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Amir und seine Freunde auf ihrer Flucht. Foto: privat

Im Jahr 2021 begab sich der 15-jährige Amir aus Afghanistan auf die Flucht nach Europa. In Serbien reißt seine Spur ab. Er soll im Grenzfluss Drina zwischen Serbien und Bosnien und Herzegowina ertrunken sein. Seine Leiche wurde jedoch nie gefunden. Amirs Eltern erzählen, warum die Ungewissheit quälender ist als der Tod.

Erin­nert Ihr Euch dar­an, wie alles begann? War es Amirs eige­ne Idee, das Land zu verlassen? 

Aimal Khan (Vater): Amir ist am Frei­tag, den 3. Juni 2021, von zuhau­se auf­ge­bro­chen. Wir wuss­ten erst­mal gar nicht, dass er gegan­gen war. Eini­ge Tage lang haben wir nichts von ihm gehört. Als er schon fast im Iran war, hat er uns ange­ru­fen. Wir haben ver­sucht, ihn zur Rück­kehr zu bewe­gen. Doch er woll­te sei­nen Weg fort­set­zen. Er hat uns gebe­ten, ihm Geld zu schicken.

Wir saßen hier zusam­men und haben für ihn gebe­tet. Es war klar, dass er nicht zurück­keh­ren wür­de. Also haben wir Geld an die ver­schie­de­nen Schleu­ser geschickt, mit denen er auf sei­ner Rei­se in Kon­takt kam. Wir hat­ten kei­ne ande­re Wahl. Also haben wir den Gold­schmuck und die Ohr­rin­ge sei­ner Mut­ter verkauft.

Es hat 15 Tage gedau­ert, bis er den Iran erreicht hat. Danach sag­te er: »Ich möch­te wei­ter­ge­hen.« Und dann hat er sich auf den gefähr­li­chen Weg über die Ber­ge und durch die Step­pe in die Tür­kei gemacht. Er brauch­te erneut Geld, und wir schick­ten ihm umge­rech­net 3.200 Euro. Irgend­wann wur­de er von Schleu­sern fest­ge­hal­ten. Zwei Wochen lang lie­ßen sie ihn nicht weiterreisen.

Einen Monat spä­ter hat er Ser­bi­en erreicht. Dort blieb er sie­ben Tage im Lager Preše­vo. Wir ken­nen die Namen der meis­ten Städ­te, durch die er gereist ist, weil er uns Nach­rich­ten geschickt hat. Die Screen­shots davon haben wir bis heu­te. Sei­ne gesam­te Rei­se dau­er­te sechs Monate.

Was geschah dann?

Er hat uns Fotos geschickt, als er sich auf den Weg zur Gren­ze zwi­schen Ser­bi­en und Bos­ni­en mach­te. Am 24. Novem­ber 2021 hat er uns aus Ser­bi­en ange­ru­fen. Da war er gera­de im »Afghan Park« in Bel­grad, einem Park, in dem sich die Men­schen auf ihrer Flucht tref­fen und aus­tau­schen. Er sag­te zu mir: »Vater, wir haben die Zug­ti­ckets und fah­ren jetzt zur Gren­ze.« Damals wuss­ten wir nicht, wel­che Gren­ze er mein­te. Heu­te wis­sen wir, dass es die Gren­ze zu Bos­ni­en war.

Das war das letz­te Mal, dass wir von ihm gehört haben. Der 24. Novem­ber 2021. Man­che Leu­te sagen, er sei von wil­den Tie­ren gefres­sen wor­den, ande­re behaup­ten, er sei in einem Fluss ertrun­ken. Wir haben bis heu­te kei­ner­lei Infor­ma­tio­nen über Amir. Wir wis­sen nicht, wo er ist.

Das­sel­be gilt für zwei sei­ner Freun­de aus Afgha­ni­stan. Auch sie wer­den ver­misst. Jemand hat uns ange­ru­fen und uns gesagt, alle drei sei­en in einem Fluss ertrunken.

»Man­che Leu­te sagen, er sei von wil­den Tie­ren gefres­sen wor­den, ande­re behaup­ten, er sei in einem Fluss ertrun­ken. Wir haben bis heu­te kei­ner­lei Infor­ma­tio­nen über Amir. Wir wis­sen nicht, wo er ist.«

Aimal

Kann­te Amir die bei­den jun­gen Män­ner schon vorher?

