19.06.2026
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Foto: Anne van Dam

Seit Mai ermittelt die italienische Justiz gegen Anne van Dam, den Kapitän des Rettungsschiffs Sea-Watch 5. Sein Vergehen: Er hat 166 Menschen auf der tödlichsten Fluchtroute der Welt aus Seenot gerettet – und geriet dabei unter Beschuss der sogenannten lybischen Küstenwache. Ein Gespräch über den Moment, als er vom Retter zum Beschuldigten wurde.

Es ist erst weni­ge Wochen her, seit du erfah­ren hast, dass Ita­li­en wegen »Bei­hil­fe zur ille­ga­len Ein­rei­se in erschwer­ter Form« gegen dich ermit­telt. Wie geht es dir heu­te damit?

Um ehr­lich zu sein: Jeder Tag ist momen­tan eine Ach­ter­bahn­fahrt. Es gibt Momen­te, in denen ich mei­nen All­tag ganz nor­mal lebe, und dann wird mir plötz­lich wie­der bewusst, was gera­de alles pas­siert. Dann den­ke ich: Ver­dammt. Das ist nicht gut.

Wenn du dich gedank­lich in den Mai zurück­ver­setzt – denkst du zuerst an die Ret­tung der Men­schen in See­not oder an den Kon­flikt mit der ita­lie­ni­schen Regierung? 

Für mich ist es ganz klar der Kon­flikt mit der ita­lie­ni­schen Regie­rung. Damit hat nie­mand von uns gerech­net. Die Ret­tun­gen und das Leid der Men­schen zu sehen, ist natür­lich nie ein­fach. Aber da ent­wi­ckelt man mit der Zeit eine gewis­se Wider­stands­fä­hig­keit. Auf so etwas ist man deut­lich bes­ser vor­be­rei­tet als dar­auf, straf­recht­lich ver­folgt zu werden.

Kurz zuvor hat­te die soge­nann­te liby­sche Küs­ten­wa­che mit schar­fer Muni­ti­on auf euer Schiff geschossen… 

Das pas­siert inzwi­schen immer häu­fi­ger. Das letz­te Mal, dass die Sea-Watch 5 beschos­sen wur­de, war erst im Sep­tem­ber letz­ten Jah­res. Seit den Vor­fäl­len mit der Oce­an Viking im August 2025, bei denen es den Anschein hat­te, als wol­le man das Schiff zer­stö­ren und die Men­schen an Bord töten, sind wir extrem vor­sich­tig geworden.

Das Ermitt­lungs­ver­fah­ren rich­tet sich ja nicht gegen Sea-Watch als Orga­ni­sa­ti­on, son­dern gegen dich per­sön­lich. Wie ist das für dich?

Ich neh­me an, dass das letzt­lich auch das Ein­zi­ge ist, was sie tun kön­nen. Für die­sen Ein­satz war ich die ver­ant­wort­li­che Person.

Foto: Oli­ver Kuli­k­ow­ski/­Sea-Watch

Wie gehst du damit um?

Ehr­lich gesagt brauch­te ich erst­mal etwas Zeit, um das über­haupt zu begrei­fen. Zunächst war ich wirk­lich scho­ckiert. Dann dach­te ich, ich muss mir nicht all­zu gro­ße Sor­gen machen. Es ist schon vie­len ande­ren Kapitän*innen pas­siert – ich glau­be, min­des­tens zwan­zig –, aber keine*r von ihnen wur­de letzt­lich ver­ur­teilt. Und ich habe eine her­vor­ra­gen­de Anwältin.

Je mehr Zeit jedoch ver­geht, des­to stär­ker mer­ke ich, wie sehr mich das belas­tet. Es macht mich unglaub­lich wütend, dass ich als Sün­den­bock für poli­ti­sche Zie­le her­hal­ten soll. Sie bedro­hen mei­ne Frei­heit. Mir wird immer kla­rer, was das bedeu­ten wür­de. Ich bin 31 Jah­re alt. Wenn sie mich tat­säch­lich für 20 Jah­re ins Gefäng­nis schi­cken, ver­lie­re ich alles. Alles, wor­auf ich hin­ge­ar­bei­tet und was ich mir auf­ge­baut habe. Wenn ich her­aus­kom­me, wird nichts mehr übrig sein. Das ist ein sehr beängs­ti­gen­der Gedanke.

