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Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Petros Giannakouris | Symbolbild der afghanisch-iranischen Grenze

Der aktuelle Krieg zwischen USA und Israel gegen Iran hat sich zu einem Flächenbrand ausgeweitet. Zudem beschießen sich Afghanistan und Pakistan. Wir haben uns die daraus entstehenden neuen Fluchtdynamiken in der Region angeschaut und fordern von der Bundesregierung: Hört auf mit alarmistischen Massenfluchtsfantasien und schafft sichere Fluchtwege!

Der aktu­el­le Krieg zwi­schen den USA und Isra­el gegen die Isla­mi­sche Repu­blik Iran hat sich zu einem Flä­chen­brand aus­ge­wei­tet. Par­al­lel dazu fin­den beson­ders seit Febru­ar 2026 ver­stärkt Kampf­hand­lun­gen zwi­schen Afgha­ni­stan und Paki­stan statt. Die Aus­wir­kun­gen grei­fen tief inein­an­der: Luft­an­grif­fe und Rake­ten­be­schuss prä­gen das Leben der Men­schen in meh­re­ren Län­dern der Regi­on. Bin­nen­ver­trei­bun­gen, erzwun­ge­ne Rück­kehr­be­we­gun­gen und neue Fluch­ten ins Aus­land über­la­gern sich. Beson­ders deut­lich wird dies der­zeit im Iran, in Afgha­ni­stan sowie am Grenz­über­gang Libanon-Syrien.

In Deutsch­land wird die­se Ent­wick­lung vor allem unter flucht­po­li­ti­schen Vor­zei­chen dis­ku­tiert. Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz warn­te: »Wir möch­ten kein syri­sches Sze­na­rio erle­ben.« Auch der außen­po­li­ti­sche Spre­cher der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, Adis Ahme­to­vic, ver­wies dar­auf, dass frü­he­re Krie­ge in der Regi­on regel­mä­ßig gro­ße Flucht­be­we­gun­gen aus­ge­löst hät­ten: »Wir ver­su­chen gera­de, Migra­ti­on nach Euro­pa zu ord­nen. Das wird jetzt schwe­rer.« Laut ihm kön­ne es »Mil­lio­nen von Men­schen« geben, die nach Euro­pa flie­hen, Deutsch­land sei nicht bereit »für einen neu­en ‘Wir schaf­fen das’-Moment«. Dabei kon­zen­trie­ren sich die Flucht­we­ge vor allem auf die Regio­nen vor Ort.

Die Bin­nen­ver­trei­bung setzt beson­ders die im Iran leben­den Geflüch­te­ten, vor allem aus Afgha­ni­stan, unter Druck: Sie ver­fü­gen häu­fig über kei­ne sta­bi­len Unterstützungsnetzwerke.

3,2 Mio.

Men­schen inner­halb Irans auf der Flucht

Iran: Millionen auf der Flucht im eigenen Land

Mit dem Aus­bruch des Krie­ges am 28. Febru­ar 2026 hat sich die huma­ni­tä­re Lage in Iran dra­ma­tisch zuge­spitzt. Mit­te März 2026 gehen ers­te Schät­zun­gen davon aus, dass bis zu 3,2 Mil­lio­nen Men­schen inner­halb des Lan­des auf der Flucht sind. Die Betrof­fe­nen ver­las­sen vor allem urba­ne Zen­tren wie Tehe­ran und suchen Schutz in nörd­li­chen Lan­des­tei­len oder länd­li­chen Regionen.

Die Bin­nen­ver­trei­bung setzt beson­ders die im Iran leben­den Geflüch­te­ten, vor allem aus Afgha­ni­stan, unter Druck: Sie ver­fü­gen häu­fig über kei­ne sta­bi­len Unter­stüt­zungs­netz­wer­ke und der Zugang zu grund­le­gen­den Dienst­leis­tun­gen ist vie­ler­orts ein­ge­schränkt, weil die Auf­nah­me­fä­hig­keit der Ziel­re­gio­nen begrenzt ist. Vie­le ver­las­sen die Gebie­te und erle­ben damit erneut Vertreibung.

110.000

geflüch­te­te Afghan*innen aus dem Iran nach Afgha­ni­stan zurückgekehrt

Afghanische Geflüchtete erneut zur Flucht gedrängt

Bereits in die­sem Jahr sind bis Mit­te März rund 110.000 geflüch­te­te Afghan*innen aus dem Iran nach Afgha­ni­stan zurück­ge­kehrt – im Schnitt etwa 1.700 pro Tag seit Beginn der Bom­bar­die­run­gen. Bereits in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren kehr­ten über fünf Mil­lio­nen Afghan*innen aus Nach­bar­staa­ten zurück, allein 2025 etwa 1,9 Mil­lio­nen aus dem Iran. Es ist das Ergeb­nis eines wach­sen­den Rück­kehr­drucks, der weni­ger frei­wil­lig erfolgt, als viel­mehr durch Unsi­cher­heit, feh­len­de Per­spek­ti­ven und poli­ti­sche Maß­nah­men in den Auf­nah­me­län­dern bedingt ist.

