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Foto: © Amnesty International, Jarek Godlewski

Seit Jahrzehnten setzt sich der Rechtsanwalt Taner Kılıç in der Türkei für Flüchtlingsschutz und Menschenrechte ein. Für dieses Engagement zeichnet ihn die Stiftung PRO ASYL mit dem Menschenrechtspreis 2026 aus. Im Interview spricht Kılıç über familiäre Prägungen, seine Zeit in Haft und die Herausforderungen im Flüchtlingsschutz in der Türkei.

Taner Kılıç, Jahr­gang 1969, hat in den 1980er Jah­ren Jura stu­diert und arbei­tet seit 1993 als Rechts­an­walt in Izmir, unter ande­rem für die Rech­te von Geflüchte­ten. Er gehörte in den Jah­ren 1997/98 zu den Mit­be­grün­der*innen der türki­schen Sek­ti­on von Amnes­ty Inter­na­tio­nal, wo er zunächst als ehren­amt­licher Koor­di­na­tor für den Flücht­lings­schutz arbei­te­te und spä­ter den Vor­sitz des Vor­stands der tür­ki­schen Sek­ti­on übernahm. 

Zudem war er 2008 Mit­be­grün­der von Mül­teci-Der (Mül­teci­ler­le Dayanış­ma Der­neği, Ver­ei­ni­gung zur Soli­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen), deren Vor­sit­zen­der er von 2008 bis 2014 war. 

Als Fol­ge sei­nes Enga­ge­ments geriet der Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger selbst ins Visier der tür­ki­schen Jus­tiz: Im Som­mer 2017 wur­de Kılıç ver­haf­tet und saß über vier­zehn Mona­te lang in Unter­su­chungs­haft. Zusam­men mit der dama­li­gen Direk­to­rin der tür­ki­schen Amnes­ty-Sek­ti­on, Idil Eser, sowie wei­te­ren Menschenrechtsaktivist*innen (»Istan­bul 10«) wur­de er ange­klagt. Am Ende des nach Ein­schät­zung von Exper­ten absur­den Pro­zes­ses wur­de er zu sechs Jah­ren und drei Mona­ten Haft wegen »Mit­glied­schaft in einer Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on« ver­ur­teilt. Die­se Stra­fe wur­de in einem wei­te­ren Ver­fah­ren im Juni 2023 von einem tür­ki­schen Gericht auf­ge­ho­ben. Bereits 2022 hat­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) ent­schie­den, dass die Unter­su­chungs­haft von Taner Kılıç rechts­wid­rig war. 
Kılı­çs Fall zeigt exem­pla­risch, wie Menschenrechtsverteidiger*innen selbst kri­mi­na­li­siert wer­den, wenn sie staat­li­che Will­kür öffent­lich benen­nen, Schutz­su­chen­de ver­tei­di­gen und rechts­staat­li­che Garan­tien ein­for­dern. Heu­te sagt er: »Ich wür­de alles noch­mal ganz genau­so machen.« 

 

Taner Kılıç, Sie wur­den 1969 gebo­ren, haben in Izmir Jura stu­diert und sich 1993 als Anwalt selb­stän­dig gemacht. Erzäh­len Sie uns von den Anfän­gen. Wie sind Sie der Mensch gewor­den, der Sie heu­te sind? 

Mein Vater war beim Mili­tär. Aber er war kein rang­ho­her Offi­zier. Er wur­de immer wie­der in unter­schied­li­che Regio­nen der Tür­kei ver­setzt. Des­halb habe ich wäh­rend mei­ner Schul­zeit alle ein bis zwei Jah­re den Ort gewech­selt. Und den Freun­des­kreis. Ich kam dadurch in Kon­takt mit Men­schen von der west­lichs­ten bis zur öst­lichs­ten Ecke der Tür­kei – Men­schen aus ver­schie­de­nen sozio­kul­tu­rel­len Kreisen.

