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»Wenn man weiß, dass einem Schutz zusteht, dann darf man nicht aufgeben«
Zwölf Jahre nach dem Genozid an den Jesid*innen im Irak erzählt eine Familie von Angst, Flucht und einem jahrelangen Kampf um Sicherheit in Deutschland. Ihr Asylantrag wurde zunächst abgelehnt. Heute darf sie bleiben – die Mutter macht eine Ausbildung, der Vater arbeitet, die Kinder bauen sich eine Zukunft auf.
Am 3. August 2026 jährt sich zum zwölften Mal der Genozid an den Jesid*innen. 2014 überfiel der sogenannte Islamische Staat (IS) die Region Shingal im Nordirak. Tausende Jesid*innen wurden ermordet, verschleppt, versklavt oder vertrieben. Auch Jahre später leiden viele Familien im Irak an den Folgen des Genozids, wie auch das Gutachten »Zehn Jahre nach dem Völkermord: Zur Lage der Jesidinnen und Jesiden im Irak« darstellt.
Familie I. lebte im Norden des Iraks, in dem jesidischen Dorf Khatare. Auch sie musste schließlich vor dem IS nach Deutschland fliehen – aber ihr Asylantrag wurde zunächst abgelehnt. Das Beratungsteam und die Rechtshilfe von PRO ASYL haben die Familie unterstützt. Mit Erfolg: Nach jahrelangem Kampf haben sie nun ein Bleiberecht, die Mutter macht eine Ausbildung, der Vater arbeitet, zwei Kinder gehen in die Schule, das dritte Kind ist noch ein Baby.
Wir haben mit drei Familienmitgliedern gesprochen: mit Mutter Amina, dem ältesten Sohn, Baran (13 Jahre) – und mit Dindar, dem Bruder des Vaters. Er war vor der Familie seines Bruders geflohen, lebte bereits in Deutschland, unterstützte die Familie hier und baute den Kontakt zu PRO ASYL auf. Die Namen haben wir auf Wunsch der Familie geändert.
Im Irak wurde man oft nicht einfach als Mensch gesehen, sondern nach Religion eingestuft.
Ihr musstet nach dem Überfall des sogenannten Islamischen Staats aus Eurer Heimat fliehen. Wie war Euer Leben im Irak vor dem Angriff des IS?
Dindar: Vor dem IS war unser Leben in vielen Dingen normal. Wir waren zufrieden, es ging uns finanziell gut. Natürlich gab es auch vorher Diskriminierung. Als Jesiden wurden wir nicht immer so behandelt wie unsere nicht-jesidischen Nachbarinnen und Nachbarn. Religion spielte eine große Rolle, bis 2014 stand sogar auf allen Ausweisen, welcher Religion man angehört.
Nachdem der IS gekommen war, wurden mehr Checkpoints am Eingang und Ausgang des Dorfes etabliert. Auf 300 Metern drei Stück. Jeder Checkpoint gehörte zu jemand anderem: der Zentralregierung oder verschiedenen Milizen. Das war eine Herausforderung, weil unsere Religion auf den Ausweisen stand, und wir wurden immer anders behandelt als andere Religionen. Da haben wir nochmal mehr Schwierigkeiten gehabt als davor.
Amina: Im Irak wurde man oft nicht einfach als Mensch gesehen, sondern nach Religion eingestuft. Für Frauen war das Leben sowieso eingeschränkt. Mit dem IS wurde alles schlimmer. Die Angst war überall.
Was bedeutet es für Euch, jesidisch zu sein?
Es ist im Prinzip wie jede andere Religion. Wir fühlen uns einfach zu einer Gruppe zugehörig, von der wir überzeugt sind. Gleichzeitig respektieren wir auch alle anderen Menschen, die zu einer anderen Religion gehören.
Was hat sich noch mit dem Angriff des IS verändert?
Dindar: Nach August 2014 war alles katastrophal. Sicherheit gab es nicht mehr. Bildung war eingeschränkt. Die Angst war ständig da. Auch wenn unsere Familie nicht in Gefangenschaft geraten ist, war klar: Jesiden waren Opfer dieser Ideologie. Wir wussten, was der IS mit Jesiden macht. Besonders Frauen hatten sehr große Angst, weil alle wussten, was jesidische Frauen in IS-Gefangenschaft erlebt haben.
Amina: Als ich gesehen habe, was der IS macht, war mir klar: Ein sicheres Leben im Irak ist nicht mehr möglich.
