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Giorgos Tsarbopoulos hat sich jahrzehntelang um die Menschenrechte verdient gemacht und sich, vor allem als Leiter des griechischen UNHCR-Büros, unbeirrt für Geflüchtete eingesetzt. Dafür wird er mit dem PRO ASYL-Menschenrechtspreis 2026 ausgezeichnet. Im Interview erzählt er, warum er sich nie davon hat abbringen lassen, die Stimme zu erheben.

Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los, Jahr­gang 1955, war schon früh für sozia­le Unge­rech­tig­keit sen­si­bi­li­siert. 1977 schloss er sein Jura-Stu­di­um in Athen ab und arbei­te­te eini­ge Jah­re als Anwalt. Sei­ne Arbeit bekam einen inter­na­tio­na­len Schwer­punkt, als er ab 1989 eine Stel­le im Bereich inter­na­tio­na­le Ange­le­gen­hei­ten und Euro­pa­recht im grie­chi­schen Umwelt­mi­nis­te­ri­um annahm. 1995 hat er die Ver­ein­ten Natio­nen und ins­be­son­de­re die Men­schen­rechts­ar­beit für sich ent­deckt: Er ging für eine Mis­si­on des UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sa­ri­ats nach Ruan­da, anschlie­ßend nach Ango­la, Ost­ti­mor und Kolum­bi­en. Erst 2006 kehr­te er nach Grie­chen­land zurück und war dort bis 2015 Lei­ter des Büros des UN-Flücht­lings­kom­mis­sa­ri­ats (UNHCR) in Athen. 
In die­ser Zeit hat­te Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los gro­ßen Ein­fluss dar­auf, dass es in Grie­chen­land zu einer umfas­sen­den struk­tu­rel­len Reform des Asyl­sys­tems kam, die 2011 schließ­lich ein unab­hän­gi­ges Asyl­sys­tem brach­te. Zudem mach­te er es zu sei­ner Ver­ant­wor­tung, die mas­si­ve staat­li­che Gewalt gegen­über Geflüch­te­ten an den Außen­gren­zen zu doku­men­tie­ren und zu skan­da­li­sie­ren. Er übte wie­der­holt Druck auf die Regie­rung aus und trug dadurch etwa zur Schlie­ßung eines Abschie­be­ge­fäng­nis­ses bei.  

Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los ver­bringt jedes Jahr vier Mona­te in Kolum­bi­en, wo er Mit­glied eines Men­schen­rechts­netz­werks ist, zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen und jun­ge Menschenrechtsaktivist*innen unterstützt. 

Gior­gos, für uns zum Ein­stieg: Gibt es eine Geschich­te, die Ihre Arbeit als Ver­tei­di­ger der Men­schen­rech­te exem­pla­risch zusam­men­fasst?  

Ganz zu Beginn mei­ner Zeit als Lei­ter des grie­chi­schen UNHCR-Büros habe ich eine furcht­ba­re Haft­ein­rich­tung besucht. Direkt danach habe ich in einem Inter­view erklärt, dass die­se Ein­rich­tung inak­zep­ta­bel ist und gegen die Men­schen­wür­de ver­stößt. Jemand kam auf mich zu und sag­te, sowas kön­ne ich als UN-Per­son doch nicht sagen. Und ich habe geant­wor­tet: Doch, das kann ich. Ich sage, was ich sehe. Ich schrieb mei­ne aller­ers­te Pres­se­er­klä­rung und behielt auch da mei­nen Ton bei. Das Gefäng­nis wur­de bald dar­auf geschlos­sen.  

Sie haben in Ihrem beruf­li­chen Leben beein­dru­ckend viel erlebt – und bewegt. Wie hat das alles ange­fan­gen?  

Ich habe nach mei­nem Jura­stu­di­um Ende der 1970er zunächst mit mei­nem Vater zusam­men­ge­ar­bei­tet, der auch Rechts­an­walt war. Aber ich woll­te schon immer stär­ker inter­na­tio­nal arbei­ten. 1989 habe ich dann die Mög­lich­keit bekom­men, im grie­chi­schen Umwelt­mi­nis­te­ri­um im Bereich inter­na­tio­na­le Ange­le­gen­hei­ten und Euro­pa­recht zu arbei­ten – da habe ich sofort zuge­grif­fen. Ich habe an inter­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen zum Schutz der Ozon­schicht und des Mit­tel­meers teil­ge­nom­men. Das war der Moment, in dem mei­ne Arbeit inter­na­tio­nal wurde. 