Ich glau­be, für ande­re Kin­der von Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen war das schwer, die­se Unbe­stän­dig­keit. Aber ich habe mich in die­sen ver­schie­de­nen Kon­tex­ten und Com­mu­ni­tys immer gut ein­le­ben kön­nen – und das hat mich geprägt.  

1986 habe ich mit dem Jura-Stu­di­um in Izmir begon­nen. Und auch dort bin ich Men­schen aus vie­len ver­schie­de­nen Kon­tex­ten begeg­net, auch unter­schied­li­chen ideo­lo­gi­schen Krei­sen. Viel­leicht war mei­ne Kind­heit die Grund­la­ge dafür, dass ich spä­ter mit Men­schen aus ver­schie­de­nen Krei­sen und Län­dern sehr gut auskam.
 

Und wel­che Rol­le hat es gespielt, dass Ihr Vater beim Mili­tär war? Sie haben ja spä­ter etwas gemacht, was ziem­lich in eine ande­re Rich­tung geht.  

Ich den­ke, dass ich nicht so sehr unter dem Ein­fluss mei­nes Vaters gestan­den habe. Zum Bei­spiel waren mei­ne Eltern nicht reli­gi­ös. Aber ich habe mit Beginn des Gym­na­si­ums den Islam für mich ent­deckt. Und mei­ne Eltern haben sich mir spä­ter angeschlossen. 

Ich habe im Lauf der Zeit mei­nen Weg gefun­den. Und des­sen Grund­la­ge sind die Men­schen­rech­te und Soli­da­ri­tät mit ande­ren Menschen.

Also haben Sie Ihre Eltern beein­flusst? 

Das kann man so inter­pre­tie­ren. Also erst­mal habe ich mei­ne Geschwis­ter beein­flusst. Und spä­ter dann auch mei­ne Eltern. Sie haben sich durch mich geän­dert, ja. In der Regel läuft das ja eher umge­kehrt, aber bei uns war es so. Ich war aber nie fana­tisch reli­gi­ös.  Ich habe im Lauf der Zeit mei­nen Weg gefun­den. Und des­sen Grund­la­ge sind die Men­schen­rech­te und Soli­da­ri­tät mit ande­ren Menschen.
 

Das heißt, dass Sie über Ihren Glau­ben zum The­ma Men­schen­rech­te gefun­den haben?  

Ja, weil ich den­ke, dass bei­des mit­ein­an­der ver­bun­den ist. 
 

Und wis­sen Sie noch, wie Sie auf die Idee kamen, Jura zu stu­die­ren?  

Das war kei­ne geziel­te Ent­schei­dung. Im Gym­na­si­um war mein Schwer­punkt Elek­tro­nik. In der Tür­kei ist es nicht so, dass einem schon in der Schu­le dabei gehol­fen wird, sich in eine beruf­li­che Rich­tung zu ori­en­tie­ren.  Für das Stu­di­um muss­te man dann meh­re­re Fächer zur Aus­wahl ein­tra­gen. Bei mir waren es Medi­zin, Elek­tro­tech­nik und Jura. Ich bin in den Fach­be­reich Jura gekom­men und bin heu­te sehr froh dar­über. Also wenn ich noch­mals zur Welt kom­men wür­de und stu­die­ren wür­de – ich wür­de Jura wählen.

Und in Ihrem Stu­di­um sind Sie auf das The­ma Men­schen­rech­te gesto­ßen?  

Ja. Ich habe viel dar­über gele­sen. Und es war auch eine Zeit, nach dem Mili­tär­putsch 1980, in der in der Tür­kei sehr inten­siv gegen die Men­schen­rech­te ver­sto­ßen wurde. 
In mei­nen ers­ten Berufs­jah­ren als Anwalt habe ich bei der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Mas­lum-Der mit­ge­ar­bei­tet. So kam ich mit dem Asyl­recht in Kon­takt.  