Gleich­zei­tig bleibt die Situa­ti­on an der Gren­ze zu Paki­stan ange­spannt: Mehr als 160.000 Afghan*innen sind bereits in die­sem Jahr von Paki­stan nach Afgha­ni­stan zurück­ge­kehrt. Hin­zu kommt eine neue Dimen­si­on von Gewalt inner­halb Afgha­ni­stans selbst, aus­ge­löst durch den krie­ge­ri­schen Kon­flikt mit Paki­stan. Am 27. Febru­ar 2026 erklär­te Paki­stan Afgha­ni­stan den »offe­nen Krieg«. Bis Anfang März wur­den infol­ge der Luft­an­grif­fe min­des­tens 115.000 Men­schen inner­halb Afgha­ni­stans vertrieben.

Libanon-Syrien: Wenn Schutzräume zusammenbrechen

Im Liba­non haben die jüngs­ten Kriegs­hand­lun­gen inner­halb kür­zes­ter Zeit eine der schwers­ten huma­ni­tä­ren Kri­sen der Regi­on aus­ge­löst. Seit Anfang März sahen sich mit über 1,2 Mil­lio­nen Men­schen rund ein Fünf­tel der Bevöl­ke­rung zur Flucht gezwun­gen, meist inner­halb des eige­nen Lan­des, dar­un­ter etwa 350.000 Kin­der. Die Ver­trei­bun­gen erstre­cken sich über das gesam­te Land, vom Süden über die Bekaa-Ebe­ne bis nach Bei­rut und in den Norden.

Vie­le Men­schen flie­hen bereits zum zwei­ten oder drit­ten Mal und keh­ren teil­wei­se in die­sel­ben pro­vi­so­ri­schen Unter­künf­te zurück.

Auf­fäl­lig ist dabei die hohe Zahl an Mehr­fach­ver­trie­be­nen: Vie­le Men­schen flie­hen bereits zum zwei­ten oder drit­ten Mal und keh­ren teil­wei­se in die­sel­ben pro­vi­so­ri­schen Unter­künf­te zurück, die sie schon in frü­he­ren Kri­sen genutzt haben. Die huma­ni­tä­re Infra­struk­tur ist ent­spre­chend über­las­tet. Mehr als 136.000 Men­schen leben in rund 660 Sam­mel­un­ter­künf­ten – über­wie­gend Schu­len –, die weit über ihre Kapa­zi­tä­ten hin­aus belegt sind. Enge, man­geln­de Sani­tär­ver­sor­gung und feh­len­de Pri­vat­sphä­re erhö­hen das Risi­ko von Gewalt, Aus­beu­tung und gesund­heit­li­chen Pro­ble­men erheb­lich, beson­ders für vul­nerable Personengruppen.

200,000

syri­sche Men­schen haben den Liba­non verlassen

Gleich­zei­tig kommt es zu grenz­über­schrei­ten­den Flucht­be­we­gun­gen: Zwi­schen dem 2. und 27. März haben mehr als 200.000 über­wie­gend syri­sche Men­schen den Liba­non in Rich­tung Syri­en ver­las­sen. Vie­le von ihnen sind ehe­ma­li­ge Geflüch­te­te, die nun erneut zur Flucht gezwun­gen sind. Unter ihnen befin­den sich auch über 28.000 Libanes*innen. Trau­ma­ti­siert und erschöpft in Syri­en ange­kom­men, ver­fü­gen die meis­ten kaum über Hab und Gut. Sie tref­fen auf eine eben­falls desas­trö­se huma­ni­tä­re Lage und einen Man­gel an nöti­gen Mit­tel, um adäquat auf­ge­nom­men zu werden.

Fluchtdynamiken konzentrieren sich auf die Region

In Iran kon­zen­triert sich die Flucht aktu­ell fast aus­schließ­lich auf Bin­nen­be­we­gun­gen, grenz­über­schrei­ten­de Migra­ti­on spielt nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Nach ver­füg­ba­ren Daten sind bis­lang rund 17.400 Men­schen aus Iran in die Tür­kei aus­ge­reist, was im Ver­hält­nis zur mas­si­ven Bin­nen­ver­trei­bung eine ver­gleichs­wei­se gerin­ge Zahl darstellt.

Auch im Liba­non han­delt es sich bis­lang vor allem um Bin­nen­ver­trei­bun­gen und regio­na­le Flucht­be­we­gun­gen, etwa nach Syri­en. Eine Aus­wei­tung in Rich­tung Euro­pa ist der­zeit nicht erkennbar.

