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Pırıl Erçoban wird für ihr zivilgesellschaftliches Engagement für die Rechte von Geflüchteten in der Türkei mit dem PRO ASYL-Menschenrechtspreis 2026 ausgezeichnet. Im Interview spricht die ehemalige Geschäftsführerin von Mülteci-Der über die Nähe zu den Betroffenen, die Rolle von NGOs in der Türkei und über falsch verstandene Gastfreundschaft.

Pırıl Erço­ban, Jahr­gang 1965, hat in den 1980ern Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen in Anka­ra stu­diert und ihren Mas­ter­ab­schluss 1989 an der Uni­ver­si­tät von Bir­ming­ham (UK) gemacht. Wäh­rend sie als Dozen­tin im Bereich der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten an der Izmir Eco­no­my Uni­ver­si­ty unter­rich­te­te, trat sie 2002 als Mit­glied der tür­ki­schen Sek­ti­on von Amnes­ty Inter­na­tio­nal bei.  
Hier begann ihre Beschäf­ti­gung mit dem The­ma Flucht und Asyl. Um sich noch geziel­ter für Geflüch­te­te ein­set­zen zu kön­nen, grün­de­te Pırıl Erço­ban gemein­sam mit einer Rei­he ande­rer Aktivist*innen 2008 in Izmir die Orga­ni­sa­ti­on Mülteci-Der. Das ist die Kurz­form für Mül­teci­ler­le Dayanış­ma Der­neği, Ver­ein zur Soli­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen. Es war die ers­te Orga­ni­sa­ti­on in der Türkei, die sich aus­schließ­lich dem Schutz Geflüch­te­ter wid­me­te. Pırıl Erço­ban war hier von 2009 bis 2024 Geschäfts­füh­re­rin.  
Sie ist heu­te im Vor­stand des Zen­trums für die Ent­wick­lung der Zivil­ge­sell­schaft (STGM) in der Tür­kei und Mit­glied in wei­te­ren Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen.  

Sie und Ihre Arbeit als Men­schen­rechts­ver­tei­di­ge­rin – wie hat das ange­fan­gen? 

Der Anfang – und übri­gens auch die Bezie­hung zu PRO ASYL – reicht weit zurück. Wir haben Karl Kopp von PRO ASYL vor mehr als 25 Jah­ren ken­nen­ge­lernt. Damals hat­te ich gera­de begon­nen, ehren­amt­lich im Bereich der Men­schen­rech­te zu arbei­ten, ins­be­son­de­re für die Rech­te von Flücht­lin­gen und Migrant*innen in der Tür­kei.  
 
2002 bin ich Amnes­ty Inter­na­tio­nal Tür­kei bei­getre­ten. In der Grup­pe in Izmir hat­ten wir ein Team für Flücht­lings­rech­te. Taner [Kılıç, eben­falls Preis­trä­ger des Men­schen­rechts­prei­ses 2026] lei­te­te das Team. 2008 grün­de­ten wir, also Taner und ich zusam­men mit eini­gen ande­ren dann Mül­teci-Der, um außer­halb der Struk­tu­ren von Amnes­ty für Flücht­lin­ge arbei­ten zu kön­nen. Mül­teci-Der, das ist die Kurz­form für Mül­teci­ler­le Dayanış­ma Der­neği, Ver­ein zur Soli­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen. Den größ­ten Teil mei­nes Berufs­le­bens war ich also bei Mül­teci-Der. 

Und das war in Izmir? 

Ja. Izmir ist ein Kno­ten­punkt für irre­gu­lä­re Bewe­gun­gen von der Tür­kei zu den grie­chi­schen Inseln. Des­halb muss­ten wir uns auf irre­gu­lä­re Über­fahr­ten auf dem See­weg, Auf­grif­fe, Inhaf­tie­run­gen und Abschie­bun­gen kon­zen­trie­ren. Natür­lich hatten wir auch ande­re Aufga­ben im Zusam­men­hang mit Flücht­lin­gen und Migrant*innen in der Tür­kei, aber das war und ist unser Schwer­punkt. Und es ist nach wie vor ein sen­si­bles The­ma – die dunk­le Sei­te des Asyl- und Migra­ti­ons­be­reichs. 