Damals hat sich im Grun­de kei­ne Insti­tu­ti­on um Geflüch­te­te geküm­mert. Sie waren   ein­fach kein The­ma – obwohl sie da waren. Des­we­gen hat der UNHCR Mit­ter der 90er begon­nen, ande­re Orga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen auf die Situa­ti­on von Geflüch­te­ten auf­merk­sam zu machen.  Uns Mit­ar­bei­ter von Mas­lum-Der hat er zu einem zwei­tä­gi­gen Semi­nar nach Anka­ra ein­ge­la­den. Da hielt eine Ita­lie­ne­rin einen Vor­trag über Flücht­lings­rech­te mit Bei­spie­len aus dem Koran. Das hat mich sehr beein­druckt. Das war eigent­lich der Moment, in dem mein Inter­es­se für Flücht­lin­ge und Asyl­su­chen­de rich­tig geweckt wur­de.  

Danach habe ich viel recher­chiert, selbst Arti­kel geschrie­ben und Vor­trä­ge gehal­ten. Spä­ter wur­de die Amnes­ty Inter­na­tio­nal-Sek­ti­on in der Tür­kei gegrün­det. Da habe ich als Frei­wil­li­ger mitgearbeitet. 

Und Sie haben die Grün­dung von der Tür­kei-Sek­ti­on von Amnes­ty mit initi­iert.  

Ja, ich war einer der Grün­der und habe mich am Auf­bau betei­ligt. Bis zur Grün­dung hat es drei Jah­re gedau­ert. Wir waren ins­ge­samt 14 Per­so­nen aus Istan­bul, Anka­ra, Izmir und Diyar­bak­ir, die immer wie­der zusam­men­ka­men. Ich wur­de dann Koor­di­na­tor für Flücht­lings­rech­te. Das war in den Jah­ren 1997/98.
 

Woher kamen zu die­ser Zeit die meis­ten Geflüch­te­ten in die Tür­kei? 

Aus Afgha­ni­stan und Iran. In die­ser Zeit war die Schwei­zer Juris­tin und Akti­vis­tin Deni­se Graf von Amnes­ty sehr prä­gend. Ich habe viel von ihr gelernt. Vie­le Rechtsanwält*innen in unse­rem Bereich bezeich­nen mich als Leh­rer. Aber ich muss sagen, der Titel steht Deni­se Graf zu. Ihre Ideen und Per­spek­ti­ven auf das The­ma Flucht sind bis heu­te sehr rele­vant, und wir ste­hen nach wie vor in Kontakt. 

Bei Amnes­ty war ich etwa fünf Jah­re lang Koor­di­na­tor für Flücht­lings­schutz. Und dann haben wir, aber auch vie­le Men­schen, die nicht bei Amnes­ty waren, beschlos­sen, dass wir noch mehr für Geflüch­te­te tun müs­sen.  Also haben wir 2008 in Izmir einen Ver­ein gegrün­det: Mül­teci-Der. Das ist die Kurz­form für Mül­teci­ler­le Dayanış­ma Der­neği, Ver­ein zur Soli­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen. Bis dahin war das Flücht­lings­recht wie gesagt kaum ein The­ma, weder bei Men­schen­rechts­ver­ei­nen noch an den Uni­ver­si­tä­ten. Es gab kei­ne eigen­stän­di­ge pro­fes­sio­na­li­sier­te NGO-Infra­struk­tur, deren Haupt­zweck der Flücht­lings­schutz war.  
 

Wie war denn die Situa­ti­on von Geflüch­te­ten in der Tür­kei zu der Zeit?  

Sie wur­den nicht geschützt. Den bestehen­den Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen ging es vor allem um poli­ti­sche Gefan­ge­ne, um Frau­en­rech­te und das Kopf­tuch. An den juris­ti­schen Fakul­tä­ten gab es Asyl­recht nicht als Schwer­punkt. Das heißt, Richter*innen und Anwält*innen konn­ten sich nicht dar­auf spe­zia­li­sie­ren. Das hat sich auf die Situa­ti­on der Geflüch­te­ten aus­ge­wirkt.  

