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Bernd Mesovic, PRO ASYL
Rede zur Demonstration vor der
Abschiebungshaftanstalt Ingelheim am 29. Juni 2002
Die Sprache der deutschen Asylpolitik ist verschleiernd und
lügenhaft. Lager werden hierzulande Gemeinschaftsunterkünfte genannt.
Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Menschen heißt vornehm Residenzpflicht.
Ein Gesetz, auf dessen Grundlage nach den Vorstellungen des Bundesinnenministers
erklärtermaßen weniger Menschen als zuvor in dieses Land kommen sollen,
wird als Zuwanderungsgesetz tituliert. Ein Amt, dessen Haupttätigkeit
in den vergangenen Jahren darin bestand, Asylanträge abzulehnen, hieß
bislang Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge. Leistungsberechtigte
(nach dem Asylbewerberleistungsgesetz), sind Menschen, denen man das reguläre
Existenzminimum vorsätzlich vorenthält und die man mit Sachleistungen
abspeist. Flüchtlinge, die man bei der Flucht aus dem Herkunftsland immerhin
noch als solche bezeichnet hat, werden zu ‚illegalen Migranten‘, wenn
sie sich unseren Grenzen oder denen anderer EU-Staaten nähern.
Wo immer wir auf diesen
Orwellschen New-Speak treffen, wissen wir: Die Verrohung der Sprache begleitet
die Entrechtung der Menschen.
Mit der Verankerung der
sogenannten Ausreiseeinrichtungen im neuen Zuwanderungsgesetz ist die asylpolitische
Rhetorik um einen Euphemismus reicher. Was für den Laien klingen mag wie die
Sonderform eines Reisebüros, ist in der Realität nichts anderes als eine Einrichtung
zur Zermürbung und Demoralisierung von Menschen.
Zermürbung und Demoralisierung
sind nicht Nebenprodukte des Versuchs, Menschen zur Rückkehr ins Herkunftsland
und zur Kooperation bei der eigenen Abschiebung zu zwingen, sie sind politische
Strategie, sie sind die Hauptaufgabe der Ausreisezentren. Niemand hat dies unverblümter
und unverschämter formuliert als Dietmar Martini-Emden, Leiter der Clearingstelle
für Flugabschiebungen und Passbeschaffung hier in Rheinland-Pfalz, einer Metastase
des Abschiebungskomplexes, vor dem wir stehen. Ausreisepflichtige sollen in
eine gewisse Stimmung der Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit versetzt werden,
so Martini-Emden in einem Strategiepapier.
Danke, Herr Martini-Emden,
danke für Ihre Offenheit, mit der Sie Ihre Absicht, Menschen zu zermürben, wenigstens
einmal nicht mit dem verschleiernden Geschwätz von psychosozialer Beratung und
Betreuung getarnt haben, die in solchen Ausreiseeinrichtungen angeblich stattfindet.
Danke, dass Sie das ausländerpolitische Lernziel, die brutal zu erteilende Lektion
dieses Ausreisezentrums hier in Ingelheim so klar benennen: die Produktion von
Hoffnungslosigkeit. Menschen die Hoffnung zu nehmen – auf Schutz, den sie hierzulande
gesucht haben, oder auf ein erträgliches Leben.
Herr Martini-Emden, Ihre
Formulierung macht deutlich, dass es neben der Bereitstellung von Gebäuden für
Ausreiseeinrichtungen offenbar auch jener sattsam bekannten Überzeugungstäter
bedarf, um Menschen – im gesetzlich vorgegebenen Rahmen natürlich – zu quälen.
Mit ein wenig Schergenmentalität
disqualifiziert man sich in diesem Land keineswegs für herausgehobene Positionen
im öffentlichen Dienst.
Das neue Zuwanderungsgesetz
sieht vor, dass die Länder Ausreisezentren schaffen können. Damit werden die
bislang schon in einer rechtlichen Grauzone existierenden Modellprojekte auf
eine gesetzliche Grundlage gestellt. Im Klartext: Unter einer rotgrünen Bundesregierung
wird das erbärmliche und exzessiv genutzte System der Abschiebungshaft nicht
eingeschränkt, geschweige denn abgeschafft – es wird um ein Element erweitert.
Die Einrichtung von Ausreisezentren und die Fortschreibung des Abschiebungshaftsystems
sind die dunkle - quasi vormoderne - Seite des Zuwanderungsgesetzes – eines
Gesetzes, das Otto Schily unablässig als eines der modernsten in Europa preist.
Die geplanten Ausreisezentren
werden der Öffentlichkeit als quasi-pädagogisches Modell verkauft. Angeblich,
so viele Politiker, sind sie die Alternative zur Abschiebungshaft, das mildere
Mittel. Schaut man genau hin, stellt man fest: Das ist eine Lüge.
Tatsache ist: Keines der
Bundesländer, in denen Ausreisezentren bereits existieren, hat die Abschiebungshaft
abgeschafft oder reduziert.
