11.09.2026

An Euro­pas Gren­zen gera­ten die Men­schen­rech­te immer wei­ter unter Druck. Mit ihrem dies­jäh­ri­gen Men­schen­rechts­preis wür­digt die Stif­tung PRO ASYL des­halb drei Men­schen aus der Tür­kei und aus Grie­chen­land, die auch unter sehr schwie­ri­gen poli­ti­schen Bedin­gun­gen die Rech­te von Geflüch­te­ten ver­tei­di­gen und für Men­schen­wür­de und Rechts­staat­lich­keit ein­tre­ten.

Die Stif­tung PRO ASYL zeich­net die Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin Pırıl Erço­ban, den Rechts­an­walt Taner Kılıç und den frü­he­ren Lei­ter des UNHCR-Büros in Grie­chen­land, Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los, mit dem Men­schen­rechts­preis 2026 aus. Seit Jahr­zehn­ten ste­hen sie Geflüch­te­ten zur Sei­te – gegen Ent­rech­tung, Gewalt und staat­li­che Willkür.

Bei einer Pres­se­kon­fe­renz am Frei­tag in Frank­furt am Main spra­chen die drei Preisträger*innen über die aktu­el­le Lage in der Tür­kei und in Grie­chen­land. Pırıl Erço­ban warn­te vor wach­sen­der Het­ze gegen Geflüch­te­te und schwin­den­den Frei­räu­men für unab­hän­gi­ge Orga­ni­sa­tio­nen. Taner Kılıç schil­der­te, wie Geflüch­te­te und die, die sie unter­stüt­zen, immer wei­ter kri­mi­na­li­siert wer­den. Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los mach­te auf gra­vie­ren­de Män­gel bei der Auf­nah­me Schutz­su­chen­der in Grie­chen­land aufmerksam.

Inhal­te der extre­men Rech­ten schä­di­gen Rechts­staat und Demokratie

„An Euro­pas Gren­zen erle­ben wir Ent­rech­tung und Gewalt. Zugleich erstarkt die extre­me Rech­te in Deutsch­land und Euro­pa. Wer die Rech­te von Geflüch­te­ten rela­ti­viert oder die Inhal­te der extre­men Rech­ten über­nimmt, beschä­digt Rechts­staat und Demo­kra­tie. Unse­re Preisträger*innen hal­ten die­ser Ent­wick­lung etwas Ent­schei­den­des ent­ge­gen: Sie ver­tei­di­gen Mensch­lich­keit, Men­schen­wür­de und Men­schen­rech­te“, sag­te Karl Kopp, Vor­stand der Stif­tung PRO ASYL.

Alle drei Preisträger*innen übten schar­fe Kri­tik am neu­en Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tem (GEAS). “Mit die­sem EU-Migra­ti­ons- und Asyl­pakt wer­den Rechts­ver­let­zun­gen in einen recht­li­chen Rah­men gegos­sen”, sag­te Pırıl Erço­ban bei der Pres­se­kon­fe­renz am Frei­tag in Frank­furt am Main.

“Mit die­sem Pakt geht es nicht um Recht, son­dern um poli­ti­schen Ein­fluss, die Abhän­gig­keit von Län­dern außer­halb der EU wird aus­ge­nutzt”, sag­te Taner Kılıç und ergänz­te: “Die euro­päi­sche Asyl­po­li­tik wird die Poli­tik der Tür­kei stark beeinflussen.”

Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los sag­te: “Mit GEAS schafft Euro­pa eine Illu­si­on der Sicher­heit und macht Geflüch­te­te noch mehr zu Sündenböcken.”

Unter­schied­li­che Lebens­we­ge der Preisträger*innen

Hali­ma Gut­ale, Vor­sit­zen­de des Stif­tungs­rats, unter­strich die Gemein­sam­kei­ten der drei Preisträger*innen trotz sehr unter­schied­li­cher Lebens­we­ge: “Sie sehen hin, sie wider­spre­chen und sie han­deln, auch dort, wo es per­sön­lich schwie­rig und poli­tisch unbe­quem wird.“

Pırıl Erço­ban hat mit Mül­teci-Der eine unab­hän­gi­ge Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on auf­ge­baut. Sie beglei­tet Schutz­su­chen­de, doku­men­tiert Rechts­ver­let­zun­gen und macht Miss­stän­de bei Inhaf­tie­run­gen und Abschie­bun­gen öffentlich.