Und es gab auch kein wirk­li­ches Auf­nah­me­sys­tem von staat­li­cher Sei­te?  

Aus Ver­wal­tungs­sicht gab es kei­nen Schutz. Aber weil die Tür­kei auf Geflüch­te­te nicht vor­be­rei­tet war, hat der UNHCR eine Zeit lang die Asyl­an­trä­ge bear­bei­tet. Vor dem Krieg in Syri­en, also vor 2011, kamen nur 10.000 bis 20.000 Flücht­lin­ge pro Jahr in die Tür­kei, von denen der UNHCR etwa 1.000 in ande­ren Län­dern, in den USA zum Bei­spiel, unter­brach­te. Im Ver­gleich zu heu­te war es für den UNHCR deut­lich leich­ter, weil die Zah­len so nied­rig waren. 

Ich habe damals Kon­takt zu Men­schen­rechtlern in Grie­chen­land auf­ge­nom­men. Immer mehr Flücht­lin­ge haben ver­sucht, über die Ägä­is zu flie­hen. Sie wur­den von den Grenz­be­am­ten auf der grie­chi­schen Sei­te schlecht behan­delt. Des­halb war ich mehr­mals dort, und wir haben dann mit PRO ASYL und Kolleg*innen aus ande­ren euro­päi­schen Län­dern eine neue Initia­ti­ve gegrün­det: Kay­i­ki.  

In den ers­ten sechs Jah­ren von Mül­teci-Der war Pırıl Erço­ban Geschäfts­füh­re­rin und ich war Vor­sit­zen­der des Vor­stands. Der Ver­ein ist sehr schnell gewach­sen: Er war der ers­te Ver­ein in der Tür­kei, der sich auf den Flücht­lings­schutz kon­zen­trier­te. Mül­teci-Der ist eine zivi­le und voll­stän­dig unab­hän­gi­ge Ein­rich­tung. Wir sind nicht an ande­re Orga­ni­sa­tio­nen, reli­giö­se Ein­rich­tun­gen oder Ideo­lo­gien ange­bun­den. Inzwi­schen ist der Ver­ein in der Tür­kei eine bekann­te und sehr akti­ve Ein­rich­tung. 

In mei­ner Zeit bei Mül­teci-Der habe ich unter ande­rem an der Vor­be­rei­tung eines Geset­zes­ent­wur­fes in Anka­ra mit­ge­wirkt, das dann 2013 end­lich im Par­la­ment ver­ab­schie­det wurde. 

Was war das für ein Gesetz? 

Es war die aller­ers­te und ein­zi­ge Gesetz­ge­bung, die sich mit dem Umgang und dem Schutz der Flücht­lin­ge in der Tür­kei befasst. Also die Asyl­ge­setz­ge­bung. Davor war die Poli­zei für Asyl und Migra­ti­on zustän­dig. Mit dem Gesetz wur­de die Gene­ral­di­rek­ti­on für Migra­ti­ons­ma­nage­ment (DGMM) geschaf­fen. 

Die Vor­be­rei­tung dau­er­te fünf Jah­re, bis 2013. In die­ser Zeit war ich sehr oft in Anka­ra, auch in der letz­ten Pha­se vor der Ver­ab­schie­dung. Ich war auch oft bei der Par­la­men­ta­ri­schen Kom­mis­si­on, die sich mit die­sem Gesetz befass­te, und habe ver­sucht, Ein­fluss zu nehmen.

Sind Sie zufrie­den mit dem Gesetz? 

Für dama­li­ge Ver­hält­nis­se sehe ich es sehr posi­tiv. Wäh­rend der Arbeit der Par­la­men­ta­ri­schen Kom­mis­si­on hat­te das Gesetz eine immer bes­se­re Form ange­nom­men und wur­de im Par­la­ment ein­stim­mig ver­ab­schie­det, also ein­schließ­lich der Lin­ken. Aber im Lauf der Zeit wur­den immer wie­der Ände­run­gen vor­ge­nom­men. Vor allem nach dem Putsch­ver­such 2016 und den ver­häng­ten Aus­nah­me­zu­stän­den wur­de das Gesetz immer wei­ter verschärft.