Gleich­zei­tig ist genau das für die Men­schen, die wir ret­ten – oder für die­je­ni­gen, die es allei­ne nach Euro­pa schaf­fen – all­täg­li­che Rea­li­tät. Für sie ist die­se Gefahr viel rea­ler als für uns auf den Ret­tungs­schif­fen. Und: Über Sea-Watch kann ich mir eine sehr gute Anwäl­tin leis­ten. Geflüch­te­te haben sol­che Mög­lich­kei­ten meist nicht.

Ver­mut­lich ist das doch genau das Ziel: Men­schen davon abzu­schre­cken, die­se Arbeit zu machen.

Das wer­den wir ver­mut­lich erst am Ende erfah­ren. Aber ich neh­me an, dass es ein Ver­such ist, uns ein­zu­schüch­tern – oder Kapitän*innen davon abzu­hal­ten, die­se Arbeit wei­ter­zu­ma­chen. Denn ein Schiff kann nicht aus­lau­fen, wenn eine NGO kei­nen Kapi­tän fin­det. Bis­her scheint das aller­dings nicht beson­ders gut zu funk­tio­nie­ren. Ich wur­de sofort ersetzt, und das Schiff berei­tet bereits den nächs­ten Ein­satz vor.

Noch­mal zurück zu dem Tag, an dem man dir sag­te, dass gegen dich ermit­telt wird: Wie ist das genau abgelaufen?

Zunächst schien alles nor­mal zu sein: Mit­ar­bei­ten­de des staat­li­chen Gesund­heits­amts USMAF und vom Roten Kreuz kamen an Bord, um die Geret­te­ten auf die Aus­schif­fung vor­zu­be­rei­ten. Beamt*innen frag­ten nach Zer­ti­fi­ka­ten, Log­bü­chern und schließ­lich nach Daten aus unse­rem Navi­ga­ti­ons­sys­tem. Wir haben gut koope­riert, weil wir nichts zu ver­ber­gen hat­ten. Schließ­lich war zuvor auf uns geschos­sen wor­den, und wir berei­te­ten selbst eine Anzei­ge vor. Wir gin­gen davon aus, dass wir als Zeug*innen befragt würden.

Doch dann begann sich die Situa­ti­on zu ver­än­dern. Ich durf­te die Brü­cke nicht ver­las­sen, und man teil­te mir mit, dass ich bei der Befra­gung einen Anwalt hin­zu­zie­hen kön­ne. Das ist ein Zei­chen dafür, dass man nicht als Zeu­ge ver­nom­men wird. Ich frag­te nach und erfuhr: »Gegen Sie wird ermit­telt.« In die­sem Moment wur­de mir klar, was hier vor sich ging.

Konn­test du so kurz­fris­tig über­haupt eine*n Anwält*in hinzuziehen?

Ja. Zum Glück war mei­ne Anwäl­tin ohne­hin bereits auf dem Weg zum Schiff, weil wir ja wegen des Beschus­ses eine Anzei­ge erstat­ten woll­ten. Statt­des­sen wur­de ich 13 Stun­den lang auf der Brü­cke fest­ge­hal­ten, wäh­rend die Behör­den Daten aus unse­ren Sys­te­men kopier­ten, Video­auf­nah­men sich­te­ten und mir einen Durch­su­chungs­be­schluss präsentierten.

Um ein Uhr mor­gens – nach­dem man mich den gan­zen Tag fest­ge­hal­ten hat­te, ohne dass ich mal rich­tig mit mei­ner Anwäl­tin spre­chen konn­te – erhielt ich die offi­zi­el­le Mit­tei­lung über das Ermitt­lungs­ver­fah­ren. Am nächs­ten Tag ging ich zur Poli­zei­sta­ti­on, erfuhr, was mir vor­ge­wor­fen wur­de, und ver­wei­ger­te bis auf Wei­te­res jede Aussage.

Es klingt, als hät­te man bewusst ver­sucht, dich einzuschüchtern.

