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Sea-Watch-Kapitän: »Ich werde keine Ruhe geben«
Seit Mai ermittelt die italienische Justiz gegen Anne van Dam, den Kapitän des Rettungsschiffs Sea-Watch 5. Sein Vergehen: Er hat 166 Menschen auf der tödlichsten Fluchtroute der Welt aus Seenot gerettet – und geriet dabei unter Beschuss der sogenannten lybischen Küstenwache. Ein Gespräch über den Moment, als er vom Retter zum Beschuldigten wurde.
Es ist erst wenige Wochen her, seit du erfahren hast, dass Italien wegen »Beihilfe zur illegalen Einreise in erschwerter Form« gegen dich ermittelt. Wie geht es dir heute damit?
Um ehrlich zu sein: Jeder Tag ist momentan eine Achterbahnfahrt. Es gibt Momente, in denen ich meinen Alltag ganz normal lebe, und dann wird mir plötzlich wieder bewusst, was gerade alles passiert. Dann denke ich: Verdammt. Das ist nicht gut.
Wenn du dich gedanklich in den Mai zurückversetzt – denkst du zuerst an die Rettung der Menschen in Seenot oder an den Konflikt mit der italienischen Regierung?
Für mich ist es ganz klar der Konflikt mit der italienischen Regierung. Damit hat niemand von uns gerechnet. Die Rettungen und das Leid der Menschen zu sehen, ist natürlich nie einfach. Aber da entwickelt man mit der Zeit eine gewisse Widerstandsfähigkeit. Auf so etwas ist man deutlich besser vorbereitet als darauf, strafrechtlich verfolgt zu werden.
Kurz zuvor hatte die sogenannte libysche Küstenwache mit scharfer Munition auf euer Schiff geschossen…
Das passiert inzwischen immer häufiger. Das letzte Mal, dass die Sea-Watch 5 beschossen wurde, war erst im September letzten Jahres. Seit den Vorfällen mit der Ocean Viking im August 2025, bei denen es den Anschein hatte, als wolle man das Schiff zerstören und die Menschen an Bord töten, sind wir extrem vorsichtig geworden.
Das Ermittlungsverfahren richtet sich ja nicht gegen Sea-Watch als Organisation, sondern gegen dich persönlich. Wie ist das für dich?
Ich nehme an, dass das letztlich auch das Einzige ist, was sie tun können. Für diesen Einsatz war ich die verantwortliche Person.

Wie gehst du damit um?
Ehrlich gesagt brauchte ich erstmal etwas Zeit, um das überhaupt zu begreifen. Zunächst war ich wirklich schockiert. Dann dachte ich, ich muss mir nicht allzu große Sorgen machen. Es ist schon vielen anderen Kapitän*innen passiert – ich glaube, mindestens zwanzig –, aber keine*r von ihnen wurde letztlich verurteilt. Und ich habe eine hervorragende Anwältin.
Je mehr Zeit jedoch vergeht, desto stärker merke ich, wie sehr mich das belastet. Es macht mich unglaublich wütend, dass ich als Sündenbock für politische Ziele herhalten soll. Sie bedrohen meine Freiheit. Mir wird immer klarer, was das bedeuten würde. Ich bin 31 Jahre alt. Wenn sie mich tatsächlich für 20 Jahre ins Gefängnis schicken, verliere ich alles. Alles, worauf ich hingearbeitet und was ich mir aufgebaut habe. Wenn ich herauskomme, wird nichts mehr übrig sein. Das ist ein sehr beängstigender Gedanke.
Gleichzeitig ist genau das für die Menschen, die wir retten – oder für diejenigen, die es alleine nach Europa schaffen – alltägliche Realität. Für sie ist diese Gefahr viel realer als für uns auf den Rettungsschiffen. Und: Über Sea-Watch kann ich mir eine sehr gute Anwältin leisten. Geflüchtete haben solche Möglichkeiten meist nicht.
Vermutlich ist das doch genau das Ziel: Menschen davon abzuschrecken, diese Arbeit zu machen.
Das werden wir vermutlich erst am Ende erfahren. Aber ich nehme an, dass es ein Versuch ist, uns einzuschüchtern – oder Kapitän*innen davon abzuhalten, diese Arbeit weiterzumachen. Denn ein Schiff kann nicht auslaufen, wenn eine NGO keinen Kapitän findet. Bisher scheint das allerdings nicht besonders gut zu funktionieren. Ich wurde sofort ersetzt, und das Schiff bereitet bereits den nächsten Einsatz vor.