Die ras­sis­ti­schen Par­tei­en haben Flucht zum The­ma gemacht und die Bevöl­ke­rung gegen Flücht­lin­ge aufgehetzt.

Das Gesetz war ab 2014 rechts­kräf­tig, und bis dahin hat­ten sowohl Rechts­an­wäl­te als auch Anwalts­kam­mern kei­ne Erfah­rung im Flücht­lings­recht. Man erwar­tet immer alles vom Staat. Aber auch Orga­ni­sa­tio­nen wie die Anwalts­kam­mern hät­ten vor­her aktiv wer­den kön­nen. Die Anwalts­kam­mer in Izmir ist in Bezug auf das Asyl­recht die ein­fluss­reichs­te in der Tür­kei, an ihr haben sich Anwalts­kam­mern in ande­ren Städ­ten haben ein Bei­spiel genom­men.  

Wegen mei­ner Akti­vi­tä­ten in der Anwalts­kam­mer in Izmir wur­de ich von der Dach­or­ga­ni­sa­ti­on aller Anwalts­kam­mern in der Tür­kei, der TBB, ein­ge­la­den. Über die Jah­re haben wir inner­halb der TBB eine Kom­mis­si­on auf­ge­baut, die »TBB Migra­ti­ons- und Asyl­kom­mis­si­on«, deren Vor­sit­zen­der ich seit drei Jah­ren bin. Die Kom­mis­si­on arbei­tet vor allem zum Asyl­recht und zu den Her­aus­for­de­run­gen der Anwält*innen, die in die­sem Feld arbeiten. 

Was sind zwi­schen 2008 und heu­te die größ­ten Unter­schie­de für Geflüch­te­te, auch in Bezug auf die Stim­mung im Land? 

Damals gab es gegen­über Geflüch­te­ten kei­ne nega­ti­ve Ein­stel­lung. Wenn das The­ma ange­schnit­ten wur­de, egal ob gegen­über Ein­zel­per­so­nen, in der brei­ten Bevöl­ke­rung oder bei Insti­tu­tio­nen, haben die­se immer auf die Gast­freund­schaft und auf das his­to­ri­sche Zusam­men­le­ben von ver­schie­de­nen Men­schen hingewiesen.

Es war auch des­halb kein Pro­blem, weil so weni­ge Men­schen kamen. Für sie war die Tür­kei eher ein Tran­sit­land, das war also anders als in einem Ein­wan­de­rungs­land wie Deutsch­land. Es lie­fen die EU-Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei, der Bür­ger­krieg in Syri­en hat­te noch nicht begon­nen und die Atmo­sphä­re war ziem­lich posi­tiv.  

Durch den Krieg in Syri­en ab 2011 kamen dann natür­lich sehr vie­le Flücht­lin­ge aus Syri­en, aber auch etwa eine Mil­li­on Men­schen aus dem Irak. Und mit der Zeit haben die ras­sis­ti­schen Par­tei­en sich das dann zum The­ma gemacht und die Bevöl­ke­rung gegen Flücht­lin­ge auf­ge­hetzt. So ähn­lich wie in den USA und in Euro­pa. Dadurch hat sich ein so nega­ti­ves Bild entwickelt.
 

Ich bereue mein Enga­ge­ment nicht, im Gegen­teil. Ich bin stolz darauf.

Wir erle­ben auch in Euro­pa immer mehr Repres­sio­nen und Angrif­fe gegen die Zivil­ge­sell­schaft. Sie gehören zu den Men­schen, die das sehr direkt zu spü­ren bekom­men haben durch Ihre Zeit im Gefäng­nis. Wie lang waren Sie in Haft? 