Aimal: Er hat­te sie in der Tür­kei ken­nen­ge­lernt, und noch einen drit­ten. Sie haben zu Amir gesagt, dass er nicht mit Schleu­sern rei­sen sol­le, son­dern mit ihnen. »Wir brin­gen dich nach Ser­bi­en«, sag­ten sie. Also ist er gemein­sam mit ihnen nach Ser­bi­en gereist, und sie wur­den Freun­de. Auf den Fotos kann man die vier zusam­men sehen. Einer der Jun­gen, mit denen Amir unter­wegs war, ist heu­te in der Schweiz. Er lebt.

Wie wür­det Ihr Amir beschrei­ben? Wart Ihr über­rascht, dass er ganz allein nach Euro­pa auf­bre­chen woll­te, oder ent­sprach das sei­nem Wesen?

Bibi Zarg­hu­na (Mut­ter): Amir ist ein sehr aus­ge­gli­che­ner und freund­li­cher Mensch. Er ist immer gut mit allen aus­ge­kom­men und hat­te enge Freund­schaf­ten. Selbst sein Essen hat er mit sei­nen Freun­den geteilt. Er ist ein­fach ein guter Mensch.

Er hat die Schu­le bis zur vier­ten Klas­se besucht. Wegen unse­rer finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten konn­ten wir dann das Schul­geld nicht mehr bezah­len. Des­halb habe ich ihn in eine Schmuck­werk­statt gebracht, wo er Arm­bän­der her­stell­te. Amir war noch sehr jung, viel­leicht neun oder zehn Jah­re alt, als er dort anfing. Damals haben wir in Jalal­abad in Afgha­ni­stan gelebt. Er hat bei sei­nen Meis­tern Qasim und Nasim Jewe­ler in der Ban­gri-Wala­no-Stra­ße gear­bei­tet. Heu­te woh­nen wir in einer afgha­ni­schen Sied­lung in Pakistan.

Was hat­te Amir vor? 

Bibi Zarg­hu­na: Wenn wir zusam­men­sa­ßen, sag­te er immer: »Ich habe Träu­me. Ich möch­te Geld ver­die­nen und ein gutes Ein­kom­men haben. Ich möch­te die Träu­me mei­ner Schwes­tern ver­wirk­li­chen.« Er hat unse­re Schwie­rig­kei­ten gese­hen und woll­te uns helfen.

Als 2021 die Tali­ban Afgha­ni­stan über­nom­men haben, sind wir nach Paki­stan geflo­hen. Amir war dar­über sehr unglück­lich. Nach einem Monat ist er nach Afgha­ni­stan zurück­ge­kehrt und hat da bei sei­nem Onkel in Kabul gelebt.

Bibi Zarg­hu­na, wie vie­le Kin­der habt Ihr? 

Bibi Zarg­hu­na: Ich habe drei Söh­ne und fünf Töch­ter – ins­ge­samt acht Kin­der, ein­schließ­lich Amir. Zwei Töch­ter und ein Sohn sind älter als er. Amir war mein vier­tes Kind. Amir war unse­re größ­te Hoff­nung. Wir glaub­ten, dass er eines Tages der Fami­lie hel­fen wür­de. Unser ältes­ter Sohn hat psy­chi­sche Pro­ble­me. Jetzt will er Amir nach­ge­hen. Er ist 21. Er will Amir suchen.

Wie erlebt Ihr die­se schwe­re Situa­ti­on als Fami­lie? Sprecht Ihr oft über Amir, oder ist das zu schmerzhaft?

Bibi Zarg­hu­na: Wir spre­chen jeden Tag über Amir. Es ver­geht kein Tag, an dem wir nicht an ihn den­ken oder über ihn reden. Und jedes Mal trau­ern wir erneut. Eigent­lich trau­ern wir jeden ein­zel­nen Tag. Beson­ders sein älte­rer Bru­der lei­det sehr unter sei­nem Verschwinden.

Und wie sind die Näch­te? Fin­det Ihr da etwas Ruhe?

