09.05.2026
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Minire in der Innenstadt von Ellwangen. Foto: Jonas Bickmann / PRO ASYL

Minire Neziri wurde abgeschoben, als sie 14 war. Dabei ist sie in Deutschland geboren und hat hier ein ganz normales Leben als Kind und Jugendliche geführt. Später hat sie damit begonnen, ihre Erfahrungen in Texten zu verarbeiten. Und mittlerweile ist sie wieder in Deutschland. Sie hat uns im März in ihrer Heimat Ellwangen ihre Geschichte erzählt.

Mini­re, du hast knapp zehn Jah­re nach dei­ner Abschie­bung in den Koso­vo einen berüh­ren­den Text auf unse­rer Sei­te ver­öf­fent­licht. Wie kam das damals zustande?

Das war das ers­te Mal, dass ich damals über­haupt dar­über geschrie­ben habe, dass ich das auf irgend­ei­ne Art und Wei­se ver­ar­bei­tet habe. Ich glau­be, ich habe euch damals ange­schrie­ben und gefragt, ob ihr das ver­öf­fent­li­chen wollt.

Da ging es um dei­ne Abschie­bung im Jahr 2005. Kannst du uns erzäh­len, wie das abge­lau­fen ist? 

Tat­säch­lich habe ich in der Nacht bei mei­ner Mama im Zim­mer geschla­fen und die hat mich geweckt: Wir müs­sen jetzt gehen. Ich wer­de wach und sehe Polizist*innen im Flur ste­hen. Wir hat­ten dann etwas Zeit, Kof­fer zu packen und dann ging es schon wei­ter nach Heil­bronn und zum Flie­ger nach Baden-Baden.

Kam das für dich über­ra­schend?

Über­ra­schend war es tat­säch­lich nicht. Für mich war das The­ma aber »Erwach­se­nen­zeug«. Ich wuss­te ein­fach nur, dass wir »auf Dul­dung« waren. Das ist das Wort, das mir von damals noch ein­fällt: »Wir haben eine Dul­dung«. Aber was bedeu­tet das? Ich mei­ne, ich habe ganz nor­mal gelebt. Ich bin zur Schu­le gegan­gen, ich habe Freun­de gehabt, ich habe Fuß­ball gespielt. Und das war dann von einem auf den ande­ren Tag weg.

»Mir war damals auch noch gar nicht bewusst, was für Kon­se­quen­zen die­se Nacht eigent­lich wirk­lich haben wird.«

Als wir damals immer häu­fi­ger von Abschie­bun­gen hör­ten, ist es schon ein biss­chen kon­kre­ter gewor­den, die­se Angst und die­se Para­noia. Wir haben auch teil­wei­se des­halb nicht zuhau­se über­nach­tet. Da habe ich mich erst damit beschäf­tigt, dass ich »Flücht­ling« bin, sonst habe ich ja nichts ande­res gemacht, als mei­ne Freun­de. Mir war damals auch noch gar nicht bewusst, was für Kon­se­quen­zen die­se Nacht eigent­lich wirk­lich haben wird.

Wie war denn dein Leben nach der Abschiebung?

Mein Leben im Koso­vo war ein ande­res Leben. Eins, das gar nicht meins war. Dort hat sich heut­zu­ta­ge auch viel geän­dert, aber damals hieß es dann zum Bei­spiel: »Mäd­chen spie­len kei­nen Fuß­ball«. Für mich war das ein Schock. Ich war 14, Fuß­ball war immer ein Teil mei­nes Lebens, und plötz­lich war es ver­pönt. Das fand ich schon sehr unfair.

Sonst waren die ers­ten Mona­te nach der Abschie­bung nicht so schlimm. Ich erin­ne­re mich noch an die Schlag­lö­cher beim Weg vom Flug­ha­fen, aber wir hat­ten ja auch das Glück, dort bei der Fami­lie unter­kom­men zu kön­nen. Das Glück haben nicht alle. Und es war Som­mer, es war viel Besuch da, es gab Hochzeiten.

Aber dann hat sich der All­tag ein­ge­schli­chen und ich war abso­lut scho­ckiert, als ich in die Schu­le kam. Ich war die deut­sche Schu­le gewohnt. Dort kom­me ich ins Zim­mer – kaput­te Bän­ke und in der Ecke steht ein Holz­ofen. Da fragst du dei­nen Sitz­nach­barn: »Wofür ist der Ofen denn da?« »Damit hei­zen wir im Win­ter«. Zuhau­se sag­te ich heu­lend mei­nen Eltern: »Ich gehe da nicht mehr hin«. Sie haben das akzeptiert.

