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Drei Jahre nach Pylos: Die Last des Überlebens
Vor drei Jahren, in der Nacht auf den 14. Juni 2023, ertranken mehr als 600 Menschen vor der griechischen Stadt Pylos unter den Augen der Küstenwache, die ihnen über Stunden die Rettung verweigert hatte. Wir haben mit drei Überlebenden gesprochen, die heute in Deutschland wohnen. Was bleibt von einer Nacht, die ihr Leben für immer verändert hat?
Firas*, Anwar* und Karam* gehören zu den nur 104 Männern, die das Schiffsunglück von Pylos überlebt haben. Alle drei stammen aus Syrien, leben heute in Deutschland und werden von PRO ASYL unterstützt.
Firas hat subsidiären Schutz erhalten. Da die Bundesregierung den Familiennachzug im letzten Jahr ausgesetzt hat, ist er jedoch immer noch von seiner Frau und seinen drei Kindern getrennt. Anwar befindet sich auch fast drei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland noch im Asylverfahren. Karams Asylantrag wurde vor Kurzem abgelehnt, die Abschiebung nach Syrien angedroht.
Alle drei haben gemeinsam mit zahlreichen anderen Überlebenden in Griechenland Strafanzeige gegen die Küstenwache gestellt. Aufgrund der Strafanzeige hat die zuständige Staatsanwaltschaft inzwischen Anklage wegen schwerer Straftaten gegen 21 Mitglieder der Küstenwache erhoben – darunter auch gegen hochrangige Offiziere und zwei ehemalige Chefs der Küstenwache. Etwa die Hälfte der an dem Verfahren beteiligten Überlebenden wird von Anwält*innen von Refugee Support Aegean (RSA), der griechischen Schwesterorganisation von PRO ASYL vertreten.
Die Katastrophe, die ihr überlebt habt, jährt sich nun zum dritten Mal. Wie geht es euch in diesen Tagen?
Firas: Die Erinnerung ist immer gleich. Ob im Januar, im Februar oder in anderen Monaten. Ich sehe immer wieder alles vor mir. Die Reise von Syrien nach Ägypten, dann diese schreckliche Katastrophe. Aber im Juni ist es besonders schlimm.
Anwar: Ich finde auch, es wird immer intensiver, wenn der Tag näherkommt. Ich habe sehr düstere Gedanken an diesem Tag. Diese Erfahrungen kann man nicht vergessen.
Karam: Für mich spielt der Jahrestag keine große Rolle, weil ich in jedem Monat am 14. dasselbe erlebe. Ich mag die Zahl 14 nicht mehr. Immer, wenn ich irgendwo eine 14 sehe, geht es mir schlecht.
Wenn wir über diese Katastrophe sprechen, die hinter euch liegt…
Firas: Das liegt nicht hinter mir! Es begleitet mich ständig. Ich trage es immer in mir. Immer, wenn ich allein bin, kommen diese Bilder und Geräusche. Sowohl tagsüber als auch nachts. Ich versuche dann immer, rauszugehen und nicht allein zu bleiben.
Anwar: Ich war vor ein paar Tagen mit einigen Freunden zusammen. Einer von denen war neugierig und hat mich gefragt, wie diese Katastrophe passiert ist. Und dann habe ich angefangen zu erzählen. Es war ein Schock für mich, dass der Schmerz noch derselbe ist. Ich wollte nur noch weinen.
Karam: Ich bin immer wieder sprachlos. Auch als ich beim Psychologen war, konnte ich meine Gefühle nicht richtig ausdrücken. Ich finde keine Worte. In mir gibt es viel, aber ich kann das nicht aussprechen. Und dann, wenn ich darüber spreche, könnte ich stundenlang über etwas erzählen, was nur ein paar Sekunden gedauert hat.
Ihr wart fünf Tage auf dem Schiff, auf der Adriana. Was ist euch am deutlichsten in Erinnerung?
Karam: Ich erinnere mich an die vielen Menschen, wenn ich an diesen Tag denke. Ich habe fünf Tage mit ihnen auf diesem Schiff verbracht. Freunde, Cousins… Und sie sind alle gestorben, vor meinen Augen. Als das Schiff kenterte, hat es mich mit runtergezogen, so dass ich zunächst nicht wieder auftauchen konnte. Bei jedem Schluck Wasser, der in meinen Mund gekommen ist, dachte ich: »Jetzt sterbe ich!« Bis ich endlich wieder an die Oberfläche kam und tief Luft holen konnte.
Und dann sah ich die vielen Toten. 600 Menschen. Das war so ein Schock, dass ich dachte, ich wäre lieber auch gestorben. Ich habe keine Menschen gesehen, nur noch Leichen. Die waren so nah. Ich habe ihre Gesichter gesehen und meine Freunde in diesen Gesichtern gesucht. Aber es war schon zu dunkel, um sie richtig zu erkennen. Wie alle anderen habe ich geschrien, so laut ich konnte. Immer wieder hat mich jemand nach unten gezogen. Deswegen musste ich so weit wie möglich von den anderen wegschwimmen.