Im Juni 2017 wur­de ich fest­ge­nom­men - und ent­las­sen im August 2018. Ich bin also vier­zehn­einhalb Mona­te in Haft gewe­sen. Zu der Zeit war ich Vor­sit­zen­der der Amnes­ty-Sek­ti­on in der Tür­kei. Ich war als Akti­vist für Flücht­lingsrech­te in der Tür­kei bekannt, auch durch die Medien. 

Eini­ge Leu­te aus Regie­rungs­krei­sen behaup­te­ten, wir Aktivist*innen wür­den ver­su­chen, einen Kon­flikt zwi­schen der Bevöl­ke­rung und Geflüch­te­ten zu initi­ie­ren. Sie haben ver­sucht, mich zu kri­mi­na­li­sie­ren, mich mit Ter­ro­ris­mus in Ver­bin­dung zu brin­gen. 

Weni­ge Tage nach mei­ner Fest­nah­me wur­de auch eine Jour­na­lis­tin ver­haf­tet, die zugleich eine Abge­ord­ne­te im Par­la­ment war. Deren Toch­ter hat­te bei einer Flücht­lings­or­ga­ni­sa­ti­on gear­bei­tet, wenn auch nicht bei uns. Und wir wuss­ten auch nicht, dass sie die Toch­ter einer bekann­ten Jour­na­lis­tin und Poli­ti­ke­rin war. Aber in den Medi­en wur­de es so dar­ge­stellt. Sie war­fen uns vor, wir wür­den vor­sätz­lich und aktiv gegen die Regie­rung kollaborieren. 

Es gab eine rich­ti­ge Kam­pa­gne gegen alle mög­li­chen Ein­rich­tun­gen, sogar gegen den UNHCR. Vie­le Orga­ni­sa­tio­nen wur­den immer stren­ger kon­trol­liert. Nach­dem der Aus­nah­me­zu­stand ver­hängt wor­den war, also nach dem Putsch­ver­such 2016, wur­den die Ver­ei­ne mit hohen Geld­stra­fen belegt. Man­che wur­den auch ganz ver­bo­ten.  

Vor­her sah unse­re Arbeit ganz anders aus. Es gab eine Art Zusam­men­ar­beit mit den staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, wir waren viel in Kon­takt. Das gibt es heu­te alles nicht mehr. Wir wer­den igno­riert und ausgeschlossen.

Sie sind ver­hei­ra­tet und haben drei Töch­ter. Die­se 14 Mona­te im Gefäng­nis, das war ein hoher Preis, auch für Ihre Fami­lie. Wür­den Sie die­sen Weg noch ein­mal genau­so gehen?  

Ja, auf jeden Fall. Ich wür­de alles noch­mal ganz genau­so machen. Ich bereue mein Enga­ge­ment nicht, im Gegen­teil. Ich bin stolz dar­auf.  

Bis zu mei­ner Ver­haf­tung hatte ich mich sehr vorsich­tig ver­hal­ten. Ich habe zum Bei­spiel kei­ne Fäl­le angenom­men, die proble­ma­tisch hät­ten wer­den kön­nen. Damals, 2017, war ich in einer Kanz­lei mit drei Part­nern tätig, wir hat­ten seit 25 Jah­ren eine Part­ner­schaft. Beruf­lich über­nahm ich kei­ne Fäl­le von Geflüch­te­ten, weil ich mich ja in der Zivil­ge­sell­schaft enga­gier­te. Nach mei­ner Ent­las­sung aus dem Gefäng­nis woll­ten mei­ne Part­ner nicht mehr mit mir zusam­men­ar­bei­ten, sie dräng­ten mich fak­tisch aus der Kanz­lei. Mei­ne gesam­ten Akten und mein Man­dan­ten­stamm blie­ben dort. Nach 25 Jah­ren Anwalts­tä­tig­keit stand ich plötz­lich ohne Auf­träge und ohne Akten da.  