Überwiegend werden Menschen
in die Ausreiseeinrichtungen hineingezwungen, die aus rechtlichen Gründen nicht
in Haft genommen werden dürfen. Denn der Zweck von Abschiebungshaft ist lediglich
die Sicherung der Abschiebung. Sie dient nicht dazu, die Inhaftierten zu einem
bestimmten Verhalten zu zwingen. Das sollen die Ausreisezentren leisten.
Ausreisezentren sind deshalb
nicht die Alternative zur Abschiebungshaft, sondern ihre brutale Ergänzung.
Der Willkür der einweisenden Behörde sind Tür und Tor geöffnet. Kein Richter
befindet über die Zulässigkeit der Einweisung. Kein Gesetz regelt – anders als
bei der Abschiebungshaft – die Höchstdauer der Unterbringung. Kein Gesetz regelt
ihre Rahmenbedingungen.
Der Alltag der Untergebrachten
ist geprägt von einer Maschinerie zur Produktion von Hoffnungslosigkeit. Es
wirken zusammen: Das Herausreißen der Untergebrachten aus den bisherigen Lebensumständen,
aus ihrer Wohnung, manchmal aus einem Arbeitsverhältnis. Der Verlust von gewachsenen
Kontakten, die strenge Aufenthaltsbeschränkung. Die Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten
durch die drastische Kürzung der ohnehin geringen Sozialleistungen, die Zermürbung
durch ständige Befragung und Behördentermine, Botschaftsvorführungen, Durchsuchungen
der Habe.
Wenn man ganz zynisch sein
wollte, dann könnte man die Ausreisezentren in einem Sinne tatsächlich als Alternative
zur Abschiebungshaft bezeichnen. Eine Möglichkeit mehr als in Abschiebungshaft
bleibt den ins Ausreisezentrum Gezwungenen: das Abtauchen in die Illegalität.
Statt die alltägliche Entrechtung weiter zu ertragen, entscheiden sie sich für
ein weitgehend rechtloses Leben.
Ist das die politisch gewollte
Alternative? Es scheint so. In den Leistungsbilanzen existierender Ausreisezentren
werden Abgetauchte umstandslos als Erfolg verbucht. Wir stehen hier in Ingelheim
vor einer „Landesunterkunft zur Illegalisierung von Flüchtlingen“. So hat sie
der Arbeitskreis Asyl Rheinland-Pfalz schon vor einiger Zeit zu Recht getauft.
Wir erleben ein Crashprogramm der Politik: Angestanden hätte die Legalisierung
wenigstens eines Teils der Hunderttausende, die in Deutschland ohne Status und
Papiere leben. Das wäre das Gebot der Stunde gewesen. Stattdessen erleben wir
ein Illegalisierungsprogramm.
Es ist wichtig, dass wir
die Menschen in diesem Lande immer wieder über die Grauzonen, die verborgenen
Orte, die no-go-areas deutscher Abschottungs- und Abschiebungspolitik informieren.
Über das Elend an unseren Landesgrenzen, über die Situation der Menschen, die
im Flughafentransit interniert werden, über die Unerträglichkeit isolierter
Sammellager.
Heute ist es wichtig, dass
wir uns gemeinsam gegen die Einrichtung weiterer Ausreisezentren wehren. Gibt
es sie erst einmal, so zeigt die Praxis: Sie werden gefüllt - unter allen Umständen.
Gegebenenfalls wird das Recht nachträglich der experimentellen Praxis angepasst.
Auf Zusagen von Politikern, diese oder jene Personengruppe von der Quälerei
im Ausreisezentrum auszunehmen, ist kein Verlass. Der Kreis der Zwangseingewiesenen
wird immer mehr erweitert, das zeigen die Erfahrungen in Rheinland-Pfalz und
Niedersachsen. Auch Kranke und Familien mit Kindern finden sich in Ausreisezentren.
Das ist keine Panne, kein Betriebsunfall. Die parlamentarische Staatssekretärin
im BMI, Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast, hat sich keineswegs verplaudert, sondern
formuliert mit geradezu Martini-Emdenscher Offenheit, wenn sie in einem Brief
an eine bayerische Flüchtlingsinitiative schreibt: „Den besonderen Bedürfnissen
von Frauen, Kindern und Jugendlichen sowie Traumatisierten muss bei der räumlichen
und personellen Ausstattung der Ausreisezentren Rechnung getragen werden.“
Danke, Frau Sonntag-Wolgast,
für das deutliche Bekenntnis zur geschlechtsspezifischen, kindgerechten und
ärztlich begleiteten Zermürbung von Menschen. Niemand kann nach Ihrem Schreiben
mehr behaupten, er habe von nichts gewusst, wenn Kinder, Jugendliche, Traumatisierte
in Ausreisezentren eingewiesen werden. Die erwartbaren Schreckenszenarien sind
politisch vorsätzlich herbeigeführt.