Eigent­lich woll­te ich aber schon damals im huma­ni­tä­ren Bereich arbei­ten. Ich war poli­tisch schon stark geprägt, weil ich mich 1973 zu Beginn mei­nes Jura­stu­di­ums an der Uni am Auf­stand gegen die grie­chi­sche Mili­tär­dik­ta­tur betei­ligt habe. Ich habe also den gro­ßen Wan­del von der Dik­ta­tur zur Demo­kra­tie 1974 unmit­tel­bar erlebt und war dadurch sehr sen­si­bi­li­siert für sozia­le Unge­rech­tig­keit. Das hat mei­ne poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen stark geprägt.

1994 oder 1995 bin ich dann eher zufäl­lig mit den Ver­ein­ten Natio­nen in Kon­takt gekom­men. Die UN haben damals grie­chi­sche Jurist*innen für eine Mis­si­on des Men­schen­rechts­kom­mis­sa­ri­ats nach dem Völ­ker­mord in Ruan­da gesucht. Eigent­lich soll­te ich nur zwei Mona­te blei­ben. Am Ende sind dar­aus zwei­ein­halb Jah­re gewor­den. Ich habe dort die Welt der Ver­ein­ten Natio­nen und der Men­schen­rech­te ken­nen­ge­lernt und spä­ter auch in Ango­la, Ost­ti­mor und Kolum­bi­en gearbeitet.

Nach Grie­chen­land bin ich erst 2006 zurück­ge­kehrt und habe dort ange­fan­gen, für den UNHCR, das Flücht­lings­hilfs­werk der Ver­ein­ten Natio­nen, zu arbei­ten. Damals ist das UNHCR-Büro in Grie­chen­land von einer inter­na­tio­na­len Ver­tre­tung in ein natio­na­les Büro umge­wan­delt wor­den. Ich bin also der ers­te – und letzt­lich auch der ein­zi­ge – Lei­ter die­ses natio­na­len Büros gewe­sen. Ich habe das Büro 2006 eröff­net und es wäh­rend der Flücht­lings­kri­se 2015 wie­der geschlos­sen. Ich spre­che nicht ger­ne von einer „Kri­se“, aber tat­sächlich war es eine.

Wie wür­den Sie Ihre Bezie­hung zu den Ver­ein­ten Natio­nen beschrei­ben? 

Soli­da­ri­tät mit ande­ren Men­schen zu zei­gen, gibt mei­nem Leben einen Sinn. Es ist für mich sehr wich­tig, gemein­sam mit ande­ren für ein gemein­sa­mes Ziel zu arbei­ten. Wenn man als Akti­vist in einer Orga­ni­sa­ti­on, als Frei­wil­li­ger oder in einer poli­ti­schen Par­tei arbei­tet, ist das sehr offen­sicht­lich: Man macht das, weil man dar­an glaubt.

Etwas ande­res ist es, Teil einer rie­si­gen inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on wie den Ver­ein­ten Natio­nen zu wer­den. Da ist es gar nicht so selbst­ver­ständ­lich, dass man sei­ne eige­nen Über­zeu­gun­gen ver­wirk­li­chen und wei­ter­hin dar­an glau­ben kann, dass man durch sei­ne Arbeit etwas in der Welt ver­än­dern kann. 

Heu­te weiß ich aber, dass das auch inner­halb einer so gro­ßen Orga­ni­sa­ti­on mög­lich ist. Die Ver­ein­ten Natio­nen sind sehr büro­kra­tisch, haben Hier­ar­chien und stren­ge Regeln. Trotz­dem kann man sei­nen eige­nen Hand­lungs­spiel­raum fin­den. Das klappt natür­lich nicht immer. Aber wenn die Rah­men­be­din­gun­gen stim­men, kann man auch in einem schwie­ri­gen oder sogar wid­ri­gen Umfeld gemein­sam mit einem Team sehr viel erreichen.

Für mich ist des­halb immer der ent­schei­den­de Punkt, Bedin­gun­gen zu fin­den oder, wenn mög­lich, selbst zu schaf­fen, die ein Team von Men­schen dazu brin­gen, sich für posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen ein­zu­set­zen. Und das kann über­all pas­sie­ren. 