Was hat sich seit­dem in der Tür­kei verändert? 

Sehr vieles. Die größ­te Ver­än­de­rung ist natür­lich die Zahl der Geflüch­te­ten und Migrant*innen. Um 2008 her­um kamen nicht mal 20.000 Geflüch­te­te pro Jahr in die Tür­kei. Inzwi­schen spre­chen wir von Mil­lio­nen. Bis dahin hat­te sich niemand um die­se Men­schen geküm­mert. Niemand nahm sie wahr. Die Flücht­lin­ge leb­ten mit­ten im Stadt­zen­trum. Die Men­schen gin­gen an ihnen vor­bei, aber nie­mand woll­te sie sehen.  

Vor 2014 hat­ten wir nicht ein­mal ein Gesetz, das Asyl und Migra­ti­on regel­te. Damals war das Wort »Flücht­ling« oder sei­ne Bedeu­tung selbst den tür­ki­schen Behör­den nicht bekannt. Heu­te kennt es jeder, Öffent­lich­keit und Behör­den, auch wenn es unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen bekommt. Manch­mal wird es anstel­le von »Migrant« ver­wen­det. Ande­re beschrän­ken es auf syri­sche Flücht­lin­ge.  

Können Sie die­se Zeit des Wan­dels beschrei­ben? 

Es hat sich so vie­les ver­än­dert. Man­ches zum Bes­se­ren, man­ches zum Schlech­te­ren. Mit der Ankunft der syri­schen Flücht­lin­ge im Jahr 2011 nahm das Inter­es­se ganz plötz­lich zu, das Inter­es­se der Zivil­ge­sell­schaft, der öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen, der Öffent­lich­keit, der Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten und der Wis­sen­schaft. 

Die Ankunft der Geflüch­te­ten fiel mehr oder weni­ger mit dem Ein­tref­fen enor­mer EU-För­der­mit­tel für die Tür­kei zusam­men. Nicht nur zur Unter­stüt­zung der staat­li­chen Arbeit im Bereich Flücht­lin­ge, son­dern auch für NGOs und die Wis­sen­schaft. Also woll­te jeder etwas tun.  

Damit lern­ten die Men­schen auch die Bedeu­tung des Begriffs Flücht­ling ken­nen. Obwohl wir in der Tür­kei immer noch ein Pro­blem mit der eigent­li­chen Bedeu­tung des Wor­tes haben. Vie­le Jah­re lang nann­ten selbst staat­li­che Bediens­te­te sie unse­re »Gäs­te«.  

Sie wur­den als Gäs­te betrach­tet – als Gäs­te, für deren Auf­nah­me wir Dank­bar­keit erwar­ten. Wir erlau­ben ihnen, in unser Land zu kom­men, eine Zeit lang hier zu leben, freund­lich und nett zu sein, die Regeln zu befol­gen, nicht laut zu spre­chen oder zu viel zu ver­lan­gen. Und anschlie­ßend sol­len sie bit­te in ihre Her­kunfts­län­der zurück­keh­ren. Das war die all­ge­mei­ne Sicht auf Flücht­lin­ge, und ehr­lich gesagt ist es das im Grun­de immer noch. Und das betrifft sowohl öffent­li­che Insti­tu­tio­nen als auch die Öffent­lich­keit, sogar NGOs und Rechts­an­wält*innen. Als wür­den sie aus Groß­zü­gig­keit, aus reli­giö­sen oder huma­ni­tä­ren Gefüh­len her­aus etwas tun.  

das Recht auf Asyl ist ein grund­le­gen­des Menschenrecht. 