Taner Kılıç ver­tritt Geflüch­te­te gegen­über Behör­den und vor Gerich­ten. Wegen sei­nes Enga­ge­ments saß er selbst mehr als 14 Mona­te in Untersuchungshaft.

Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los wirk­te als Lei­ter des UNHCR-Büros maß­geb­lich an der Reform des grie­chi­schen Asyl­sys­tems mit. Er doku­men­tier­te staat­li­che Gewalt gegen Geflüch­te­te, dräng­te die Regie­rung zum Han­deln und trug zur Schlie­ßung eines Abschie­be­ge­fäng­nis­ses bei.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zur Begrün­dung und zu den Preisträger*innen fin­den Sie hier. Aus­führ­li­che Inter­views mit Pırıl Erço­ban, Taner Kılıç und Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los sind auf der Web­site von PRO ASYL veröffentlicht.

Zur Situa­ti­on in Grie­chen­land und in der Türkei

Wie not­wen­dig ihr Ein­satz ist, zeigt die Lage in Grie­chen­land. Von 2015 bis Ende 2025 sind nach Anga­ben des Flücht­lings­hilfs­werks der Ver­ein­ten Natio­nen auf den See­we­gen nach Grie­chen­land min­des­tens 3.148 Men­schen gestor­ben oder als ver­misst regis­triert wor­den. Die tat­säch­li­che Zahl dürf­te höher lie­gen, da vie­le Unglü­cke nicht erfasst werden.

Allein über die öst­li­che Mit­tel­meer­rou­te erreich­ten seit 2014 rund 1,4 Mil­lio­nen Schutz­su­chen­de Grie­chen­land – die aller­meis­ten über die Tür­kei. Mehr als 1.600 Men­schen star­ben oder ver­schwan­den auf die­sem Weg. Die tat­säch­li­che Zahl liegt ver­mut­lich deut­lich höher.

Im Febru­ar 2026 zum Bei­spiel star­ben bei der Kol­li­si­on eines Flücht­lings­boo­tes mit einem Schiff der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che vor Chi­os min­des­tens 15 Men­schen. Unter den Geret­te­ten waren zahl­rei­che Kin­der. Die genau­en Umstän­de müs­sen umfas­send und unab­hän­gig auf­ge­klärt werden.

Auch auf Kre­ta fehlt es an einer men­schen­wür­di­gen Auf­nah­me. Allein im ers­ten Halb­jahr 2026 kamen nach Anga­ben der grie­chi­schen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Refu­gee Sup­port Aege­an 8.552 Schutz­su­chen­de auf Kre­ta und der Insel Gav­dos an. Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los berich­tet von elen­den Behelfs­un­ter­künf­ten, in denen  Dolmetscher*innen fehl­ten. Ohne aus­rei­chen­de Ver­stän­di­gung kön­nen Schutz­su­chen­de weder ihre Flucht­grün­de dar­le­gen noch ihren Anspruch auf Schutz gel­tend machen.

In der Tür­kei neh­men Het­ze und Rück­kehr­druck zu. Zugleich wer­den die Spiel­räu­me unab­hän­gi­ger Orga­ni­sa­tio­nen immer enger. Wer Schutz­su­chen­de berät, Rechts­ver­let­zun­gen doku­men­tiert oder Betrof­fe­ne vor Gericht ver­tritt, gerät zuneh­mend selbst unter Druck.

Die­se Ent­wick­lung lässt sich von der euro­päi­schen Poli­tik nicht tren­nen. Der EU-Tür­kei-Deal ist ein zen­tra­les Instru­ment der Aus­la­ge­rungs­po­li­tik. Die Euro­päi­sche Uni­on setzt dar­auf, Schutz­su­chen­de von ihren Gren­zen fern­zu­hal­ten, und wälzt einen Teil ihrer Ver­ant­wor­tung für den Flücht­lings­schutz auf die Tür­kei ab.

Preis­ver­lei­hung

Die Stif­tung PRO ASYL ver­leiht den Men­schen­rechts­preis am Sams­tag, 12. Sep­tem­ber 2026, von 14 bis 16 Uhr im Haus am Dom, Dom­platz 3, Frank­furt am Main

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