Das war 2018. Ich habe dar­auf­hin mei­ne anwalt­li­che Tätig­keit von Grund auf neu auf­ge­baut. In die­ser Pha­se begann ich, Asyl­rechts­fäl­le als Anwalt zu über­neh­men, weil ich inzwi­schen kei­ne ehren­amt­li­che Füh­rungs­po­si­ti­on mehr in einem Ver­ein inne­hat­te.  
Seit­dem konn­te ich sehr erfolg­rei­che Gerichts­ent­schei­dun­gen errei­chen, dar­un­ter auch vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt. Wenn ich heu­te auf die­se Zeit, auf mei­nen gan­zen Wer­de­gang, zurück­bli­cke, kann ich sagen: Gott sei Dank. Es gibt nichts, was ich bereue.

Gibt es denn auch ein Gefühl von Frus­tra­ti­on in Ihnen? Wenn man so lan­ge und so hart für eine Sache kämpft und dann sieht, wie schlecht es dem Flücht­lings­schutz in Euro­pa und welt­weit geht – wel­che Gefüh­le löst das in Ihnen aus?  

Zumin­dest ste­hen wir auf der rich­ti­gen Sei­te der Geschich­te. Flucht gibt es, seit es Men­schen gibt. Es gab schon immer Men­schen, die ver­folgt wur­den und eine Regi­on ver­las­sen muss­ten. Und das wird es auch wei­ter­hin geben. Dass es die Insti­tu­tio­nen und das Regel­werk, das als Reak­ti­on auf den Zwei­ten Welt­krieg geschaf­fen wur­de, wei­ter­hin gibt, das macht Hoffnung. 

Gab es etwas, das Sie in die­ser Zeit im Gefäng­nis über sich gelernt haben, was Sie vor­her nicht wuss­ten?  

Als ich ins Gefäng­nis kam, war ich 49 Jah­re alt. In der Tür­kei gilt das nicht als jung. Im Gefäng­nis hat­te ich Zeit, über mich und über mein Leben nach­zu­den­ken. Auch über mei­nen Beruf und mei­ne Fami­lie. Und ich bin ins­ge­samt gestärkt dar­aus hervorgegangen. 

Vie­le Men­schen haben das, was sie mit mir gemacht haben, mit­be­kom­men. Diesen Kri­mi­na­li­sie­rungs­pro­zess. Das hat sich auch nega­tiv aus­ge­wirkt auf man­che Mit­men­schen, auf Nach­barn. Aber gleich­zei­tig habe ich sehr viel Soli­da­ri­tät und Unter­stüt­zung erfah­ren, vor allem auch aus dem Aus­land. Das hat mir viel Kraft gege­ben. Auch des­we­gen bedeu­tet mir der Men­schen­rechts­preis von PRO ASYL so viel. Zu erle­ben, dass mei­ne Arbeit gese­hen wird, auch inter­na­tio­nal. Das berührt mich sehr.

Zumin­dest ste­hen wir auf der rich­ti­gen Sei­te der Geschich­te. Flucht gibt es, seit es Men­schen gibt.

Aber natür­lich erle­ben wir im Moment in Bezug auf Men­schen­rechts­stan­dards Rück­schrit­te. Rassis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen und Par­tei­en vor allem in den USA und in Euro­pa instru­men­ta­li­sie­ren das The­ma. Oft gehen die­se Bewe­gun­gen ja aus wirt­schaft­li­chen Kri­sen her­vor. Auch in der Tür­kei kön­nen wir das beob­ach­ten. Aber wenn man sich die Geschich­te anschaut: Sol­che Pha­sen gab es schon und es wird sie wie­der geben.  
 

Wenn Sie sich vor­stel­len, Sie hät­ten ein Gespräch mit dem 15-jäh­ri­gen Taner. Wie fin­det der Sie? Gibt es etwas, was er an Ihnen ent­deckt, womit er nicht gerech­net hät­te?  

Ich den­ke, er wür­de sich sehr wun­dern. Er hät­te nicht damit gerech­net, dass er Anwalt wird. Und dass er sich für die Men­schen­rech­te einsetzt. 
 