Wie soll­te es statt­des­sen sein?  

Seit Jah­ren ver­su­chen wir zu ver­mit­teln: dass es nicht dar­um geht, dass wir gut sind oder groß­zü­gig gegen­über Flücht­lin­gen. Son­dern dass das Recht auf Asyl ein grund­le­gen­des Men­schen­recht ist. Und nie­mand hat das Recht, es ein­zu­schrän­ken, indem er sich so ver­hält, als wären wir die Eigen­tü­mer eines Hau­ses, die unse­ren Gäs­ten erlau­ben, für einen Moment bei uns zu blei­ben. Wir ver­su­chen, die­se Per­spek­ti­ve zu ver­än­dern. 

Wenn Sie von Über­zeu­gun­gen und Ideen sprechen: Was hat Ihre Über­zeu­gun­gen geprägt? Wel­chen Ein­fluss hat­te Ihre Fami­lie, Ihre Kind­heit?  

Ich habe bis­her nicht viel dar­über nach­ge­dacht. Aber ja, mei­ne Fami­lie hat mei­ne Hal­tung defi­ni­tiv beein­flusst. Meine Mut­ter war berufs­tä­tig, das war in mei­ner Kind­heit in den 60er und frü­hen 70er Jah­ren unge­wöhn­lich. Sie arbei­te­te im Gesund­heits­we­sen. Es war nicht ein­fach für sie, uns Kin­der, den Haus­halt und ihre Arbeit unter einen Hut zu brin­gen. Aber ich den­ke, sie hat das gut geschafft. Und sie war für ihre Höflich­keit und ihre Unter­stüt­zung für die Men­schen um sie her­um bekannt. 

Mein Vater arbei­te­te auch im Gesund­heits­we­sen. Nach der Hei­rat wur­de er Rechts­an­walt. In der Tür­kei haben wir eine patri­ar­chale Gesell­schaft. Das letz­te Wort hat­te immer er. Aber er war ein guter Vater. Er übte kei­nen Druck auf uns aus und schränk­te mich und mei­ne Geschwis­ter nicht ein. Ich hat­te eine unbe­schwer­te Kind­heit und Jugend. Dann, ab 1982, stu­dier­te ich an der Fakul­tät für Poli­tik­wis­sen­schaf­ten in Anka­ra, damals eine ziem­lich bedeu­ten­de Fakul­tät. 

Was haben Sie dort stu­diert? 

Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen. Danach ging ich mit einem staat­li­chen Sti­pen­di­um nach Eng­land und mach­te dort mei­nen Mas­ter­ab­schluss. Da habe ich gelernt, wie man sich dem The­ma Men­schen­rech­te nähern kann. In der Tür­kei war das ein sen­si­bles The­ma. Und tra­di­tio­nell enga­gier­ten sich nur die­je­ni­gen in der Men­schen­rechts­ar­beit, die unmit­tel­bar von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen betrof­fen waren. 

Die Jah­re nach dem Mili­tär­putsch, also nach 1980, waren auch aus men­schen­recht­li­cher Sicht eine sehr schwie­ri­ge Zeit für die Tür­kei. Und als ich aus Eng­land in die Tür­kei zurück­kehr­te, dach­te ich, ich soll­te in die­sem Bereich etwas tun, also mich einer zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­ti­on anschlie­ßen. Also wur­de ich Mit­glied von Amnes­ty Inter­na­tio­nal. Haupt­be­ruf­lich arbei­te­te ich an der Uni­ver­si­tät in Izmir als Dozen­tin. 

Mein Vater arbei­te­te als Rechts­an­walt im Ver­wal­tungs­recht. In den 1980ern fan­den in die­sem Bereich wahr­schein­lich die meis­ten Rechts­brü­che statt. Vie­le Staats­be­diens­te­te wur­den aus dem Amt ent­fernt, und es kam zu Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Mein Vater war auch in der Zivil­ge­sell­schaft und in poli­ti­schen Par­tei­en aktiv. Sei­ne Hal­tung und sei­ne Per­spek­ti­ve haben mich inspi­riert und ermu­tigt.  

