09.12.2025
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Shafiq, dreifacher Vater und Psychologe und Sozialarbeiter aus Gaza, floh 2022 vor dem Hamas-Regime nach Deutschland. Das war noch vor dem Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg. Erst jetzt wurde er als Flüchtling anerkannt – zwei seiner Kinder sind mittlerweile gestorben, seine Frau harrt immer noch in Gaza aus.

Shafiqs* Geschich­te steht bei­spiel­haft für das Leid, das Ver­zö­ge­run­gen oder gar Aus­set­zun­gen von Asyl­ver­fah­ren ver­ur­sa­chen kön­nen. Er war bereit über sei­ne schmerz­haf­ten Erfah­run­gen zu spre­chen. Wir haben zuge­hört und sei­ne Erzäh­lung in einem Wort­laut­pro­to­koll zusammengefasst:

DU KANNST DIR DAS LEBEN IN GAZA…

nicht vor­stel­len. Nie­mand kann das. Unter der israe­li­schen Besat­zung. Wir dür­fen uns nicht frei bewe­gen, nicht rei­sen, alles wird kon­trol­liert. Kei­ne guten Medi­ka­men­te, kei­ne Bil­dung, kei­ne Freiheit.

Dann gibt es noch eine wei­te­re Besat­zung – den Ter­ro­ris­mus der Hamas. Es ist, als wür­den sie dei­nen Ver­stand und dei­ne Gefüh­le beset­zen, ver­stehst du? Sie sehen aus wie die Tali­ban in Afgha­ni­stan. Ich habe ande­re Ansich­ten, einen offe­nen Geist, schrei­be ger­ne Poe­sie und auch Poli­ti­sches. Aber sie wol­len nicht, dass du denkst. Sie sag­ten, dass ich ein Kom­mu­nist bin, weil ich lese und das Wort poli­tisch verwende.

Ich habe viel Zeit in mei­ne Arbeit bei den Ver­ein­ten Natio­nen inves­tiert, um Men­schen, deren Häu­ser wäh­rend der Krie­ge zer­stört wur­den, zu hel­fen. Ich arbei­te­te als Sozi­al­ar­bei­ter, Bera­ter und Reha­bi­li­ta­ti­ons­spe­zia­list mit dem Fokus auf Wohn­raum und Sach­leis­tun­gen. Seit dem Gaza­krieg 2008 arbei­te­te ich zudem in der Not­fall­zen­tra­le für Not­un­ter­künf­te. Die Hamas woll­te mei­ne Auto­ri­tät für sich nut­zen und, dass ich ihren Leu­ten hel­fe. Aber das ist nicht mein Weg. Sie haben mir sehr weh­ge­tan. Vie­le Male war ich im Hamas-Gefängnis.

Mei­ne jun­ge erwach­se­ne Toch­ter litt an Krebs. Wir konn­ten sie in Gaza nicht behan­deln las­sen, weil es dort kei­ne Medi­ka­men­te und kei­ne Spe­zi­al­ärz­te gibt. Für mei­ne zwei Söh­ne gab es kei­ne aus­rei­chen­de Aus­bil­dung, kei­ne Jobs, kei­ne Zukunft. Wie kann man da leben? Seit mei­ner Jun­gend ist es mein Traum, in einem offe­nen Land zu leben, im Westen.

WHY GERMANY?

Ich habe viel über eure Denk- und Lebens­wei­se gele­sen, über das poli­ti­sche Sys­tem und die Geschich­te Deutsch­lands. Ich glau­be, dass ihr einen offe­nen Geist habt und ein offe­nes Land seid. Ihr habt nach dem Krieg ein neu­es Land auf­ge­baut. Ich lie­be die Leu­te, die hier geschrie­ben haben, Scho­pen­hau­er, Kaf­ka… Es war auch der Traum mei­ner Toch­ter, in Deutsch­land von ihrem Krebs geheilt zu wer­den. 2022 ver­such­ten wir es zusam­men, über die Tür­kei nach Deutsch­land zu kom­men, aber wir schaff­ten es nicht. Sie reis­te zurück nach Gaza, in der Hoff­nung, dass ich es allein schaf­fe und sie nachhole.

IN POLEN…

haben sie mich fünf Mona­te in ein Gefäng­nis gesteckt – eins für Kri­mi­nel­le. Sie haben mir mei­ne Klei­dung, mein Tele­fon und alles weg­ge­nom­men. Die Leu­te, die mit uns zu tun hat­ten, waren Sol­da­ten mit Waf­fen. Im April 2023 schaff­te ich es nach Deutsch­land, zusam­men mit mei­nem ältes­ten Sohn. Ich muss­te in ein Camp. Mona­te­lang. Man­che mei­ner syri­schen Mit­be­woh­ner erhiel­ten nach zehn Tagen ihre Ent­schei­dung. Mich lie­ßen sie war­ten. Dann ent­schie­den sie, dass ich zurück nach Polen muss. Ich hat­te Angst, dass die Poli­zei kommt und hielt mich sechs Mona­te meist auf der Stra­ße auf, ver­mied es, im Gebäu­de zu sein.

Als ich ins deut­sche Asyl­ver­fah­ren kam, wur­den die Ver­fah­ren für paläs­ti­nen­si­sche Flücht­lin­ge aus­ge­setzt. Es dau­er­te so lan­ge! War­um? Du musst dich ent­schei­den, ob du mich akzep­tierst oder nicht. Sag es mir bit­te. Ich weiß, dass jeder über die Situa­ti­on in Gaza Bescheid weiß. War­um dau­er­te es mehr als zwei­ein­halb Jah­re, bis über mei­nen Asyl­an­trag ent­schie­den wurde?