Was hast du dann statt­des­sen gemacht?

Gute Fra­ge. Ich habe Tele­no­ve­las geschaut, ein biss­chen Sport. Und es hat nicht lan­ge gedau­ert, bis ich ange­fan­gen habe, zu schrei­ben. Aller­dings nichts Auto­bio­gra­fi­sches, son­dern Fik­ti­on, das war mein Ven­til sozu­sa­gen. Irgend­wann habe ich aus Zufall mit Online­mar­ke­ting ange­fan­gen, das lief auch gut. Ich habe mein eige­nes Geld ver­dient. Aber trotz­dem hat da im Hin­ter­grund immer irgend­was gefehlt. Und dann kam auch der Ent­schluss, zurück nach Deutsch­land zu gehen. Über eine Aus­bil­dung, weil das der lega­le Weg war.

Hat es für dich kei­ne Rol­le gespielt, dass Deutsch­land das Land ist, das dich damals abge­scho­ben hat?

So habe ich es gar nicht gese­hen, weil mitt­ler­wei­le kann ich ja auch die Hin­ter­grün­de mit den abge­lehn­ten Asyl­an­trä­gen ver­ste­hen. Aber die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar – und das gilt auch für Migran­ten. Was damals ablief, das war schon men­schen­un­wür­dig. Das macht schon etwas aus, das hin­ter­lässt Spu­ren, gera­de auch bei Kin­dern und Teenagern.

Was sind das für Spu­ren konkret?

Zual­ler­erst: Sicher­heit. Ich glau­be, man bekommt einen ganz ande­ren Blick auf Sicher­heit. Für mich ist Sicher­heit nichts Selbstverständliches.

»Das war glau­be ich nach vie­len Jah­ren das ers­te Mal, dass ich nicht mehr im Inne­ren dach­te, dass die Sicher­heit, die ich gera­de habe, in jedem Moment kip­pen kann.«

Ich habe mitt­ler­wei­le mei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis. Als ich damals die Kar­te abge­holt habe, saß ich im Auto und habe mei­ne Mama ange­ru­fen. Und dann saß ich gefühlt eine hal­be Stun­de da und habe ein­fach in die Luft gestarrt. Das war glau­be ich nach vie­len Jah­ren das ers­te Mal, dass ich nicht mehr im Inne­ren dach­te, dass die Sicher­heit, die ich gera­de habe, in jedem Moment kip­pen kann.

Hat­test du nach der Abschie­bung noch Kon­takt zu Leu­ten hier, zu Freund*innen aus der Schule?

Die ers­ten Jah­re weni­ger, aber mit Social Media dann sehr viel, das hat sich gehal­ten. Bis heute.

Du bist ja direkt in die Gegend zurück­ge­kom­men, in der du auch frü­her warst. War das ein Neuanfang?

Eher ein zwei­ter Anfang. Ich hat­te noch ganz vie­le tol­le Freun­de von frü­her, die mir schon direkt geschrie­ben haben und sich tref­fen woll­ten, bevor ich über­haupt wie­der hier war. Und mei­ne gro­ße Schwes­ter hat schon hier gelebt, sie wur­de damals nicht abge­scho­ben, weil sie ver­hei­ra­tet war.

Ein­fach nur einen Schritt machen.
Ohne Zwei­fel.
Ohne Druck.
Ohne Erwar­tun­gen.
Ohne Regeln,
die nie laut aus­ge­spro­chen wurden
und die doch jeder kannte.

Wie sich das wohl anfühlt?

Ein Land verlassen,
zurück­ge­hen –
nicht nur ein Ortswechsel.

Eine klei­ne gro­ße Rebellion.
Ein Riss zwi­schen zwei Welten,
scharf geschnit­ten,
bren­nend wie ein Feuer.

Kein sicht­ba­res Feuer. 
Nicht für andere.
Nur tief in dir.

Eine Woh­nung allein.
Nicht nur vier Wände.
Nicht nur ein Schlüssel.

Eine lei­se lau­te Entscheidung,
dass das Leben –
mein Leben –
auch wirk­lich mir gehö­ren darf.

Eine Aus­bil­dung.
Nicht nur arbei­ten und lernen.
Ein Ticket.
Ein Visum.
Eine Mög­lich­keit zu kommen
und zu bleiben.

Trotz allem.
Oder viel­leicht gera­de deshalb.