Anwar: Ich denke immer an ein Kind. [Er lächelt und hält inne.] Du merkst, dass ich beim Erzählen ab und zu lächele. Das mache ich, um nicht zu weinen. In den ersten zwei Jahren habe ich jedes Mal geweint, wenn ich darüber gesprochen habe: Als das Schiff gekippt ist, hat mich der Wasserdruck nach oben geschleudert, das hat mir sehr geholfen. Ich konnte mich an irgendetwas festhalten. Da habe ich ein Kind gesehen, etwa zehn Jahre alt, ein Junge. Er hat nach mir gerufen, mich gebeten, ihm zu helfen. Weil ich ihn nicht erreichen konnte, habe ich meinen Pulli ausgezogen und ihm zugeworfen, um ihn heranziehen zu können. Und wir haben es geschafft, er kam neben mich. In dem Moment ist plötzlich das Schiff gesunken. Ich habe den Jungen verloren. Ich habe nach ihm gesucht, aber konnte ihn nicht finden. Später, in dem kleinen Rettungsboot der Küstenwache, habe ich ihn weitergesucht. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Mir war klar, dass er gestorben ist.
Karam: Ich habe etwas Ähnliches erlebt. Ein Kind ist in meiner Nähe gestorben. Es war vielleicht so 12–13 Jahre alt und hat sehr laut geschrien. Ich konnte ihm nicht helfen, weil meine Schulter verletzt war. Ich wusste, dass das Kind gestorben war, als das Wasser angefangen hat zu schäumen – und seine Stimme plötzlich verstummt ist.
Wie lebt ihr mit diesen Erinnerungen weiter?
Anwar: Ich hatte am Anfang ein schlechtes Gewissen. Immer dachte ich, ich hätte mich nicht genug bemüht. Hätte ich das nicht schaffen müssen, hätte ich den Jungen nicht retten können? Und warum habe ausgerechnet ich überlebt?
Firas: Das höre ich ständig: »Warum hat er überlebt, während der andere gestorben ist?« Meine Tante und ihr ganzes Umfeld, die haben den Kontakt zu mir abgebrochen, weil ihr Sohn auf der Reise gestorben ist. Sie geben mir die Schuld. Das macht es für mich noch schlimmer. Manchmal denke ich, sie haben ja Recht. Aber ich konnte es nicht ändern. Es war das Meer.
Karam: Das ist das Schlimme: Die 600 Menschen, die gestorben sind, das ist keine Zahl. Das sind 600 Geschichten. Jeder von ihnen hat Menschen hinterlassen, die jemanden verloren haben.
Anwar: Ich sehe es so: Ich bin Gott sehr dankbar, weil er mich an diesem Tag gerettet hat, während viele andere gestorben sind. Ich versuche immer, besonders an diesem Tag mit Leuten zu sprechen, die sich auf diese Reise begeben wollen, auf die Flucht. Um ihnen zu erzählen, wie gefährlich das ist und dass sie es besser lassen sollen. Mir war das damals nicht bewusst: dass ich mich in Lebensgefahr begebe.
»Mein Gott hat mich nicht gerettet, um das Leben zu genießen, sondern damit andere von mir lernen.»
Das klingt wie eine Mission?
Anwar: Ja, absolut. Mein Gott hat mich nicht gerettet, um das Leben zu genießen, sondern damit andere von mir lernen – auf allen Seiten.
In Griechenland laufen Verfahren gegen 21 teils hochrangige Bedienstete der griechischen Küstenwache. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, was erhofft ihr euch von der Justiz?
Karam: Wir hoffen wirklich, dass sie bestraft werden. Ihr müsst euch vorstellen, sie waren die ganze Zeit neben uns. Aber wir haben bewusstlose Menschen aus dem Wasser gezogen, sie auf das umgedrehte Schiff gelegt und versucht, ihnen zu helfen. Wir haben sie gerettet. Sie haben einfach die Lichter angemacht und uns beobachtet. Und da dachte ich: »Das ist das Ende. Wenn sie uns jetzt nicht retten, werden sie es auch in einer Stunde nicht tun.« Wollten sie abwarten, bis möglichst viele von uns tot sind?
Firas: Und es war ja nicht nur die griechische Küstenwache. Wir können nicht ihnen allein die Schuld geben. Auch andere wussten schon tagsüber, dass wir auf dem Meer waren. Wir haben ihnen unseren Standort gegeben und trotzdem hat niemand versucht, uns zu retten.
Ihr seid jetzt seit fast drei Jahren in Deutschland. Wie sieht euer Leben heute aus?