Nochmal zurück zu dem Tag, an dem man dir sagte, dass gegen dich ermittelt wird: Wie ist das genau abgelaufen?
Zunächst schien alles normal zu sein: Mitarbeitende des staatlichen Gesundheitsamts USMAF und vom Roten Kreuz kamen an Bord, um die Geretteten auf die Ausschiffung vorzubereiten. Beamt*innen fragten nach Zertifikaten, Logbüchern und schließlich nach Daten aus unserem Navigationssystem. Wir haben gut kooperiert, weil wir nichts zu verbergen hatten. Schließlich war zuvor auf uns geschossen worden, und wir bereiteten selbst eine Anzeige vor. Wir gingen davon aus, dass wir als Zeug*innen befragt würden.
Doch dann begann sich die Situation zu verändern. Ich durfte die Brücke nicht verlassen, und man teilte mir mit, dass ich bei der Befragung einen Anwalt hinzuziehen könne. Das ist ein Zeichen dafür, dass man nicht als Zeuge vernommen wird. Ich fragte nach und erfuhr: »Gegen Sie wird ermittelt.« In diesem Moment wurde mir klar, was hier vor sich ging.
Konntest du so kurzfristig überhaupt eine*n Anwält*in hinzuziehen?
Ja. Zum Glück war meine Anwältin ohnehin bereits auf dem Weg zum Schiff, weil wir ja wegen des Beschusses eine Anzeige erstatten wollten. Stattdessen wurde ich 13 Stunden lang auf der Brücke festgehalten, während die Behörden Daten aus unseren Systemen kopierten, Videoaufnahmen sichteten und mir einen Durchsuchungsbeschluss präsentierten.
Um ein Uhr morgens – nachdem man mich den ganzen Tag festgehalten hatte, ohne dass ich mal richtig mit meiner Anwältin sprechen konnte – erhielt ich die offizielle Mitteilung über das Ermittlungsverfahren. Am nächsten Tag ging ich zur Polizeistation, erfuhr, was mir vorgeworfen wurde, und verweigerte bis auf Weiteres jede Aussage.
Es klingt, als hätte man bewusst versucht, dich einzuschüchtern.
Genau das haben sie versucht: Sie haben alles darangesetzt, dass ich mich möglichst unwohl fühle. Ich dachte wirklich, tiefer könnten sie nicht mehr sinken. Aber sie haben es geschafft. Die Messlatte lag schon auf dem Boden – und trotzdem haben sie es noch geschafft, darunter hindurchzukriechen.
Entmutigt dich diese Erfahrung oder macht sie dich entschlossener, weiterzukämpfen?
Damit ringe ich ehrlich gesagt noch. Einerseits möchte ich mich wehren. Andererseits habe ich in diesem konkreten Fall das Gefühl, dass ich nicht gegen die richtigen Leute kämpfe, wenn ich einfach wieder auf das Schiff gehe und genau dasselbe noch einmal mache.
Und gegen wen müsste man stattdessen vorgehen?
Gegen die Regierungen. Gegen die Europäische Union. Nur ist das ein Kampf, auf den ich nicht spezialisiert bin. Aber ich werde auf jeden Fall versuchen, mich mit den richtigen Fachleuten zu umgeben, mit Menschen, die sich damit auskennen. Ich werde keine Ruhe geben.
Wie fühlt es sich an, auf einer solchen Mission zu sein? In dieser sehr merkwürdigen Situation zwischen Europa – also den eigenen Ländern – und gleichzeitig solchen Angriffen ausgesetzt zu sein.
Es überrascht mich überhaupt nicht, was in der libyschen Such- und Rettungszone passiert oder wie die sogenannte libysche Küstenwache agiert. Aber ich bin wirklich enttäuscht von der Reaktion der Europäischen Union auf die jüngsten Vorfälle. Irgendwie lautete ihre Schlussfolgerung, dass die fortgesetzte Kommunikation mit der libyschen Küstenwache und den libyschen Behörden funktioniere und dass die Situation ohne diese Zusammenarbeit vermutlich noch schlimmer verlaufen wäre. Daran habe ich erhebliche Zweifel.
Am Ende habt ihr 166 Menschen gerettet. Wie würdest du bei so vielen Menschen an Bord die Stimmung während dieser Tage beschreiben?