Wie wir alle inzwischen
wissen, sind Herr Schily und Herr Beckstein ausländerpolitisch nicht weit auseinander.
Gelegentlich passt nicht einmal die sprichwörtliche Bildzeitung zwischen unsere
beiden Assimilations- und Abschiebungstheoretiker und –praktiker. Deshalb sollte
man aufmerksam zuhören, wenn Beckstein erklärt, wohin die ausländerrechtliche
Reise in der nächsten Zeit geht. Das Modell Bayern kann nämlich morgen das Modell
Deutschland sein. Es geht längst nicht mehr nur um die Zwangseinweisung von
Ausreisepflichtigen in solche Zentren. Die bayerischen Planungen zielen - wie
auch die Praxis in Niedersachsen - erklärtermaßen darauf, Betroffene, für die
Heimreisedokumente zu beschaffen sind, zu einem möglichst frühen Zeitpunkt in
Ausreisezentren unterzubringen. In der Praxis kann das bedeuten: Flüchtlinge,
die im Asylverfahren als offensichtlich unbegründet abgelehnt wurden, Menschen
aus bestimmten Herkunftsstaaten, die als problematisch gelten, sie alle könnten
sich demnächst in Ausreisezentren wiederfinden. Der Grundstein ist gelegt.
Ausreisezentren sind Abschiebungslabore. Im Asylverfahren
abgelehnte Menschen werden, so die Sprache der Technokraten, den Botschaften
der angeblichen Herkunftsstaaten „angeboten“. Mit welch fragwürdigen Methoden
dabei gearbeitet wird, belegt ein Beispiel aus dem Zuständigkeitsbereich des
Herrn Martini-Emden.
In der Clearingstelle für Passbeschaffung und Flugabschiebungen
in Trier wurde ein abgelehnter Asylbewerber Mitarbeitern des armenischen Konsulats
vorgeführt. Ein Sachbearbeiter dieser Behörde ging mit dem Betroffenen zur Toilette.
Dort hatte der Flüchtling sein Geschlechtsteil zu präsentieren – zwecks Prüfung,
ob er beschnitten sei oder nicht. Offenbar sollte über die via Penis vermutete
Religionszugehörigkeit auf die Staatsangehörigkeit geschlossen werden. Ein möglicherweise
freiwilliges Beweisangebot des Opfers sei dies gewesen, rechtfertigte Herr Martini-Emden
später den Vorgang. So wird die konkrete Unmenschlichkeit mit grobem Unfug gerechtfertigt.
In Bezug auf die Klärung der Staatsangehörigkeit, den ursprünglichen Zweck des
Termins, blieb die Penisschau selbstverständlich ergebnislos.
Dass so etwas in einer deutschen Behörde möglich ist, zeigt
den Geist, der in Ausreisezentren und Clearingstellen herrscht.
Auch der beschriebene Exzess aber hat sich in Herrn Martini-Emdens
Strategiepapier bereits angedeutet. Zur künftigen Zusammenarbeit mit ausländischen
Botschaften bei der Passersatzpapierbeschaffung schlug er vor, es müsse in politischen
Gesprächen eine Reduzierung der Anforderungen erreicht werden. Anforderungen
an den Nachweis oder die Glaubhaftmachung der Staatsangehörigkeit sollen, so
Martini-Emden, „auf einem möglichst niedrig gehaltenen Level vereinbart werden
können, so dass auch Hilfskriterien zu einer Übernahmeverpflichtung führen können.“
Das nahmen seine Mitarbeiter offenbar wörtlich. Sie erreichten den niedrigsten
Level. Der Penis wurde offenbar zum Hilfskriterium bei der Bestimmung der Staatsangehörigkeit.
Natürlich blieb das alles folgenlos: für die beteiligten
Beamten und die Vorgesetzten. Schulterschluss und Corpsgeist in der Beamtenschaft
und die Untätigkeit der politisch Verantwortlichen haben Signalwirkung: weiter
so.
Zwei Bundesländer haben bisher erklärt, auf Ausreisezentren
auch künftig zu verzichten. Lasst uns nun alles dafür tun, damit es mehr werden.
Jede Zeit hat ihre Architektur. An ihren Bauten lässt sich
der Geist einer Gesellschaft am leichtesten ablesen. Das hat Herbert Leuninger
als Vertreter von PRO ASYL hier vor einem Jahr gesagt – über die Mauer von Ingelheim.
Die Mauer vor uns ist eine barbarische Mauer der Festung Europa.
Lasst uns dafür sorgen, dass diese Mauern, wie die Mauern
aller Abschiebungsknäste in diesem Lande, keine Zukunft haben. Kämpfen wir dafür,
dass neue Mauern nicht entstehen, in diesem Europa, das so lange schon von Mauern
geprägt ist. Die Mauern müssen weg. Die Mauer von Ingelheim muss weg.
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