Es war also offen­sicht­lich, dass das Sys­tem so man­gel­haft war, dass es grund­le­gend ver­än­dert wer­den musste.

War die­ses Gefühl wäh­rend Ihrer Jah­re als Lei­ter des UNHCR-Büros in Grie­chen­land eigent­lich stän­dig da – das Gefühl, etwas zu einer bes­se­ren Welt bei­zu­tra­gen? Oder ist es eher in bestimm­ten Situa­tio­nen auf­ge­kom­men? 

Das ist eine gute Fra­ge. Beim Vor­stel­lungs­ge­spräch hat der Regio­nal­ko­or­di­na­tor des UNHCR in Rom zu mir gesagt: „Wis­sen Sie, das ist kei­ne „field work“, es gibt kei­ne Ein­sät­ze vor Ort. Sie wer­den sich lang­wei­len. Das ist Euro­pa. Das hat nichts mit Kolum­bi­en zu tun, nichts mit Afri­ka.“ Und ich habe ihm mit den weni­gen Infor­ma­tio­nen, die ich damals hat­te, geant­wor­tet: „Ich glau­be, dass es sehr wohl „field work“ ist. Wir sind schließ­lich an der EU-Außengrenze. 

Mit die­ser Vor­stel­lung bin ich nach Grie­chen­land zurück­ge­kom­men. Ich habe mir gesagt: Das ist kei­ne Arbeit, die man vom Büro aus machen kann. Wenn wir die Situa­ti­on von Flücht­lin­gen und Asyl­su­chen­den ver­bes­sern wol­len, müs­sen wir prä­sent sein. Und zwar über­all, vor allem an den euro­päi­schen Außen­gren­zen – an den See- und Land­gren­zen, am Evros, dem Grenz­fluss zur Tür­kei, und auf den grie­chi­schen Inseln. 

Die Bedin­gun­gen für Asyl­su­chen­de und Flücht­lin­ge sind damals wirk­lich pro­ble­ma­tisch gewe­sen. Die Aner­ken­nungs­quo­te lag prak­tisch bei null – bei etwa 0,1 Pro­zent. Heu­te liegt sie, je nach Natio­na­li­tät, bei mehr als 25 oder sogar 40 Pro­zent. 

Und wie war das Ver­hält­nis zwi­schen dem UNHCR und der grie­chi­schen Regie­rung?  

Im Som­mer 2009 hat UNHCR beschlos­sen, sich aus dem Asyl­ver­fah­ren zurück­zu­zie­hen, weil wir das schlech­te Sys­tem nicht noch legi­ti­mie­ren woll­ten. Die Regie­rung hat­te zwar struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen ver­spro­chen, aber die geplan­ten gesetz­li­chen Ände­run­gen waren letzt­lich eine Far­ce. Sie haben die Situa­ti­on nicht ver­bes­sert.  

Schließ­lich ist es uns gelun­gen, eine umfas­sen­de struk­tu­rel­le Reform des Asyl­sys­tems durch­zu­set­zen, auch dank unse­res Rück­zugs. Anfang 2011 hat Grie­chen­land ein unab­hän­gi­ges Asyl­sys­tem und offe­ne Auf­nah­me­zen­tren an den Gren­zen geschaffen. 
 

Es war also offen­sicht­lich, dass das Sys­tem so man­gel­haft war, dass es grund­le­gend ver­än­dert wer­den muss­te. Zusätz­lich gab es all die Pro­ble­me an den Gren­zen. Es gab kaum Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen, statt­des­sen Haft­ein­rich­tun­gen und geschlos­se­ne Zen­tren, in denen die Men­schen prak­tisch kei­ne Rech­te hatten. Es gab also unglaub­lich viel zu tun. Wir muss­ten einen umfas­sen­den Plan ent­wi­ckeln, wie der Flücht­lings­schutz in Grie­chen­land ver­bes­sert wer­den konnte.

Und wir woll­ten diese Stra­te­gie nicht nur inner­halb der UNHCR-Struk­tu­ren ent­wi­ckeln, son­dern in enger Zusam­men­ar­beit mit Orga­ni­sa­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft und mit den Flücht­lin­gen selbst. Wir haben des­halb ein star­kes Netz­werk mit den weni­gen NGOs auf­ge­baut, die damals in Grie­chen­land aktiv waren. Wir haben sie als gleich­be­rech­tig­te Part­ner behan­delt – und nicht als Orga­ni­sa­tio­nen, die ein­fach den ver­meint­lich bril­lan­ten Erkennt­nis­sen und Anwei­sun­gen von UNHCR fol­gen soll­ten. 