Genau das haben sie ver­sucht: Sie haben alles dar­an­ge­setzt, dass ich mich mög­lichst unwohl füh­le. Ich dach­te wirk­lich, tie­fer könn­ten sie nicht mehr sin­ken. Aber sie haben es geschafft. Die Mess­lat­te lag schon auf dem Boden – und trotz­dem haben sie es noch  geschafft, dar­un­ter hindurchzukriechen.

Ent­mu­tigt dich die­se Erfah­rung oder macht sie dich ent­schlos­se­ner, weiterzukämpfen?

Damit rin­ge ich ehr­lich gesagt noch. Einer­seits möch­te ich mich weh­ren. Ande­rer­seits habe ich in die­sem kon­kre­ten Fall das Gefühl, dass ich nicht gegen die rich­ti­gen Leu­te kämp­fe, wenn ich ein­fach wie­der auf das Schiff gehe und genau das­sel­be noch ein­mal mache.

Und gegen wen müss­te man statt­des­sen vorgehen?

Gegen die Regie­run­gen. Gegen die Euro­päi­sche Uni­on. Nur ist das ein Kampf, auf den ich nicht spe­zia­li­siert bin. Aber ich wer­de auf jeden Fall ver­su­chen, mich mit den rich­ti­gen Fach­leu­ten zu umge­ben, mit Men­schen, die sich damit aus­ken­nen. Ich wer­de kei­ne Ruhe geben.

Wie fühlt es sich an, auf einer sol­chen Mis­si­on zu sein? In die­ser sehr merk­wür­di­gen Situa­ti­on zwi­schen Euro­pa – also den eige­nen Län­dern – und gleich­zei­tig sol­chen Angrif­fen aus­ge­setzt zu sein. 

Es über­rascht mich über­haupt nicht, was in der liby­schen Such- und Ret­tungs­zo­ne pas­siert oder wie die soge­nann­te liby­sche Küs­ten­wa­che agiert. Aber ich bin wirk­lich ent­täuscht von der Reak­ti­on der Euro­päi­schen Uni­on auf die jüngs­ten Vor­fäl­le. Irgend­wie lau­te­te ihre Schluss­fol­ge­rung, dass die fort­ge­setz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der liby­schen Küs­ten­wa­che und den liby­schen Behör­den funk­tio­nie­re und dass die Situa­ti­on ohne die­se Zusam­men­ar­beit ver­mut­lich noch schlim­mer ver­lau­fen wäre. Dar­an habe ich erheb­li­che Zweifel.

Am Ende habt ihr 166 Men­schen geret­tet. Wie wür­dest du bei so vie­len Men­schen an Bord die Stim­mung wäh­rend die­ser Tage beschreiben?

Das ist für mich schwer ein­zu­schät­zen, weil ich als Kapi­tän weni­ger mit den Men­schen zu tun habe. Was ich weiß: Vie­le kamen bereits mit deut­li­chen Spu­ren von Miss­hand­lun­gen und Gewalt an Bord. Dann muss­ten sie auch noch die­sen Beschuss erle­ben. Für mei­ne Crew­mit­glie­der war das schon trau­ma­tisch, für die Men­schen, die wir geret­tet haben, aber noch viel stär­ker retraumatisierend.

Bis wir einen siche­ren Hafen errei­chen, ver­su­chen wir wirk­lich alles, um den Geret­te­ten einen geschütz­ten Raum und wie­der das Gefühl zu geben, Men­schen zu sein. Wir ver­sor­gen sie medi­zi­nisch, geben ihnen fri­sche Klei­dung und ver­su­chen, sie auf das vor­zu­be­rei­ten, was sie in Euro­pa erwar­tet. Ich wür­de sagen: Die Stim­mung ist anfangs meist ziem­lich schlecht, aber wir arbei­ten hart dar­an, sie zu ver­bes­sern – und das gelingt uns nor­ma­ler­wei­se auch.

Wäh­rend einer sol­chen Mis­si­on durch­lebt man ver­mut­lich vie­le unter­schied­li­che emo­tio­na­le Phasen. 