Und die Per­sön­lich­keit Ihrer Mut­ter. 

Wobei mir das nicht nur gut gefällt. Sie war nicht ego­is­tisch genug, sie hat etwas zu viel von sich für ande­re gege­ben. Und ich glau­be, man muss auch Gren­zen set­zen.  

Was für vie­le, die in die­sem Bereich arbei­ten, schwie­rig ist. Sind Sie gut im Gren­zen set­zen?  

Nein, natür­lich nicht, beson­ders in den ers­ten Jah­ren nicht. Das The­ma war in mei­nen Träu­men, in mei­nem All­tag, im Urlaub, in allen pri­va­ten Gesprä­chen. Lan­ge Zeit konn­te ich kei­nen Fisch oder Mee­res­früch­te aus der Ägä­is essen, weil es so vie­le Schiffs­un­glü­cke mit Flücht­lin­gen gab und gibt. Und ich konn­te nicht schwim­men. Ich mei­ne, ich lie­be das Schwim­men, aber ich woll­te lan­ge Zeit wirk­lich nicht mehr schwimmen.

Im Lau­fe der Jah­re habe ich gelernt, damit umzu­ge­hen. Viel­leicht wird man selek­ti­ver dar­in, was wann die eige­ne Auf­merk­sam­keit erfor­dert und ver­dient. Aber trotz­dem kann ich mich, obwohl ich inzwi­schen im Ruhe­stand bin, nicht von dem The­ma lösen. Ich ver­su­che immer noch her­aus­zu­fin­den, was mit eini­gen der Geflüch­te­ten pas­siert ist, mit denen wir gear­bei­tet haben.  
 

Erin­nern Sie sich an einen bestimm­ten Moment, in dem Sie beschlos­sen haben, für und mit Geflüch­te­ten zu arbei­ten? 

Ja. Dar­auf hat­te Taner gro­ßen Ein­fluss. Er war der ehren­amt­li­che Koor­di­na­tor für den Flücht­lings­schutz von Amnes­ty Tür­kei, als ich der Amnes­ty-Grup­pe in Izmir bei­trat. Wir hat­ten ganz am Anfang einen Fall, den ich nie ver­ges­sen wer­de: Ein  afgha­ni­scher Jun­ge, 16 oder 17 Jah­re alt, wur­de auf­ge­grif­fen und soll­te nach Afgha­ni­stan abge­scho­ben wer­den. Juris­tisch war ich nicht gut vor­be­rei­tet, aber in der Amnes­ty-Grup­pe hat­ten wir dar­über gespro­chen, den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te anzurufen. 
 

Also schlug ich Taner vor: War­um stellst du kei­nen Antrag bei die­sem Gericht? Und er sag­te: Okay, wirst du mir hel­fen? Ich sag­te, ja, ich kön­ne beim Aus­fül­len des For­mu­lars hel­fen. Ich hat­te kei­ne Ahnung, wie schwie­rig das sein wür­de. In die­ser Nacht füll­te ich das For­mu­lar aus, Taner bean­trag­te am Tag der geplan­ten Abschie­bung bei dem Gericht in Straß­burg einen Eil­an­trag. Und ich glau­be, es war der ers­te Fall in der Tür­kei, in dem das Gericht inner­halb von vier Stun­den einem Eil­an­trag statt­ge­ge­ben hat. Ich war im sieb­ten Him­mel, völ­lig über­wäl­tigt. Es war unser ers­ter Fall, und wir konn­ten die Abschie­bung des Jun­gen stop­pen.