Das ist für mich schwer einzuschätzen, weil ich als Kapitän weniger mit den Menschen zu tun habe. Was ich weiß: Viele kamen bereits mit deutlichen Spuren von Misshandlungen und Gewalt an Bord. Dann mussten sie auch noch diesen Beschuss erleben. Für meine Crewmitglieder war das schon traumatisch, für die Menschen, die wir gerettet haben, aber noch viel stärker retraumatisierend.
Bis wir einen sicheren Hafen erreichen, versuchen wir wirklich alles, um den Geretteten einen geschützten Raum und wieder das Gefühl zu geben, Menschen zu sein. Wir versorgen sie medizinisch, geben ihnen frische Kleidung und versuchen, sie auf das vorzubereiten, was sie in Europa erwartet. Ich würde sagen: Die Stimmung ist anfangs meist ziemlich schlecht, aber wir arbeiten hart daran, sie zu verbessern – und das gelingt uns normalerweise auch.
Während einer solchen Mission durchlebt man vermutlich viele unterschiedliche emotionale Phasen.
Für mich ist jede erfolgreiche Rettung zunächst einmal etwas sehr Positives. Sie bedeutet, dass wir Menschen an einen sicheren Ort gebracht haben – zumindest vorerst. Gleichzeitig bleibt immer ein schweres Gefühl zurück, weil ich weiß, was viele von ihnen in Europa erwartet. Manche haben ein deutlich rosigeres Bild von Europa, als der Realität entspricht. Es ist herzzerreißend, diese Vorstellungen zerstören zu müssen. Ich wünschte, Europa wäre so, wie sie es sich vorstellen.
Eigentlich begleitet mich konstant eine leichte Traurigkeit. Wir sind eben ein Rettungsschiff. Das ist unsere Aufgabe. Aber ich wünschte oft, wir könnten mehr tun.
Viele Menschen sehen euch als diejenigen, die die Fehler der Regierungen ausgleichen. Gleichzeitig werdet ihr ständig mit Hindernissen konfrontiert. Ist das vor allem frustrierend oder auch motivierend?
Als ich angefangen habe, war es motivierend. Es fühlte sich gut an, etwas zu tun, das eigentlich die Regierungen tun sollten – jedenfalls jede Regierung, die behauptet, Menschenleben zu achten.
Je länger ich diese Arbeit mache, desto mehr wird dieses Gefühl aber durch Wut und Frustration ersetzt. Jedes Mal denkt man, schlimmer wird es nicht – und dann schaffen sie es doch wieder, es schlimmer zu machen. Es ist permanent enttäuschend.
Gleichzeitig freue ich mich sehr zu sehen, dass Leute, die neu in unser Team kommen, immer noch mit dieser Haltung dabei sind: »Ja, wir machen das jetzt!« Für sie hat diese Arbeit oft noch etwas sehr Ermächtigendes.
Und genau das braucht es, damit es weitergeht, oder?
Absolut. Deshalb glaube ich auch, dass man diese Arbeit nicht zu lange machen sollte.
Du hast gesagt, dass du vorerst nicht mehr auf Mission gehen wirst.
Ja. Das ist in erster Linie meine eigene Entscheidung. Nach allem, was passiert ist – dass auf uns geschossen wurde und wir in einen Hafen gekommen sind, in dem wir Unterstützung erwartet und stattdessen ein Ermittlungsverfahren bekommen haben – halte ich es derzeit nicht für klug, weiterzufahren.
Ich möchte ihnen keinen zusätzlichen Stoff für dieses Verfahren liefern. Natürlich hängt das auch davon ab, was Menschen sagen, die sich im Rechtssystem besser auskennen als ich. Aber im Moment neige ich dazu, auf Nummer sicher zu gehen.
Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf der Sea-Watch 5 auf und alles hat sich so verändert, wie du es dir wünschst. Wie würde diese Welt aussehen?
Das wäre zumindest mal eine Welt, in der die Europäische Union aufhört, die sogenannte libysche Küstenwache und die libyschen Behörden zu finanzieren, auszubilden und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Was dort geschieht, ist unglaublich doppelzüngig. Wenn das die Regierung ist, die mich vertreten soll, dann ist es keine, der ich traue.
Aber wenn ich wirklich frei wünschen könnte, wäre es die »safe passage«, also sichere Fluchtwege. Eine Welt, in der ich die Sea-Watch 5 einfach zurück nach Deutschland fahren, die Schlüssel abgeben und aufhören könnte, weil ich nicht mehr gebraucht werde.
(alw)