Für mich ist jede erfolg­rei­che Ret­tung zunächst ein­mal etwas sehr Posi­ti­ves. Sie bedeu­tet, dass wir Men­schen an einen siche­ren Ort gebracht haben – zumin­dest vor­erst. Gleich­zei­tig bleibt immer ein schwe­res Gefühl zurück, weil ich weiß, was vie­le von ihnen in Euro­pa erwar­tet. Man­che haben ein deut­lich rosi­ge­res Bild von Euro­pa, als der Rea­li­tät ent­spricht. Es ist herz­zer­rei­ßend, die­se Vor­stel­lun­gen zer­stö­ren zu müs­sen. Ich wünsch­te, Euro­pa wäre so, wie sie es sich vorstellen.

Eigent­lich beglei­tet mich kon­stant eine leich­te Trau­rig­keit. Wir sind eben ein Ret­tungs­schiff. Das ist unse­re Auf­ga­be. Aber ich wünsch­te oft, wir könn­ten mehr tun.

Vie­le Men­schen sehen euch als die­je­ni­gen, die die Feh­ler der Regie­run­gen aus­glei­chen. Gleich­zei­tig wer­det ihr stän­dig mit Hin­der­nis­sen kon­fron­tiert. Ist das vor allem frus­trie­rend oder auch motivierend?

Als ich ange­fan­gen habe, war es moti­vie­rend. Es fühl­te sich gut an, etwas zu tun, das eigent­lich die Regie­run­gen tun soll­ten – jeden­falls jede Regie­rung, die behaup­tet, Men­schen­le­ben zu achten.

Je län­ger ich die­se Arbeit mache, des­to mehr wird die­ses Gefühl aber durch Wut und Frus­tra­ti­on ersetzt. Jedes Mal denkt man, schlim­mer wird es nicht – und dann schaf­fen sie es doch wie­der, es schlim­mer zu machen. Es ist per­ma­nent enttäuschend.

Gleich­zei­tig freue ich mich sehr zu sehen, dass Leu­te, die neu in unser Team kom­men, immer noch mit die­ser Hal­tung dabei sind: »Ja, wir machen das jetzt!« Für sie hat die­se Arbeit oft noch etwas sehr Ermächtigendes.

Und genau das braucht es, damit es wei­ter­geht, oder?

Abso­lut. Des­halb glau­be ich auch, dass man die­se Arbeit nicht zu lan­ge machen sollte.

Du hast gesagt, dass du vor­erst nicht mehr auf Mis­si­on gehen wirst.

Ja. Das ist in ers­ter Linie mei­ne eige­ne Ent­schei­dung. Nach allem, was pas­siert ist – dass auf uns geschos­sen wur­de und wir in einen Hafen gekom­men sind, in dem wir Unter­stüt­zung erwar­tet und statt­des­sen ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren bekom­men haben – hal­te ich es der­zeit nicht für klug, weiterzufahren.

Ich möch­te ihnen kei­nen zusätz­li­chen Stoff für die­ses Ver­fah­ren lie­fern. Natür­lich hängt das auch davon ab, was Men­schen sagen, die sich im Rechts­sys­tem bes­ser aus­ken­nen als ich. Aber im Moment nei­ge ich dazu, auf Num­mer sicher zu gehen.

Stell dir vor, du wachst eines Mor­gens auf der Sea-Watch 5 auf und alles hat sich so ver­än­dert, wie du es dir wünschst. Wie wür­de die­se Welt aussehen?

Das wäre zumin­dest mal eine Welt, in der die Euro­päi­sche Uni­on auf­hört, die soge­nann­te liby­sche Küs­ten­wa­che und die liby­schen Behör­den zu finan­zie­ren, aus­zu­bil­den und mit ihnen zusam­men­zu­ar­bei­ten. Was dort geschieht, ist unglaub­lich dop­pel­zün­gig. Wenn das die Regie­rung ist, die mich ver­tre­ten soll, dann ist es kei­ne, der ich traue.

Aber wenn ich wirk­lich frei wün­schen könn­te, wäre es die »safe pas­sa­ge«, also siche­re Flucht­we­ge. Eine Welt, in der ich die Sea-Watch 5 ein­fach zurück nach Deutsch­land fah­ren, die Schlüs­sel abge­ben und auf­hö­ren könn­te, weil ich nicht mehr gebraucht werde.

(alw)