Von Janu­ar 2024 bis Som­mer 2025 stopp­te das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge die Bear­bei­tung der Asyl­ver­fah­ren von Schutz­su­chen­den aus Gaza – wegen der, so wört­lich, »vor­über­ge­hend unge­wis­sen Lage«. Aus Sicht von PRO ASYL völ­lig unbe­grün­det.

ICH FÜHLE EINSAMKEIT. 

Ein­sam­keit, weil […pau­siert…] ich mei­ne Toch­ter und mei­nen Sohn wäh­rend des Krie­ges in Gaza ver­lo­ren habe. Mein Sohn wur­de durch einen israe­li­schen Angriff von einem Stein­bro­cken erschla­gen. Mei­ne Toch­ter starb an dem Krebs […pau­siert…]. Ich weiß nicht, wo sie begra­ben sind. Mei­ne Träu­me sind zerbrochen.

Es war mein Traum, hier anzu­kom­men und eines Tages mei­ner Frau, mei­nem Sohn und mei­ner Toch­ter zu sagen, dass sie hier­her­kom­men kön­nen, damit wir hier zusam­men­le­ben. Als der Brief mit der Aner­ken­nung end­lich kam … es tut mir leid, aber ich fühl­te Einsamkeit.

Jeden Tag, wenn ich auf­ste­he, weiß ich nicht, ob ich gute oder schlech­te Nach­rich­ten hören wer­de. Ich habe gro­ße Angst um mei­ne Frau, weil der Krieg bis heu­te nicht been­det ist. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wie­der­se­hen wer­de. Sie hat einen Ter­min für den Fami­li­en­nach­zug bei der deut­schen Bot­schaft in Kai­ro, in fünf Tagen. Aber wie soll sie dahin kom­men? Das ist die Fra­ge. Ich weiß nicht, wie ich dafür eine Lösung fin­den kann. [Anmer­kung der Redak­ti­on: Shafiqs Frau wur­de nicht über die Gren­ze nach Ägyp­ten gelas­sen, obwohl sie laut Shafiq alle Papie­re und eine Ter­min­be­stä­ti­gung vor­lie­gen hatte.]

MEIN GANZER GEIST LEBT IMMER NOCH IN MEINEM LAND. 

Als ich hier war, hat der Krieg ange­fan­gen. Ich habe ver­sucht die Spra­che zu ler­nen. Ich war in einer Schu­le, fast einen Monat. Dann fiel der Stein auf mei­nen Sohn. Ich konn­te nicht, ich konn­te nicht wei­ter­ma­chen. Ich ver­su­che seit­dem, zuhau­se zu lernen.

Aber ich wer­de wie­der eine Schu­le suchen. Es ist ein guter Weg, um tie­fer in die Kul­tur rein­zu­kom­men. Und ich möch­te ehren­amt­lich mit Men­schen arbei­ten, zum Bei­spiel mit behin­der­ten Men­schen, das habe ich auch in mei­nem Land gemacht. Man lernt die Spra­che leich­ter, wenn man sie mit Men­schen nutzt. Ich brau­che die­se Spra­che, ich weiß, dass die deut­sche Spra­che eine Spra­che der Poe­sie ist.

Vie­le spre­chen hier nicht ger­ne Eng­lisch. Ich weiß nicht war­um. Vor eini­ger Zeit war ich bei einem Arzt, der sag­te: »Ich spre­che Eng­lisch bes­ser als Sie, aber Sie sind hier, Sie müs­sen Deutsch spre­chen.« Ich sag­te ihm, dass es mir leid­tut, dass ich neu hier bin. Er wei­ger­te sich, mich zu behan­deln, wegen der Spra­che. Aber ein Mensch ist ein Mensch, egal wo er herkommt.

DER BRIEF KAM VOR ZWEI MONATEN.

Mei­ne Flücht­lings­an­er­ken­nung! Als ers­tes erzähl­te ich es mei­ner Frau. Als zwei­tes mei­nem Sohn. Ich fühl­te […pau­siert…], dass ich ein Mensch bin. Ich fühl­te mich sicher. Jemand küm­mert sich um mich. Ich woll­te damit wie mit einer Flag­ge offen auf der Stra­ße rum­lau­fen, damit es jeder sehen kann. [lacht]

Beim Abho­len des blau­en Flücht­lings­pas­ses sprach ich mit der Sach­be­ar­bei­te­rin: »Bit­te, kön­nen Sie mein Geburts­da­tum ändern?« »War­um?« »Weil heu­te mein Geburts­tag ist.« »Nein, das stimmt nicht.« »Doch. Heu­te bin ich neu geboren.«

Ich hat­te immer das Gefühl, dass ich eine unbe­kann­te Per­son [»unknown per­son«] bin. In mei­nem bis­he­ri­gen Auf­ent­halts­pa­pier stand »xxx« bei der Her­kunfts­an­ga­be. Das hat mich geschockt. Ich kom­me aus einem Land, das nicht aner­kannt wird. Sie nann­ten es Isra­el, sie nann­ten es nicht Paläs­ti­na, ver­stehst du? Ich träum­te davon, dass ich ein Mensch bin. Mein gan­zes Leben lang träum­te ich davon, ein Doku­ment zu haben, das belegt, dass ich ein Mensch bin. Jetzt habe ich es. Ich füh­le, dass ich noch lebe. Ich bin ein Mensch, ich bin hier. … Vie­len Dank an alle, wirklich.

(Das Gespräch wur­de auf Eng­lisch geführt und ins Deut­sche übersetzt.)

* Ali­as-Name

 

(fw)