Nach acht­ein­halb Jah­ren ist schließ­lich die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs ergan­gen, der die grie­chi­sche Regie­rung ver­ur­teilt hat: Das Recht auf Leben war ver­letzt worden. 

Ein Bei­spiel dafür ist das Schiffs­un­glück von Farm­a­ko­ni­si? 

Ja. Beim Schiffs­un­glück von Farm­a­ko­ni­si hat­te die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che 2014 ein Flücht­lings­boot ins Schlepp­tau genom­men, um es zurück in tür­ki­sche Gewäs­ser zu zie­hen – und dann das Seil gekappt, sodass das Boot sank. Elf Men­schen star­ben.   

Die Regie­rung hat zunächst behaup­tet, dass es nicht die Schuld der Küs­ten­wa­che gewe­sen sei. Sie hät­ten das Boot nie­mals fest­ge­bun­den. Dann hieß es: Ja, wir haben es fest­ge­bun­den – aber nur, um eine Ret­tungs­ak­ti­on durch­zu­füh­ren, nicht im Rah­men eines Pushbacks. 

Wie hat sich die Bezie­hung vom UNHCR zur grie­chi­schen Regie­rung danach ent­wi­ckelt? 

Wann immer wir an den Gren­zen prä­sent waren, Infor­ma­tio­nen aus ers­ter Hand hat­ten und sicher waren, dass etwas Unrecht­mä­ßi­ges pas­siert ist, sind wir damit an die Öffent­lich­keit gegan­gen. Selbst wenn Regie­run­gen häu­fig bestrit­ten oder geleug­net haben, dass bestimm­te Din­ge pas­siert sind, waren sie gezwun­gen, sich dazu zu ver­hal­ten. 

Wir haben dar­auf bestan­den, dass der Vor­fall auf­geklärt wird. Der Fall wur­de von meh­re­ren Orga­ni­sa­tionen, dar­un­ter die PRO ASYL-Schwes­ter­or­ga­ni­sa­ti­on RSA, vor den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te gebracht. Nach acht­ein­halb Jah­ren ist schließ­lich die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs ergan­gen, der die grie­chi­sche Regie­rung ver­ur­teilt hat: Das Recht auf Leben war ver­letzt wor­den.  

Wo waren Sie, als Sie von dem Unglück erfah­ren haben? 

In Athen. Wir haben sofort unse­ren Mit­ar­bei­ter, der für die süd­li­chen Inseln zustän­dig war, zusam­men mit Dolmetscher*innen nach Leros geschickt, um Kon­takt zu den Über­le­ben­den auf­zu­neh­men. So haben wir sehr früh die ers­ten Zeu­gen­aus­sa­gen bekom­men – und zwar in ihrer eige­nen Spra­che. 

Das war unglaub­lich wich­tig. Wir waren die Ers­ten, die mit den Über­le­ben­den gespro­chen haben. Dadurch konn­te die Küs­ten­wa­che ihre Dar­stel­lung des Gesche­hens spä­ter nicht ein­fach ver­än­dern. Wir kann­ten die Aus­sa­gen der Über­le­ben­den. Noch am sel­ben Tag haben wir an die Regie­rung geschrie­ben und Auf­klä­rung ver­langt. Gleich­zei­tig haben wir eine Pres­se­mit­tei­lung ver­öf­fent­licht, in der wir eine unab­hän­gi­ge und gründ­li­che Unter­su­chung gefor­dert haben. 

Ich war auch per­sön­lich vor Ort. Und wir haben von Anfang an eng mit den zivilgesellschaftlichen Orga­ni­sa­ti­onen zusam­men­ge­ar­bei­tet, die die Über­le­ben­den anschlie­ßend recht­lich und psy­cho­lo­gisch unterstützt haben. 

Und vor Farm­a­ko­ni­si war es noch nicht üblich, Über­le­ben­de unmit­tel­bar und in ihrer eige­nen Spra­che zu befra­gen? 