Damit war euch klar, dass ihr den Irak verlassen müsst?
Amina: Ja. Die Angst war zu groß. Es gab keine Sicherheit mehr. Wir sind 2019 aufgebrochen.
Dindar: Ich bin schon 2015 geflohen, hatte aber zunächst gezögert, weil ich eigentlich nicht auswandern wollte. Ich wollte im Irak bleiben und die zwölfte Klasse beenden. Aber nach einem Jahr war auch mir klar: Es wird nicht besser. Es wird schlimmer. Dann habe ich entschieden, dass ich gehen muss. Ich war 19 Jahre alt.
Ich will nicht mehr weiter. Ich wollte nur zurück. Aber gleichzeitig wusste ich: Zurück bedeutet keine Sicherheit
Wie verlief Eure Flucht nach Deutschland?
Amina: Es war ein langer, schmerzhafter, schwieriger Weg. Mehrmals hat es nicht funktioniert. Besonders mit den zwei Kindern war es sehr schwer. Wir waren in LKWs und Autos unterwegs. Oft wussten wir nicht, wo wir gerade waren. Es gab keine Toilette, wenig Luft und sehr viel Angst.
Dindar: Mein Weg war auch sehr schwierig. Wir waren in überfüllten Transportern, teilweise 20 oder 30 Menschen hinten drin. Wir hatten kaum Platz. Die Reifen sind geplatzt, wir mussten laufen. An der Grenze zu Ungarn fielen Schüsse. Ich weiß bis heute nicht, ob es Warnschüsse waren oder ob auf uns geschossen wurde. An einem Punkt dachte ich: Ich will nicht mehr weiter. Ich wollte nur zurück. Aber gleichzeitig wusste ich: Zurück bedeutet keine Sicherheit
Was hat euch die Kraft gegeben, das durchzustehen?
Amina: Die Angst davor, im Irak bleiben zu müssen.
Dindar: Für mich war es die Hoffnung auf Sicherheit. Ich dachte: Vielleicht komme ich an einen Ort, an dem ich nicht noch einmal erleben muss, was wir als Jesiden erlebt haben.
Wo steht ihr heute?
Amina: Ich bin im zweiten Lehrjahr meiner Ausbildung zur Bäckerin. Ich habe Kontakt zu Kundinnen und Kunden, lerne Deutsch und möchte die Ausbildung fertig machen.
Baran: Ich gehe auf die Realschule. Deutsch ist manchmal noch schwierig, aber es läuft. Mein Traum ist es, Ingenieur oder Pilot zu werden.
Dindar: Die Familie steht heute viel sicherer. Meine Schwägerin macht ihre Ausbildung, mein Bruder arbeitet, die Kinder gehen zur Schule. Ich habe eine Ausbildung als Baumaschinenmechatroniker gemacht und bin jetzt selbstständig. Wir bauen uns ein Leben auf. Genau das zeigt: Wenn Menschen eine Chance bekommen, können sie ankommen und etwas beitragen.
Was habt ihr euch von Deutschland erhofft?
Amina: Meine große Hoffnung war, dass wir Aufenthaltserlaubnisse bekommen, damit wir nicht in den Irak zurückgeschickt werden. Und eine Zukunft für die Kinder. Wir wussten, dass der IS unsere Kinder früher oder später auch verfolgen würde, die Kinder würden genau das Gleiche erleben. Wenn wir in Deutschland sind, haben die Kinder ein besseres Leben, eine bessere Bildung.
Dindar: Ich habe gehofft, endlich besser behandelt zu werden. Ich wollte ein Leben aufbauen, in dem ich als Mensch gesehen werde. Für die Kinder war Deutschland auch eine Chance auf Bildung und Zukunft.
Aber dann wurde euer Asylantrag vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgelehnt. Wie war das für Euch?
Amina: Es war schrecklich. Wir dachten sofort: Jetzt müssen wir zurück. Zurück an den Ort, an den wir auf keinen Fall zurückwollen. Man hat sich nicht willkommen gefühlt. Es hat viel Stress und Belastung in mir ausgelöst. Und gemischte Gefühle, zwischen Angst vor Abschiebung und dem Wunsch nach einer sicheren Zukunft.
Dindar: Für mich war es ein Schock. In den ersten Minuten konnte ich kaum reden. Aber dann war klar: Jetzt beginnt ein Kampf. Ich wusste, wir müssen rechtlich dagegen vorgehen. Ich wusste, ich gebe auf keinen Fall auf.