Hät­te er sich das nicht zuge­traut? Dass er zu so viel Ver­än­de­rung bei­tra­gen wür­de?  

Ja, genau. Er kommt ja aus einer sehr ein­fa­chen Fami­lie, wir waren weder gebil­det noch wohl­ha­bend. Mein Vater war ein ein­fa­cher Mann. Er hat sein Dorf ver­las­sen, um zum Mili­tär zu gehen, aber er wur­de nie ein hoch­ran­gi­ger Mili­tär­an­ge­hö­ri­ger.  

Letz­tes Jahr gab es eine gro­ße Ver­samm­lung von Amnes­ty in Prag. Rund 500 Vertreter*innen aus ver­schie­de­nen Län­dern sind da zusam­men­ge­kom­men. Ich war ein­ge­la­den und habe einen Vor­trag gehal­ten. Und das war schon ein selt­sa­mes Gefühl. Ich dach­te, als mein Vater aus sei­nem Dorf weg­ging, im Grun­de flüch­te­te, als er zum Mili­tär ging und Offi­zier wur­de, war das sei­ne Revo­lu­ti­on. Und das war jetzt mei­ne Revo­lu­ti­on, dass ich es so weit gebracht habe. Das hat mich sehr glück­lich gemacht. 

(alw)

Die Stif­tung PRO ASYL zeich­net mit ihrem Men­schen­rechts­preis 2026 drei Per­sön­lich­kei­ten aus, die sich in der Tür­kei und in Grie­chen­land seit Jahr­zehn­ten für Flücht­lings­schutz, Men­schen­rech­te und Rechts­staat­lich­keit ein­set­zen. Ver­lie­hen wird der Preis am Sams­tag, 12. Sep­tem­ber, in Frank­furt am Main.  

Mit dem tür­ki­schen Rechts­an­walt und Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger Taner Kılıç wer­den anwalt­li­che Ver­tre­tung und Ver­tei­di­gung ver­folg­ter Menschenrechtsverteidiger*innen gewür­digt. Er gehört zu den Mit­be­grün­dern der tür­ki­schen Sek­ti­on von Amnes­ty Inter­na­tio­nal und der Orga­ni­sa­ti­on Mül­teci-Der, die sich in Izmir für die Rech­te von Geflüch­te­ten stark macht.  

Die tür­ki­sche Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin Pırıl Erço­ban steht für zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment, öffent­li­che Kri­tik und kon­kre­te Soli­da­ri­tät mit Schutz­su­chen­den. Sie war vie­le Jah­re lang Geschäfts­füh­re­rin von Mül­teci-Der in Izmir, beglei­te­te Schutz­su­chen­de, doku­men­tier­te Rechts­ver­let­zun­gen und mach­te Miss­stän­de bei Inhaf­tie­run­gen und Abschie­bun­gen öffentlich.

Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los wird als ehe­ma­li­ger Lei­ter des UNHCR in Grie­chen­land für insti­tu­tio­nel­le Ver­ant­wor­tung im inter­na­tio­na­len Flücht­lings­schutz aus­ge­zeich­net. Der Anwalt mach­te Druck auf die grie­chi­sche Regie­rung, als Men­schen­rech­te ver­letzt wur­den, unter­stütz­te Betrof­fe­ne und bestand dar­auf, dass Men­schen­rech­te auch an der Außen­gren­ze Euro­pas gel­ten.  

Den Men­schen­rechts­preis ver­leiht die Stif­tung PRO ASYL seit 2006 jähr­lich an Per­so­nen, die sich in her­aus­ra­gen­der Wei­se für die Ach­tung der Men­schen­rech­te und den Schutz von Flücht­lin­gen in Deutsch­land und Euro­pa ein­set­zen. Der Preis ist mit 5.000 Euro und einer Skulp­tur des Künst­lers Ari­el Aus­len­der, Pro­fes­sor an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darm­stadt, dotiert. Eine Über­sicht mit den bis­he­ri­gen Preisträger*innen steht hier.