschaf­fen”, for­dert Wieb­ke Judith, rechts­po­li­ti­sche Spre­che­rin von PRO ASYL.

Nicht ent­schie­den hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dar­über, wie die glei­chen Leis­tun­gen und der glei­che Zeit­raum für Per­so­nen im Asyl­ver­fah­ren oder mit einer Aus­bil­dungs­dul­dung zu bewer­ten wäre. Auch die schon damals auf Not­ver­sor­gung redu­zier­ten Gesund­heits­leis­tun­gen wur­den nicht dis­ku­tiert. Neue­re Ver­schär­fun­gen wie der kom­plet­te Leis­tungs­ent­zug, die von Sozi­al­ge­rich­ten aktu­ell mehr­heit­lich als ver­fas­sungs­wid­rig ver­wor­fen wer­den, sind auch nicht Teil der Ent­schei­dung. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wie­der­holt zudem sei­nen Leit­spruch, dass die im Grund­ge­setz garan­tier­te Men­schen­wür­de migra­ti­ons­po­li­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren ist.

Wor­um geht es in der Entscheidung?

In dem Aus­gangs­ver­fah­ren vor dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt Bre­men-Nie­der­sach­sen geht es um Leis­tun­gen nach § 3 Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz (Asyl­bLG) im Zeit­raum vom 1. Sep­tem­ber 2018 bis 30. Novem­ber 2018. Die­se sind im Wesent­li­chen iden­tisch mit den aktu­ell gel­ten­den Rege­lun­gen, es kamen jedoch wei­te­re Ver­schär­fun­gen hin­zu, ins­be­son­de­re die Ver­län­ge­rung des Bezugs­zeit­raums auf heu­te 36 Monate.

Im heu­ti­gen Urteil betont das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­mal mehr, dass Sozi­al­leis­tun­gen fort­lau­fend rea­li­täts­ge­recht bemes­sen wer­den müs­sen – und bewer­te­te die mehr­jäh­ri­ge Nicht­erhö­hung der Sät­ze ent­spre­chend als ver­fas­sungs­wid­rig. Es hält auch fest, dass bei der Wah­rung des phy­si­schen Exis­tenz­mi­ni­mums der Spiel­raum des Gesetz­ge­bers enger ist, als wenn es um die Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben geht. Ein tat­säch­lich men­schen­wür­di­ges Leben muss aber garan­tiert wer­den. Der Gesetz­ge­ber darf bezüg­lich der kon­kre­ten Bedar­fe an eine mit einem Auf­ent­halts­sta­tus ver­bun­de­ne kur­ze Auf­ent­halts­dau­er anknüp­fen, solan­ge es sich tat­säch­lich um einen Kurz­auf­ent­halt han­delt. Die 2018 gel­ten­den 15 Mona­te War­te­zeit, bis Betrof­fe­ne Leis­tun­gen ana­log zur regu­lä­ren Sozi­al­hil­fe bezie­hen durf­ten, wur­den nicht bean­stan­det, da sie noch als Kurz­auf­ent­halt zu wer­ten sei­en. Aus Sicht von PRO ASYL ist dies bei den aktu­ell gel­ten­den 36 Mona­ten ein­deu­tig nicht mehr der Fall.

Nach den Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts darf zwar grund­sätz­lich im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ein Grund­be­darf ein­ge­führt wer­den, der vom Regel­be­darf im Sozi­al­ge­setz­buch (SGB) II/XII abweicht. Das ist aber nur mög­lich, wenn nach­voll­zieh­bar ermit­telt wur­de, dass der Bedarf, den Leis­tungs­be­rech­tig­te nach dem Asyl­bLG an exis­tenz­not­wen­di­gen Leis­tun­gen haben, von dem Bedarf ande­rer Sozialleistungsbezieher*innen signi­fi­kant abweicht. Zudem muss der Gesetz­ge­ber die­se abwei­chen­den Bedar­fe in einem inhalt­lich trans­pa­ren­ten Ver­fah­ren anhand des tat­säch­li­chen Bedarfs die­ser Grup­pe bele­gen kön­nen (BVerfG-Urteil vom 18.07.2012 – 1 BvL 10/10). Rein fis­ka­li­sche Grün­de – also das Inter­es­se, die Kos­ten für Asyl­su­chen­de mög­lichst gering zu hal­ten – sind hier­für nicht ausreichend.

2016 wur­den bestimm­te Bedar­fe aus den Grund­leis­tun­gen des Asyl­bLG her­aus­ge­rech­net. Heu­te steht der Regel­be­darfs­satz 1 bei 563 EUR im Monat (SGB II/XII ) und der Grund­be­darfs­satz 1 nach dem Asyl­bLG bei 455 EUR (zuzüg­lich Sachleistungen).

Ein­ga­be an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt von PRO ASYL

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat für das Ver­fah­ren um Stel­lung­nah­men gebe­ten, auch von PRO ASYL, und ins­be­son­de­re Fra­gen zu den Lebens­rea­li­tä­ten der Betrof­fe­nen gestellt. Im Okto­ber 2022 hat PRO ASYL ein Gut­ach­ten zu juris­ti­schen Fra­gen und der Situa­ti­on der Asyl­su­chen­den beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­ge­reicht, ver­fasst vom Rechts­an­walt Vol­ker Gerl­off. Dar­in wird deut­lich, dass es gera­de bei einer Unter­brin­gung in einer Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung kei­ne fest­stell­ba­ren Min­der­be­dar­fe gibt, son­dern im Gegen­teil sogar erhöh­te Aus­ga­ben, um sich ange­mes­sen ver­sor­gen zu kön­nen. So kön­nen die Betrof­fe­nen nur klei­ne Men­gen an Vor­rä­ten lagern und kei­ne bil­li­ge­ren Groß­men­gen kau­fen, haben gege­be­nen­falls Kos­ten zur Vor­be­rei­tung des Asyl­ver­fah­rens und gege­be­nen­falls einen Man­gel an bil­li­gen Ein­kaufs- oder Essens­mög­lich­kei­ten in der Nähe ihrer Unterkunft.

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