Für meinen Bruder und seine Familie war die Ablehnung extrem belastend. Die Angst war wieder da. Die Kinder sollten möglichst wenig davon mitbekommen, weil wir nicht wollten, dass sie psychisch darunter leiden. Aber für die Erwachsenen war es ein ständiger Druck.
Es war auch ein Kampf gegen die Zeit, weil mein Bruder unter Epilepsie leidet und wir wussten, dass es im Irak keine medizinische Versorgung für ihn gibt. Hier in Deutschland haben wir die gleiche Diagnose bekommen. Und der jüngste Sohn der Familie wurde geboren, auch sein Asylantrag wurde abgelehnt.
Wenn man weiß, dass einem Schutz zusteht, dann darf man nicht aufgeben.
Was hat euch geholfen, weiterzukämpfen?
Dindar: Dass ich wusste, dass es in Deutschland rechtliche Möglichkeiten gibt. Es gibt Gerichte. Man kann gegen eine falsche Entscheidung vorgehen. Und ich wusste: Wir haben recht. Wenn man weiß, dass einem Schutz zusteht, dann darf man nicht aufgeben.
Wie war dann der Moment, als ihr endlich erfahren habt, dass ihr bleiben dürft?
Amina: Es war ein sehr, sehr glückliches Gefühl. Wir haben als Familie gefeiert.
Dindar: Ich war auf der Arbeit, als ich gelesen habe, dass meine Familie Bleiberecht bekommen hat. Ich konnte es kaum glauben. Ich habe sofort meine Mutter angerufen, die inzwischen auch in Deutschland ist. Die ganze Last ist auf einmal von den Schultern gefallen. Ich war innerlich einfach glücklich. Gleichzeitig belastet mich dieser lange Kampf bis heute. Aber am Ende war klar: Es hat sich gelohnt.
Was wünscht ihr euch von Behörden und Politik?
Amina: Dass nicht alle Menschen pauschal behandelt werden. Wenn jemand arbeiten will, eine Ausbildung machen will und alle Unterlagen vorlegt, dann sollte diese Person auch eine echte Chance bekommen, hier bleiben zu dürfen.
Dindar: Ich wünsche mir, dass Behörden wirklich auf den Einzelfall schauen. Es darf nicht sein, dass alle Geflüchteten verallgemeinert werden. Man muss sehen: Sind Kinder da? Gibt es Schule, Ausbildung, Arbeit? Gibt es besondere Schutzgründe? Gerade bei Jesiden muss die Lage im Irak ernst genommen werden. Es reicht nicht, den Genozid anzuerkennen, wenn Menschen trotzdem mit Abschiebung bedroht sind.
Dindar, du hast dich auch politisch für die Anerkennung des Genozids an Jesid*innen eingesetzt?
Dindar: Ich habe mich in Deutschland mit anderen dafür eingesetzt, dass der Völkermord an Jesiden im Irak durch den Bundestag offiziell anerkannt wird. Und in der Schweiz habe ich auch eine Petition mit 83.000 Unterschriften gestartet und letztendlich die offizielle Anerkennung durch den Nationalrat erreicht.
Was sind eure Wünsche für die Zukunft?
Amina: Ich möchte meine Ausbildung abschließen und meinen Kindern eine gute Zukunft geben. Ich möchte sie unterstützen, bis sie ihre Ziele erreichen.
Baran: Ich möchte meinen Traumjob erreichen und später meine Familie unterstützen.
Dindar: Mein Wunsch ist, dass die Familie auf eigenen Beinen steht und die Kinder sich eine gute Zukunft aufbauen können. Dafür sind wir auf einem guten Weg!
Zum Abschluss: Nach all dem was ihr erlebt habt – was bedeutet zu Hause für euch?
Amina: Zu Hause bedeutet für mich Sicherheit. Ein Ort, an dem man sich ausruhen kann.
Baran: Für mich ist Deutschland ein Zuhause. Hier fühle ich mich sicher. Hier habe ich viele Möglichkeiten.
Dindar: Für mich ist zu Hause da, wo es Sicherheit gibt, wo ich Rechte habe. Wo Menschenrechte gelten, wo man frei ist und als Mensch wertgeschätzt wird. Wenn man keine Rechte hat und nicht willkommen ist, dann ist es für mich kein Zuhause.
(xjv, sch)