Karl Kopp von PRO ASYL sowie auch unse­re groß­ar­ti­gen Kol­le­gin­nen in Grie­chen­land, Mari­an­na und Natas­sa von RSA, unter­stütz­ten die­sen Fall. Spä­ter mach­te der jun­ge Mann sich über irre­gu­lä­re Wege auf den Weg nach Grie­chen­land. Ich glau­be, dass er inzwi­schen viel­leicht in Öster­reich ist. Jeden­falls hat uns die­ser Fall mit unse­ren Kol­leg*innen in Grie­chen­land und Deutsch­land zusam­men­ge­bracht.

Wenn ich zurück­bli­cke, den­ke ich, dass es frü­her leich­ter und mensch­li­cher war.

Wie ist die Situa­ti­on heu­te, wo es ein Asyl­sys­tem und eine Gesetz­ge­bung gibt?   

Es ist heu­te schwie­ri­ger. Wir dach­ten, ein Gesetz wür­de zu einer gewis­sen Stan­dar­di­sie­rung füh­ren, dass alle Betei­lig­ten wis­sen, was zu tun ist. Aber jetzt ist alles viel kom­pli­zier­ter und unkla­rer. Wenn ich zurück­bli­cke, den­ke ich, dass es frü­her leich­ter und mensch­li­cher war.

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Von die­sem Zeit­punkt an wur­de die Rol­le der Tür­kei als Türste­her deut­li­cher. Euro­pa zeig­te sich der Tür­kei gegen­über sehr groß­zü­gig, damit Flücht­lin­ge außer­halb der euro­päi­schen Gren­zen gehal­ten wur­den. Das war der Kern des EU-Tür­kei-Deals von 2016. Flücht­lin­ge wur­den von der Tür­kei und von der Euro­päi­schen Uni­on als Instru­ment der Außen­po­li­tik ein­ge­setzt. Spä­ter wur­den sie auch für die Innen­po­li­tik miss­braucht. 
 

Inzwi­schen ist die Tür­kei so etwas wie der Tür­ste­her der EU gewor­den. Was den­ken Sie über die Rol­le, die die Tür­kei heu­te für die EU spielt? 

Die Tür­kei ist nicht nur ein Tür­ste­her für Euro­pa. Frü­her war sie ein Tran­sit­land. Inzwi­schen ist sie zu einem Ziel­land gewor­den, obwohl das tür­ki­sche Asyl­sys­tem auf vor­über­ge­hen­den Lösun­gen basiert. Es kann Men­schen inter­na­tio­na­len Schutz gewäh­ren, erlaubt ihnen aber nur so lan­ge in der Tür­kei zu blei­ben, bis sie in ein Dritt­land umge­sie­delt wer­den oder in ihre Her­kunfts­län­der zurück­keh­ren. Das Sys­tem bie­tet Men­schen aus nicht­eu­ro­päi­schen Län­dern kei­ne dau­er­haf­ten Lösun­gen.  

Beson­ders die Men­schen aus Syri­en, die ja bis heu­te mit Abstand die größte Grup­pe unter den Geflüch­te­ten aus­ma­chen, haben nach rund zwei Jah­ren in der Tür­kei erkannt, dass sie nicht bald nach Hau­se zurück­keh­ren konn­ten, dass es ihnen aber auch kaum mög­lich war, sich in der Tür­kei ein neu­es Leben auf­zu­bau­en. Also such­ten sie nach regu­lä­ren oder irre­gu­lä­ren Wegen nach Euro­pa. Das ers­te gro­ße Schiffs­un­glück mit syri­schen Flücht­lin­gen ereig­ne­te sich im Som­mer 2013. Ich glau­be, 63 syri­sche Flücht­lin­ge starben.

Wie ist die Situa­ti­on für NGOs und Menschenrechtsverteidiger*innen in der Tür­kei heu­te?  