Karam: Es gibt leider nichts Positives in diesem Leben. Ich habe diese Reise überlebt, ja, aber in Sicherheit bin ich nicht. Mein Asylantrag wurde vor ein paar Monaten vollständig abgelehnt. Und meine Frau und mein Kind sind in Syrien und dürfen nicht nachkommen.
Anwar: Für mich war das ein Schock. Ich habe etwas anderes erwartet. Ich dachte, dass ich mein Leben neu aufbauen kann. Ich verstehe die Politik hier nicht. Warum Deutschland es uns so schwer macht. Da werden Menschen aus anderen Ländern geholt, um hier zu arbeiten, obwohl wir aus Ländern kommen, in denen Krieg ist und obwohl wir auch arbeiten könnten. Ich bin jetzt seit fast drei Jahren hier. Ich habe die Sprache schnell gelernt, um schnell Arbeit zu finden. Ich will mich selbständig machen, es ist alles bereit. Aber ohne Aufenthaltserlaubnis geht nichts. Dieses kleine Stück Plastik, daran hängt alles.
Du bist der Letzte aus eurer Gruppe, bei dem es noch keine Entscheidung im Asylverfahren gibt?
Anwar: Ich bin der Letzte, ja. Es gibt immer noch keine Antwort. Es fühlt sich an wie eine Sackgasse.
Und wie sieht es bei dir aus, Firas? Du hast subsidiären Schutz erhalten. Fühlst du dich sicher?
Firas: Ich würde sagen, Sicherheit, ja, das habe ich hier in Deutschland gefunden. Aber ich finde keine Ruhe. Mir wurde gesagt, dass ich ein oder zwei Jahre warten muss, dann ist meine Familie bei mir. Deswegen bin ich gekommen. Aber dann wurde der Familiennachzug ausgesetzt. Ich habe meine Frau und unsere Kinder seit drei Jahren nicht gesehen. Ich kann nicht mehr länger warten. Was mir passiert ist, war schlimm. Wenn sie hier wären, wäre mein Leben leichter. Ich brauche jemanden an meiner Seite, der mir Trost gibt. Vor einem Jahr habe ich ein Katzenbaby geschenkt bekommen. Ich habe sie Zunbol genannt. Zunbol ist Arabisch und bedeutet »neues Leben«. Es tut mir sehr gut, sie zu haben. Wenn der Familiennachzug nicht bald wieder erlaubt wird, muss ich zurückgehen.
Karam: So geht es mir auch. Alles, was ich mir wünsche, ist, dass ich mit meiner Familie neu anfangen kann. Als ich sie verlassen habe, war mein Sohn ein Jahr alt und hat gerade seine ersten Schritte gemacht. Und jetzt ist er sechs. Das finde ich so traurig, dass ich mit ihm seine Kindheit nicht erleben kann. Aber zurück nach Syrien gehen, nach allem, was ich erlebt habe, das kann ich nicht. Der Krieg in Syrien ist vielleicht vorbei. Aber sicher sind wir da nicht.
»Die Katastrophe, die wir überlebt haben, die spielt hier gar keine Rolle.»
Wie ist jetzt eure Beziehung zu Deutschland, zu Europa?
Anwar: Das ist schwer zu sagen. Einerseits habe ich viele nette Menschen kennengelernt, ganz tolle Unterstützer*innen und auch einzelne Personen im Sozialamt, die sehr lieb sind. Vor ein paar Tagen saß im Zug ein Mann neben mir und sagte: »Du bist herzlich willkommen in Deutschland. Du gehörst hierher, wie ich auch hierhergehöre. Das ist auch dein Land. Bring dich hier ein.«
Aber ich bekomme natürlich auch den Hass vieler Leute mit. Manchmal, wenn ich in den sozialen Medien etwas lese, die Kommentare zum Beispiel, denke ich, es ist besser, wenn ich von mir aus zurückgehe, als dass sie mich zurückschicken.
Karam: Wir erwarten ja gar nicht viel. Wir können uns um uns selbst kümmern. Ich will auch nicht hier sitzen und Sozialhilfe bekommen. Ich kann arbeiten. Ich will arbeiten. Wenn man mich nur lassen würde.
Firas: Ich bin schon sehr enttäuscht. In Europa habe ich keinen Tag Ruhe und Frieden gefunden. Es hat mir bisher überhaupt nicht gutgetan, hier zu sein. Also einerseits bin ich dankbar, weil ich aufgenommen wurde. Aber ohne meine Familie kann ich nicht leben. Die Katastrophe, die wir überlebt haben, die spielt hier gar keine Rolle. Ich hätte erwartet, dass das in den Entscheidungen hier in Deutschland berücksichtigt wird. Aber es macht eigentlich alles nur noch komplizierter.
Das Gespräch mit Firas, Anwar und Karam hat Agnes Lisa Wegner von PRO ASYL geführt.
*Namen geändert.