Ein Job­wech­sel.
Kei­ne Karrierefrage.
Die Suche nach mehr Sinn.

Der Mut,
trotz Ängs­ten und Sorgen
Bequem­lich­keit gegen Herausforderung
und Sicher­heit gegen Hoffnung
ein­zu­tau­schen.

Und wenn der Kör­per sich erinnert –
an Näch­te,
an Tage,
an Situa­tio­nen vol­ler Kontrollverlust,
an Sta­bi­li­tät,
die inner­halb eines Wim­pern­schlags zerbricht,
an Sicher­heit,
die plötz­lich verschwindet,
weil sie nie wirk­lich eine war –

dann kos­tet ein Schritt
unglaub­lich viel Kraft.

Ande­re pla­nen ihr Leben.
Ich habe mir meins
Stück für Stück zurückgeholt.

Viel­leicht schlägt des­halb mein Herz manch­mal schneller,
wenn Din­ge noch nicht sicher sind.

Viel­leicht fühlt sich deshalb 
„aus­rei­chend sein“ 

manch­mal so fremd an.

Weil mein Leben
nie aus­rei­chend war.
Es war oft
alles oder nichts.

Kein Dazwi­schen.

Und trotz­dem
bin ich weitergegangen.
Und wer­de weitergehen.

Nicht, weil ich kei­ne Angst mehr habe.
Son­dern weil ich gelernt habe,
dass ein Schritt
manch­mal alles ver­än­dern kann.

Die Aus­bil­dung, die du gemacht hast: Was war das für eine?

In der Hotel­le­rie. Das war zwar nicht mein Traum­be­ruf, aber es gab nicht viel Aus­wahl und ich bin froh über die Erfah­run­gen. Aber natür­lich hat man da auch ande­re Hür­den, wenn man über die­sen Weg nach Deutsch­land kommt.

Wel­che meinst du?

Ein­fach so die Aus­bil­dung zu wech­seln kam damals nicht in Fra­ge, weil der Auf­ent­halt dar­an geknüpft war. Es gibt Auf­la­gen: Zum Bei­spiel hat man als Fach­kraft eine Bran­chen­sper­re. Als ich zusätz­lich noch einen Mini­job machen woll­te, habe ich eine Extra-Arbeits­ge­neh­mi­gung gebraucht. Da war viel Druck dabei. Freun­de von mir mit deut­scher Staats­bür­ger­schaft hat­ten viel mehr die Frei­heit zu sagen: »Das liegt mir nicht, ich mache etwas anderes«.

Du hast dann einen wei­te­ren Text auf unse­rer Sei­te ver­öf­fent­licht, wo du auch von dei­nem Ver­such der Ein­bür­ge­rung erzählst. Wie sieht es damit aus?

Der Antrag wur­de Sep­tem­ber 2024 gestellt und ist lei­der noch nicht abge­schlos­sen. Ich bin aber auch umge­zo­gen und habe mei­nen Job gewech­selt. Solan­ge ich  noch in der Pro­be­zeit bin, kann das nicht wei­ter bear­bei­tet wer­den. Ich hof­fe, im Som­mer ist es so weit. Auch wenn ein Pass allein natür­lich auch kei­ne Iden­ti­tät ausmacht.

Fühlst du dich denn als Deutsche?

Ja, schon. Also ich den­ke Deutsch. Gib­t’s was Deut­sche­res, als Deutsch zu den­ken? Und die deut­sche Spra­che war schon immer Teil mei­ner Iden­ti­tät. Ich schrei­be ja auch viel und haupt­säch­lich auf Deutsch.

Du arbei­test jetzt »aus­ge­rech­net« in einer Aus­län­der­be­hör­de. Ist dei­ne Geschich­te ein The­ma auf der Arbeit?

Nein, das ist kein gro­ßes The­ma. Sie wuss­ten Bescheid, ich habe es am Anfang auch ab und zu bei­läu­fig erwähnt. Eine Kol­le­gin hat mich etwas tie­fer gefragt, wie das damals ablief. Aber es wird ins­ge­samt sehr respekt­voll damit umgegangen.

»Das ist für mich auch nicht nur ein Job. Es hat für mich etwas mehr Bedeutung.«

Und wie ist es für dich, dort zu arbeiten?

Vie­le fin­den es iro­nisch, dass ich dort arbei­te, und das ist es viel­leicht auch ein biss­chen. Aber dafür ist es für mich auch nicht nur ein Job. Es hat für mich etwas mehr Bedeu­tung. Für mich ist es schon sehr wich­tig, dass man nicht ver­gisst, dass hin­ter der Akte ech­te Men­schen mit ech­ten Lebens­ge­schich­ten stehen.