Es herrscht gro­ßes Miss­trau­en gegen­über NGOs und Aktivist*innen. Beson­ders die­je­ni­gen, die im Asyl- und Migra­ti­ons­be­reich arbei­ten, ste­hen per­ma­nent unter Ver­dacht. Die Regie­rung arbei­tet vor allem mit Orga­ni­sa­tio­nen zusam­men, denen sie poli­tisch ver­traut. Alle ande­ren wer­den aus­ge­schlos­sen und ein­ge­schränkt. Dadurch ist eine Spal­tung inner­halb der tür­ki­schen Zivil­ge­sell­schaft entstanden.

Auf wel­che Wei­se wur­den Geflüch­te­te für die Innen­po­li­tik instru­men­ta­li­siert?  

Ich den­ke dabei vor allem an die Wah­len von 2023. Mei­nes Erach­tens woll­te die Regie­rungs­par­tei Erdo­gans die ableh­nen­de Hal­tung gegen­über Flücht­lin­gen zunächst nicht wei­ter anhei­zen – trotz der Unfä­hig­keit oder des feh­len­den Wil­lens, die Situa­ti­on ange­mes­sen zu bewältigen.

Vor allem die Oppo­si­ti­on nutz­te aber das The­ma, um in der Bevöl­ke­rung Stim­mung zu machen. Dabei konn­te man die Regie­rung zwar für vie­les kri­ti­sie­ren, doch ihre anfäng­li­che Flücht­lings­po­li­tik war durch­aus posi­tiv: Die Poli­tik der offe­nen Gren­zen gegen­über syri­schen Flücht­lin­gen, der vor­über­ge­hen­de Schutz und die Flücht­lings­la­ger wur­den von vie­len aus­län­di­schen Beob­ach­tern zunächst als beein­dru­ckend bewer­tet.  

Ab 2019 änder­te sich die Situa­ti­on jedoch schnell. Die Oppo­si­ti­on behaup­te­te, die Regie­rung gebe den Flücht­lin­gen alles, was sie habe. Das ent­sprach zwar nicht der Rea­li­tät, wur­de von Tei­len der Bevöl­ke­rung aber geglaubt. Gleich­zei­tig wuch­sen die Span­nun­gen: Die Flücht­lin­ge blie­ben län­ger als erwar­tet, wäh­rend sich die wirt­schaft­li­che Lage der Tür­kei ver­schlech­ter­te. 

Durch die Pan­de­mie ver­schärf­te sich die Situa­ti­on wei­ter. Arbeits­lo­sig­keit, stei­gen­de Mie­ten und Infla­ti­on führ­ten dazu, dass sowohl Ein­hei­mi­sche als auch Flücht­lin­ge zuneh­mend unter der Kri­se lit­ten. Den­noch wur­den Flücht­lin­ge für Woh­nungs­not, Arbeits­platz­ver­lus­te und Infla­ti­on ver­ant­wort­lich gemacht. Vie­le Oppo­si­ti­ons­par­tei­en nutz­ten die­se Stim­mung gezielt für ihre poli­ti­schen Zwe­cke. 

Auch die Hal­tung der Regie­rung wur­de dar­auf­hin zuneh­mend nega­ti­ver, offen­bar aus Angst vor Wäh­ler­ver­lus­ten. Hass­re­de und Dis­kri­mi­nie­rung gegen­über Flücht­lin­gen wur­den dadurch zuneh­mend nor­ma­li­siert. 

Heu­te steht das The­ma nicht mehr ganz oben auf der poli­ti­schen Agen­da. Mit Blick auf die nächs­ten Wah­len dürf­te es mei­ner Mei­nung nach jedoch wie­der zu einem der wich­tigs­ten The­men der poli­ti­schen Debat­te wer­den. 