Bibi Zarg­hu­na: Wir wachen auf, set­zen uns zusam­men und spre­chen über ihn. Wir erin­nern uns an alles, was er gesagt hat. Wir schau­en uns sei­ne Vide­os und Fotos an. Nicht ein­mal fünf Minu­ten lang kön­nen wir ihn vergessen.

Tama­na (jüngs­te Schwes­ter): Ich habe zu unse­rer Mut­ter gesagt: »Amir wird zurück­kom­men. Wir dür­fen ihn nicht ver­ges­sen.« Ich habe viel gebe­tet. Dann erschien Amir in mei­nem Traum. Er sag­te mir, dass er lebt. Dass er bei bru­ta­len, gewalt­tä­ti­gen Men­schen gewe­sen ist, aber lebt.

»Nicht zu wis­sen, was mit ihm gesche­hen ist – dar­un­ter lei­den wir am meis­ten. Jede Sekun­de war­ten wir auf irgend­ei­ne Nach­richt über ihn.«

Amil

Der­zeit läuft ein Pro­jekt der Inter­na­tio­na­len Kom­mis­si­on für ver­miss­te Per­so­nen (ICMP), bei dem DNA-Pro­ben von in Bos­ni­en gefun­de­nen Lei­chen und den Fami­li­en von Ver­stor­be­nen unter­sucht wer­den. Ihr nehmt dar­an teil.

Aimal: Ja. Wir haben unse­re DNA-Pro­ben nach Bos­ni­en geschickt.

Was erhofft Ihr Euch von die­sem DNA-Test?

Aimal: Bis heu­te hat uns nie­mand das Ergeb­nis des DNA-Tests mit­ge­teilt. Wir erwar­ten gute Nach­rich­ten. Wir hof­fen, dass Amir lebt. Dass er nicht unter den Toten ist. Unse­re gan­ze Fami­lie glaubt dar­an, dass er noch am Leben ist. Wir den­ken nicht, dass er tot ist.

Bibi Zarg­hu­na: Bit­te – wenn irgend­je­mand Infor­ma­tio­nen über Amir hat, tei­len Sie sie uns mit. Wenn er lebt, möge Gott ihn zu uns zurück­brin­gen. Wenn ihm etwas Schlim­mes zuge­sto­ßen ist, dann sagen Sie es uns bit­te. Das wür­de mei­nen Schmerz lindern.

Wir leben ohne­hin mit Krank­heit, Armut und gro­ßem Kum­mer. Jetzt tra­gen wir zusätz­lich die­sen Schmerz der Unge­wiss­heit. Wir müs­sen ein­fach wis­sen, ob er lebt.

Ich kann mir vor­stel­len, dass die­se Unge­wiss­heit sehr schmerz­haft ist. Wenn Ihr an die DNA-Tests denkt: Wäre es Euch lie­ber, sei­nen Leich­nam zu fin­den als über­haupt nichts über sein Schick­sal zu wissen?

Amil: Unse­re Träu­me sagen uns, dass Amir lebt. Wir haben immer noch Hoff­nung. Aber ein gan­zes Leben lang zu war­ten, ohne jemals Gewiss­heit zu haben, wäre noch schmerz­haf­ter, als an einem Tag zu erfah­ren, dass er nicht mehr am Leben ist. Nicht zu wis­sen, was mit ihm gesche­hen ist – dar­un­ter lei­den wir am meis­ten. Jede Sekun­de war­ten wir auf irgend­ei­ne Nach­richt über ihn. Trau­er ist etwas, das wir durch­ste­hen könn­ten. Aber die­se Unge­wiss­heit ist wie Folter.

Den Kon­takt zu Fami­lie Khan haben wir über unse­re ser­bi­sche Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on klik­Ak­tiv bekom­men. Klik­Ak­tiv hat im Juli 2026, unter­stützt von PRO ASYL, einen Bericht zu Todes­fäl­len und Fäl­len von Ver­schwin­den auf der Bal­kan­rou­te ver­öf­fent­licht, den wir hier zusam­men­fas­sen. Amirs Geschich­te ist einer der Ein­zel­fäl­le, von dem der Bericht erzählt. Das Inter­view wur­de von Agnes Lisa Weg­ner mit Hil­fe einer Dol­met­sche­rin geführt.