Vor allem, als ich das ers­te Mal eine Fik­ti­ons­be­schei­ni­gung abge­stem­pelt habe: Da habe ich mich schon gefragt, ob das gera­de wirk­lich ich bin, die das macht. Frü­her war ich ja selbst auf sol­che Doku­men­te ange­wie­sen. Aber ich bin wirk­lich froh, da zu sein und hof­fe, dass mei­ne Erfah­rung hilf­reich sein kann, in bestimm­ten Situa­tio­nen sen­si­bler mit Men­schen umzugehen.

Vor nicht mal einem Jahr war ich noch die Antrag­stel­le­rin – die­je­ni­ge, die Unter­la­gen ein­rei­chen musste.
 
Zeug­nis­se, 
Wohn­raum­be­schei­ni­gung, 
Lohn­ab­rech­nun­gen, 
fri­sche, aktu­el­le Passbilder.
 
Ich war die­je­ni­ge, die gewar­tet hat. 
Auf eine Mail. 
Auf einen Brief. 
 
Ich war die­je­ni­ge, die gehofft hat, dass es reicht.
 
Das waren Zei­ten, in denen ich das Gefühl hat­te, in der Luft zu hängen. 
Zei­ten, in denen exis­ten­zi­el­le Ängs­te kein Fremd­wort für mich waren.
 
Und jetzt sit­ze ich plötz­lich in einem Büro und bin die­je­ni­ge, die ande­re Akten in der Hand hält. 
Die Anträ­ge vor sich lie­gen hat. 
Die Unter­la­gen prüft und nachfordert.
 
Ich bin die­je­ni­ge, die die­se Mails schreibt, 
die die­se Brie­fe rausschickt, 
auf die ich selbst so oft gewar­tet habe.
 
Ich bin die­je­ni­ge, die Doku­men­te ausstellt, 
die sie stem­pelt und unterschreibt.
 
Wie beschreibt man die­ses sur­rea­le Gefühl?
 
Wie beschreibt man das Gefühl, im Sys­tem auf Zustim­mung zu einem Visum­an­trag zu klicken? 
Wenn man einem Fami­li­en­va­ter die Mail schickt, 
dass sei­ne Frau und sei­ne Kin­der bald nach­kom­men dürfen?
 
Und dann:
 
Die ers­te Ablehnung.
 
Die­ses komi­sche, mul­mi­ge Gefühl, 
das sich in mir breitmacht, 
das ich noch nicht rich­tig ein­ord­nen kann.
 
Die Tat­sa­che, dass vie­les so kom­plex ist, 
dass man viel nach­den­ken muss, 
viel abwä­gen, 
viel begrün­den.
 
Und dass es manch­mal trotz­dem nicht reicht.

Trotz­dem hast du mal gesagt, du willst nicht als »Bei­spiel für gute Inte­gra­ti­on« gelten.

Ja, ich habe die Bezeich­nung »Para­de­bei­spiel für erfolg­rei­che Inte­gra­ti­on« jetzt schon ein paar Mal gehört. Einer­seits ehrt es mich, weil das auch mei­nen Weg wür­digt und ich viel gekämpft habe um dahin zu kom­men. Aber ande­rer­seits sehe ich das etwas dif­fe­ren­zier­ter, es ist nicht so schwarz-weiß. Wenn ich ein deut­sches Kind gewe­sen wäre, das mit 14 mit den Eltern in die USA zieht und vie­le Jah­re spä­ter zurück­kehrt wür­de ja auch nie­mand sagen: »Du bist aber gut inte­griert«. Aber das ist ja an sich die glei­che Geschich­te. Und Men­schen sind unter­schied­lich. Ich bin hier gebo­ren und auf­ge­wach­sen. Nicht jeder hat die glei­che Unter­stüt­zung. Ich will nicht als Maß­stab die­nen, um ande­re »abzu­wer­ten«.

(Inter­view: mk)

Mini­re Nezi­ri, gebo­ren 1991 in Ell­wan­gen, lebt und arbei­tet heu­te in Süd­deutsch­land. Nach ihrer Abschie­bung im Jahr 2005 kehr­te sie 2019 mit Visum nach Deutsch­land zurück, absol­vier­te erfolg­reich eine Aus­bil­dung und ver­öf­fent­lich­te seit­her meh­re­re auto­bio­gra­fi­sche Texte. 

Insta­gram: Mini­re Neziri