Ab etwa 2020 ver­stärk­te die Regie­rung die Kon­trol­len von NGOs, ins­be­son­de­re von Orga­ni­sa­tio­nen mit aus­län­di­scher Finan­zie­rung und im Flücht­lings- und Men­schen­rechts­be­reich. Kon­trol­len und Geld­stra­fen nah­men zu. Wäh­rend vie­le NGOs vor allem huma­ni­tä­re Hil­fe leis­ten, wer­den Orga­ni­sa­tio­nen mit einem men­schen­rechts­ba­sier­ten Ansatz noch stär­ker ein­ge­schränkt. Mül­teci-Der ist eine der weni­gen Orga­ni­sa­tio­nen, die sowohl im Men­schen­rechts­be­reich als auch im Flücht­lings­schutz arbei­ten – das sind gleich zwei Grün­de für Miss­trau­en.  

Sie haben sehr eng mit den Men­schen gear­bei­tet, für die und mit denen Sie gear­bei­tet haben. Wel­che Rol­le spiel­te die­ser direk­te Kon­takt mit Geflüch­te­ten und Migrant*innen in Ihrem Arbeits­all­tag? 

Men­schen in Haft konn­te ich so gut wie nie besu­chen. Das dür­fen nur Anwält*innen. Aber abge­se­hen davon habe ich ver­sucht, den Men­schen mög­lichst nah zu sein. Ich mei­ne, es geht ja gar nicht anders, wenn man die Men­schen indi­vi­du­ell bera­ten und unter­stüt­zen will. 

Die Flücht­lin­ge und Migrant*innen waren auch unse­re wich­tigs­te Infor­ma­ti­ons­quel­le. Über Ver­än­de­run­gen in der Pra­xis erfuh­ren wir oft eher durch unse­re Kli­ent*innen als durch offi­zi­el­le Infor­ma­tio­nen. Gleich­zei­tig haben die Men­schen uns ihr Ver­trau­en geschenkt, und wir haben immer unser Bes­tes ver­sucht, sie zu unter­stüt­zen. Aber es gibt kein ein­heit­li­ches, trans­pa­ren­tes Sys­tem. Wenn wir also glau­ben, dass wir wis­sen, wie etwas funk­tio­niert, stellt sich manch­mal her­aus, dass es ganz anders ist. 

Men­schen­rech­te sind kein Gefal­len, den wir ande­ren tun, kei­ne Gna­de. Nein. Es ist unse­re Pflicht.

Und oft muss man dann damit leben, dass man Men­schen ent­täuscht. 

Ja, manch­mal ver­lie­ren sie dann ihr Ver­trau­en in dich. Aber wenn sie zumin­dest das Gefühl haben, dass du auf­rich­tig bist und wirk­lich ver­suchst, etwas für sie zu tun, dann ent­steht, glau­be ich, eine Bezie­hung, die auf Ver­trau­en beruht.  

Das Schöns­te an der Arbeit mit Flücht­lin­gen ist, dass man manch­mal nach sehr lan­ger Zeit wie­der von ihnen hört. Sie sagen dann: Wir sind hier, uns geht es gut. Oder: Wir ver­mis­sen dich. Vie­len Dank für dei­ne Unter­stüt­zung. Das ist für mich das schöns­te Geschenk.

Wenn wir für einen Moment in die Zukunft den­ken: Was ist Ihrer Mei­nung nach not­wen­dig, um die Men­schen­rech­te zu schüt­zen? 

Was wir brau­chen, ist, dass der Men­schen­rechts­ge­dan­ke von allen ver­in­ner­licht wird – von den ganz nor­ma­len Men­schen in unse­ren Gesell­schaf­ten. Men­schen­rech­te sind kein Gefal­len, den wir ande­ren tun, kei­ne Gna­de. Nein. Es ist unse­re Pflicht. Es liegt in der Ver­ant­wor­tung jedes Staa­tes und jedes Ein­zel­nen, das zu ver­in­ner­li­chen. 

Das ist eine Mis­si­on, viel­leicht sogar eine unmög­li­che Mis­si­on. Aber wir müs­sen unser Bes­tes geben – jede und jeder von uns, ange­fan­gen in unse­rem eige­nen Umfeld.

(alw)