Nein, das war neu. Bei die­sem Schiffs­un­glück sind acht Kin­der und drei Frau­en gestor­ben. Zuvor hat­ten wir bereits vie­le Fäl­le von Push­backs doku­men­tiert, bei denen die Behör­den bestrit­ten haben, was pas­siert ist.

Als Farm­a­ko­ni­si pas­sierte, waren wir des­halb nicht über­rascht. Wir wussten, dass es frü­her oder spä­ter zu einem sol­chen Unglück kom­men wür­de. Unse­re Doku­men­ta­ti­on hat gezeigt, wie ris­kant diese soge­nann­ten Abfangmanö­ver der Küs­ten­wa­che auf See waren. Wir kann­ten zum Bei­spiel Fälle, in denen die Küs­ten­wa­che bewusst gro­ße Wel­len erzeugt hat, um Boo­te an der Ein­rei­se zu hin­dern. Es war nur eine Fra­ge der Zeit. Bei Farm­a­ko­ni­si ist es schließ­lich pas­siert: Als die Küs­ten­wa­che das Boot fest­ge­bun­den und ver­sucht hat, es zurück­zuschlep­pen, ist es unter ihrer Kontrol­le geken­tert. Wir sind damit sofort an die Öffent­lich­keit gegan­gen, die Geschich­te hat für gro­ße media­le Auf­merk­sam­keit gesorgt und die Regie­rung unter Druck gesetzt. 

Manchmal ist es bei sen­siblen Ange­le­genhei­ten sinnvoll, ver­trau­li­che Brie­fe zu schrei­ben, wie es häu­fig gemacht wird. Aber in ande­ren Fäl­len muss man an die Öffent­lich­keit gehen und laut fra­gen, was pas­siert. 

Als Sie so früh mit den Über­le­ben­den von Farm­a­ko­ni­si gespro­chen haben, haben Sie ja nicht nur Bewei­se gesi­chert. Sie haben auch Men­schen, deren Stim­men oft bewusst über­hört wer­den, Gehör ver­schafft. Das hat auch was mit Wür­de zu tun. 

Ja, abso­lut. Ich glau­be, das ist von ent­schei­den­der Bedeu­tung – nicht nur beim Flücht­lings­schutz, son­dern in allen Berei­chen der Men­schen­rech­te und auch in der huma­ni­tä­ren Hil­fe. Das Ers­te, wor­an man den­ken muss, ist die Men­schen­wür­de. Sie muss an ers­ter Stel­le stehen. 

Selbst wenn man ein Pro­blem nicht lösen kann, muss man die ande­ren Men­schen respek­tie­ren und ihnen zei­gen, dass ihr Leben und ihre Mei­nung wich­tig sind. Und das kann man in viel­fäl­tiger Wei­se tun. Mich hat manch­mal über­rascht, dass sich Men­schen noch Jah­re spä­ter dar­an erin­nert haben, dass wir sie sicht­bar gemacht oder ihnen ein­fach zuge­hört haben. Und ganz grund­sätz­lich glau­be ich: Wenn man etwas gibt, bekommt man immer auch etwas zurück. 

…so lange man den Men­schen auf Augen­hö­he begegnet. 

Ganz zu Beginn mei­ner Kar­rie­re bei den UN war eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen – und gleich­zei­tig eine wich­ti­ge Lek­ti­on – für mich die Fra­ge, wie man das Ver­trau­en von Men­schen gewinnt, die trau­ma­ti­siert sind. Ganz egal, wel­chen Hin­ter­grund oder wel­ches Wis­sen man selbst mit­bringt: Man muss Ver­trau­en auf­bau­en. Und das ist unglaub­lich schwie­rig. 

Man muss all die Vor­stel­lun­gen und Ideen hin­ter sich las­sen, dass man selbst mehr weiß als die ande­ren. Die­sen gan­zen leicht neo­ko­lo­nia­len Ansatz. Die­se Erfah­rung hat mich wirk­lich geprägt. 

Die­se Begeg­nun­gen sind auch eine Mög­lich­keit, die tat­säch­li­che Wir­kung der eige­nen Arbeit zu erken­nen. 

Ja. Man muss sowie­so immer wie­der inne­hal­ten, die eige­ne Arbeit über­prü­fen und sich fra­gen: War­um mache ich das? Erzielt mei­ne Arbeit tat­säch­lich eine Wir­kung? 

