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Herbert Leuninger 9. November 1998
Gedenkveranstaltung MENSCHENRECHTE SIND FÜR ALLE DA!
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Die Bevölkerung hat den Entzug der Menschenrechte bei ihren
Nachbarn, der nach und nach erfolgte, schweigend hingenommen;
sie hat sich an den Anblick der Unmenschlichkeit gewöhnt.
Nur wenige haben geahnt, dass am Ende alle Menschenrechte entzogen
werden, sogar das Recht auf Leben.
Mit dem Grundgesetz hat sich die Bundesrepublik auf die Geltung
der Menschenrechte in ihrem Hoheitsgebiet verpflichtet. Die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948
wurde weitgehend in nationales Recht gegossen. Dazu zählte
auch das Menschenrecht auf Asyl. Es wurde individuelles, einklagbares
Recht, einmalig und erstmalig in der internationalen Rechtsgeschichte.
Dies geschah auf dem Hintergrund des Holocaust und der Flucht
von 700.000 Menschen aus dem Reichsgebiet. Nie sollten Menschen,
die politisch verfolgt waren, an der Grenze der Bundesrepublik
zurückgewiesen werden.
Und was mussten wir seit 1977 erleben? Den schrittweisen Abbau
von Zugangs-, Lebens- und Verfahrensrechten für Flüchtlinge.
Fast 40mal wurden Gesetze und Verordnungen verändert, um
das Menschenrecht auf Asyl wieder einzuschränken.
1993 schliesslich beschloss eine Zweidrittelmehrheit des Bundestages
die weitgehende Abschaffung des Grundrechts auf Asyl. Das war
aus meiner Sicht der Abschied von einer zentralen historischen
Verpflichtung.
Aber nicht genug damit: Neben dem Bundessozialhilfegesetz gibt
es ein eigenes Leistungsgesetz für Asylbewerber. Flüchtlinge
im Verfahren werden schlechter versorgt als andere Empfänger
der Sozialhilfe. U.a. erhalten sie Gutscheine, mit denen sie an
jeder Ladenkasse als zweitklassige Käufer gebrandmarkt sind.
Das inzwischen noch weiter verschärfte Gesetz schafft Menschen
zweiter Klasse inklusive Lagerunterbringung und Versorgung unter
der Armutsgrenze. An den Grenzen Deutschlands und der Europäischen
Union sorgen Nachtsichtgeräte, Staffeln deutscher Schäferhunde,
Hubschrauber und Schnellboote dafür, dass möglichst
keine Flüchtlinge in die Festung Europa gelangen. Im offiziellen
Sprachgebrauch ist das Wort Flüchtling durch den illegalen
Zuwanderer ersetzt. Wir haben ein neues Feindbild.
Rot-Grün hat sich nicht darauf verständigt, hier etwas zu verbessern. Dabei kann es nicht bleiben. Die Einschrän- kungen im Asylrecht sind Teil der sozialen Demontage in der Bundesrepublik. Wer dies korrigieren will, muss es in der ganzen Breite der Menschenrechte tun. Die Pogromnacht entlässt niemanden aus dieser Pflicht.