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Süddeutsche Zeitung MÜNCHEN
Dienstag, 29. Juni 1999
Schleißheimer Straße: "Geht doch zurück
zu Milosevic"
Überfüllte Zimmer, kein Warmwasser, verdorbenes Fleisch
400 Menschen sprechen von unerträglichen Zuständen
Von Monika Maier-Albang
Aus Lager an den Grenzen zum Kosovo hat man sie nach Deutschland
geholt, um ihnen eine menschenwürdige Unterbringung zu ermöglichen.
Doch die Freude über die Aufnahme währte bei den Kontingent-Flüchtlingen,
die in der Unterkunft an der Schleißheimer Straße
430 einquartiert wurden, nur kurz: überfüllte Zimmer,
arrogantes Personal und kaputte Sanitäranlagen sind nur einige
der Beschwerden, die die Bewohner jetzt in einer Petition aufgelistet
und an die zuständige Regierung von Oberbayern verschickt
haben - mit Durchschlag an das UN-Flüchtlingskommissariat.
Als Reaktion auf das Schreiben hat die Regierung für heute
eine Visite in der Unterkunft und ein Treffen mit Flüchtlingsvertretern
anberaumt.
Unglücklich sind die etwa 400 Kontingent-Flüchtlinge
aus dem Kosovo vor allem über die drangvolle Enge in der
Unterkunft: Bis zu sechs Personen zwängten sich momentan
in 25-Quadratmeter-Zimmer, klagt Ramiz Thaqi, der gewählte
Ratsvorsitzende der Unterkunft. Die sanitären Anlagen seien
"veraltet und beschädigt", keine der Duschen könne
abgesperrt werden, in einer der ehemaligen Kasernengebäude
gebe es gar kein warmes Wasser. Viele Flüchtlinge, sagt Thaqi,
"haben mir schon gesagt, die Situation sei für sie im
Lager Stankovac erträglicher gewesen als in München".
Hier in München nämlich mußten sich zeitweise
500 Personen vier Waschmaschinen teilen. Pro Küche funktionieren
meist nur zwei oder drei Kochplatten, viele Küchen blieben
ganz verschlossen, "ohne daß wir wissen, warum",
heißt es in der Petition. Für die Familien bedeutet
dies: Schlange stehen, bis man die ungeliebten Lebensmittelpakete
verwerten kann. Immer wieder, klagen die Flüchtlinge, müßten
sie "mit Bedauern" auch Lebensmittel wegwerfen, die
verderben, weil kein Platz in den wenigen Kühlschränken
sei. Es sei sogar schon verdorbenes Fleisch ausgeliefert wurde.
"Wir sind dem deutschen Staat und dem deutschen Volk dankbar
für seine Gastfreundschaft", sagt Thaqi - der Satz ist
auch der Petition vorangestellt. Dennoch: "Die Zustände
sind unerträglich."
Dies gelte vor allem für den "arroganten" Umgangston
in der Unterkunft. Sowohl Ramiz Taqui als auch dem Bayerischen
Flüchtlingsrat liegen Klagen über Wachpersonal und Heimleitung
vor. Ein mittlerweile versetzter Mitarbeiter des von der Regierung
beauftragten Wachdienstes soll beispielsweise ein Kind geschlagen
haben. Verärgert sind die Flüchtlinge auch über
die Heimleiterin. Sie habe einer jungen Albanerin, die einmal
bei der Essensausgabe fehlte, weitere Lebensmittelpakete mit den
Worten "Die muß bestraft werden!" vorenthalten.
Erst auf die Intervention einer Refugio-Mitarbeiterin hin habe
die Frau ihr Essen bekommen. Auf Beschwerden reagiere die Heimleiterin
regelmäßig mit Aussagen wie "Geht doch zurück
zu Milosevic!" Michael Stenger vom Flüchtlingsrat sieht
darin einen Kündigungsgrund. Der Sprecher der Regierung von
Oberbayern, Lorenz Sanktjohannser, weist die Vorwürfe zum
Teil zurück. Ihm sei die Heimleiterin als "kompetent"
und "zuverlässig" beschrieben worden. Man werde
den Beschwerden jedoch nachgehen. Auch will sich die Regierung
nicht nachsagen lassen, die Sanitäranlagen seien in verwahrlostem
Zustand. "Sie sind unserer Auffassung nach angemessen. Alles,
was kaputt geht, wird ersetzt."
Allerdings werde man in die ehemalige Kaserne "nicht mehr
zu viel reinrichten", da der Mietvertrag zum Jahresende auslaufe.
Die Probleme mit den Duschen stehen bei dem heutigen Gespräch
auf der Tagesordnung. Nichts zu machen sei aber bei den Essenspaketen.
Hier habe der Gesetzgeber eine klare Regelung getroffen. Und es
sei auch richtig, findet Sanktjohannser, daß kein Geld ausgezahlt
wird. "Wir wundern uns schon über manche Forderungen
von Leuten, die aus so großem Elend kommen."
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