Heu­te sind wir stän­dig damit beschäf­tigt, Pro­gram­me und Pro­jek­te umzu­set­zen, weil ein Geld­ge­ber die Mit­tel bereit­ge­stellt hat und erwar­tet, dass das Pro­jekt durch­ge­führt wird. Dabei fehlt uns häu­fig die Zeit, inne­zu­hal­ten und zu fra­gen, ob das, was wir tun, tat­säch­lich sinn­voll ist, oder ob wir etwas anders machen müssen.

Was bedeu­tet Wir­kung für Sie? 

Wir­kung kann bedeu­ten, dass man Regie­run­gen dazu brin­gen kann, ihre Poli­tik zu ver­än­dern. Eine zwei­te Form von Wir­kung kann dar­in bestehen, in der Öffent­lich­keit Bewusst­sein zu schaf­fen. Und eine drit­te dar­in, für Gerech­tig­keit zu kämp­fen – selbst wenn das, wie im Fall Farm­a­ko­ni­si, erst nach acht Jah­ren geschieht. Das sind drei For­men von Wir­kung, die wir im Blick behal­ten sollten.

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Das Erstar­ken der extre­men und radi­ka­len Rech­ten in Euro­pa muss Anlass zu gro­ßer Auf­merk­sam­keit und Refle­xi­on sein.

Gilt das in glei­cher Wei­se für die heu­ti­ge Situa­ti­on?  

Ja. Die­se Gedan­ken sind auch heu­te sehr rele­vant. Wir befin­den uns der­zeit in einem äußerst schwie­ri­gen Umfeld. Die brei­te Öffent­lich­keit ist müde gewor­den und inter­es­siert sich nicht mehr beson­ders für die­se The­men. Gleich­zei­tig tre­ten Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit viel offe­ner zuta­ge, und wir erle­ben immer restrik­ti­ve­re euro­päi­sche Maß­nah­men sowie eine zuneh­men­de Aus­la­ge­rung von Asyl­ver­fah­ren. Und das Erstar­ken der extre­men und radi­ka­len Rech­ten in Euro­pa muss Anlass zu gro­ßer Auf­merk­sam­keit und Refle­xi­on sein.

Es wird mehr über den Schutz der Gren­zen gespro­chen als über den Schutz der Men­schen. Es geht um immer mehr Abschre­ckung statt um Menschenrech­te. 

Was wir heu­te erle­ben, ist der Ver­lust von Din­gen, die über vie­le Jah­re hin­weg erkämpft worden sind. Des­halb besteht tat­säch­lich die Gefahr, dass beim Flücht­lings­schutz vie­les ver­lo­ren geht. Auch der neue EU-Pakt bei­spiels­wei­se ent­hält vie­le pro­ble­ma­ti­sche Aspekte. 

Gibt es auch etwas, das Ihnen heu­te Hoff­nung gibt? 

Ich weiß es nicht. Was die euro­päi­sche Poli­tik und die Poli­tik ein­zel­ner Regie­run­gen betrifft, bin ich der­zeit nicht opti­mis­tisch. Aber Hoff­nung gibt mir die Tat­sa­che, dass man an der Basis immer wie­der Men­schen fin­det, die der Mei­nung sind, dass Soli­da­ri­tät wich­ti­ger ist als alles ande­re. Men­schen, die bereit sind, sich ehren­amt­lich zu enga­gie­ren und ande­ren zu hel­fen. Das gibt mir Hoffnung.

Des­halb ist es so wich­tig, dass Orga­ni­sa­tio­nen wei­ter­hin prä­sent sind – auch in einem Umfeld, in dem die Gefahr besteht, dass sie dis­kre­di­tiert wer­den. Wir erle­ben, dass Men­schen und Orga­ni­sa­tio­nen mit juris­ti­schen Ver­fah­ren bedroht wer­den, weil sie Flücht­lin­ge dabei unter­stüt­zen, ihre Rech­te durch­zu­set­zen. 

Was ich heu­te manch­mal beob­ach­te, ist eine Angst davor, laut und öffent­lich Stel­lung zu bezie­hen. Aber wir soll­ten es immer wie­der ver­su­chen. Auch unter wid­ri­gen Umstän­den dür­fen wir unse­re Stim­men nie ver­stum­men las­sen.  

(alw)