Gleich­zei­tig deu­ten lang­fris­ti­ge Befra­gungs­da­ten der ROCKWOOL Foun­da­ti­on Ber­lin dar­auf hin, dass Euro­pa und ins­be­son­de­re Deutsch­land für vie­le Men­schen aus der Regi­on ein zen­tra­les Ziel­land bleibt: 28 Pro­zent der befrag­ten Iraner*innen nen­nen Deutsch­land als wahr­schein­lichs­tes Ziel im Fal­le einer Aus­wan­de­rung. Im Liba­non sind es 14 Pro­zent der Men­schen, die Deutsch­land als ers­te Flucht­op­ti­on sehen, und damit an zwei­ter Stel­le hin­ter dem Haupt­zi­el­land Kanada.

Die­se Dis­kre­panz zwi­schen theo­re­ti­schen Flucht- und Migra­ti­ons­zie­len und den tat­säch­li­chen aktu­el­len Flucht­be­we­gun­gen begrenzt auf die Regi­on macht deut­lich, dass poli­ti­sche War­nun­gen vor unmit­tel­bar stei­gen­den Ankunfts­zah­len in Euro­pa der­zeit kaum empi­risch gedeckt sind, auch wenn sich dies bei einer wei­te­ren Eska­la­ti­on der Kon­flik­te mit­tel- bis lang­fris­tig ändern kann.

Ange­sichts des Krie­ges hel­fen alar­mis­ti­sche War­nun­gen vor mög­li­chen Flucht­be­we­gun­gen nach Euro­pa wenig. Viel­mehr soll­te die Bun­des­re­gie­rung jetzt die Wei­chen für siche­re Zugangs­we­ge stellen.

Humanitäre Verantwortung ernst nehmen und Zugangswege schaffen

Ange­sichts des Krie­ges im Iran und der mili­tä­ri­schen Kon­flik­te zwi­schen Paki­stan und Afgha­ni­stan hel­fen alar­mis­ti­sche War­nun­gen vor mög­li­chen Flucht­be­we­gun­gen nach Euro­pa herz­lich wenig. Viel­mehr soll­te die Bun­des­re­gie­rung ins Han­deln kom­men und jetzt die Wei­chen für siche­re Zugangs­we­ge zu Schutz in Deutsch­land stel­len – noch besteht ein Zeit­fens­ter, um die huma­ni­tä­re Auf­nah­me stra­te­gisch vorzubereiten.

Dazu gehört ins­be­son­de­re die Aus­wei­tung und per­so­nel­le Stär­kung von Visa­stel­len in Dritt­staa­ten wie der Tür­kei oder dem Irak, um Men­schen aus Iran über­haupt einen siche­ren Zugang zu huma­ni­tä­ren Auf­nah­me­pro­gram­men und Fami­li­en­nach­zugs­ver­fah­ren zu ermöglichen.

Die kon­se­quen­te Umset­zung des Rechts auf Fami­li­en­nach­zug und die Beschleu­ni­gung der ent­spre­chen­den Ver­fah­ren sind von gro­ßer Bedeu­tung. Gera­de ange­sichts der mul­ti­plen Kri­sen in der Regi­on kann die­ses Instru­ment ein ent­schei­den­der Schutz­fak­tor sein und zugleich gefähr­li­che Fluch­ten redu­zie­ren. Die bestehen­den Hür­den – lan­ge War­te­zei­ten, büro­kra­ti­sche Ver­fah­ren und Restrik­tio­nen – ste­hen die­sem Ziel aktu­ell mas­siv im Weg.

Dar­über hin­aus soll­ten soge­nann­te huma­ni­tä­re Visa nach Para­graph 22 Auf­ent­halts­ge­setz deut­lich aus­ge­wei­tet und sys­te­ma­ti­scher genutzt wer­den. Die­ses Instru­ment ermög­licht es, beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Per­so­nen einen direk­ten und siche­ren Zugang nach Deutsch­land zu eröff­nen. Dies wird seit Amts­an­tritt des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Alex­an­der Dob­rindt (CSU) nur sehr zurück­hal­tend ein­ge­setzt. Ange­sichts der aktu­el­len Lage in der Regi­on wäre eine akti­ve Anwen­dung mora­lisch und poli­tisch geboten.

Für afgha­ni­sche Geflüch­te­te ist das Gebot der Stun­de, end­lich das Bun­des­auf­nah­me­pro­gramm ver­läss­lich umzu­set­zen und alle Auf­nah­me­zu­sa­gen ein­zu­lö­sen. Dazu gehö­ren auch jene Per­so­nen, die noch immer in Paki­stan aus­har­ren. Dass die Bun­des­re­gie­rung statt­des­sen die­se Zusa­gen wider­ruft, ist rechts­staat­lich höchst bedenklich.

Deutsch­land und die Euro­päi­sche Uni­on haben einen Hand­lungs­spiel­raum. Wer erst reagiert, wenn Schutz­su­chen­de hier ankom­men, reagiert zu spät. Eine vor­aus­schau­en­de Poli­tik wür­de siche­re Flucht­we­ge schaf­fen, Auf­nah­me koor­di­nie­ren und damit sowohl Schutz gewähr­leis­ten als auch poli­ti­sche Steue­rungs­fä­hig­keit beweisen.

(ds)