Den Toten Gerechtigkeit
Rom – Was wir oft vergessen: Hinter jedem Menschen, der bei der Überquerung des Meeres umkommt, steht eine Familie. Diese Familien fordern jetzt Gerechtigkeit. Sie leben über die ganze Welt verstreut. In Europa, aber auch in Afrika, Australien, den Vereinigten Staaten und in Kanada. Es handelt sich um die Verwandten und Freunde der 77 Eritreer, die im August 2009 vor Lampedusa gestorben sind. Einer nach dem anderen, innerhalb von drei Wochen, während sie auf dem Meer trieben, ohne gerettet zu werden. Die Hinterbliebenen haben ihre Trauer in einen Aufschrei der Empörung verwandelt und einen Brief an den Menschenrechtskommissar des Europarats, Thomas Hammarberg, geschrieben. Sie haben diesen Brief an UNHCR, IOM (International Organization for Migration) und an die Innenministerien Maltas und Italiens gesandt. Sie klagen Italien, Malta, FRONTEX und die zivilen Schiffe, die ihre Lieben nicht gerettet haben, an. Sie fordern eine Untersuchung des Vorfalls auf europäischer Ebene. Die Verwandten haben belastende Informationen zusammengetragen. Sie haben mit den fünf Überlebenden auf Sizilien gesprochen sowie mit Eritreern, die in Libyen und Malta leben. Sie haben herausbekommen, dass FRONTEX, Malta und Italien wissentlich nichts zur Rettung der in Seenot geratenen Flüchtlinge unternommen haben. Diese Informationen haben sie der Staatsanwaltschaft in Agrigento (Sizilien) zur Verfügung gestellt. Die prüft nun die Fakten, um eventuell einen Prozess einzuleiten.
Kein Wiedersehen mit Abel
Die Familien wussten von der Abfahrt des Schlauchbootes mit seinen 82 Passagieren. Die meisten kamen aus Eritrea. Es waren auch Nigerianer und Äthiopier an Bord an diesem 28. Juli, als das Boot in Libyen startete. Die Schwester eines der Passagiere, die seit 20 Jahren in der Nähe von Bonn wohnt, wandte sich sofort an einige deutsche Nichtregierungsorganisationen, als sie keine positive Nachricht von der Ankunft ihres Bruders erhielt. Ihre erste E-Mail, um etwas in Erfahrung zu bringen, schickte sie am 31. Juli 2009 an den Kölner Flüchtlingsrat. Ihr Bruder Abel war nur drei Tage zuvor aus Libyen losgefahren, da beschlich sie schon die Angst, dass sich diese Überfahrt in eine Tragödie verwandelt haben könnte. Aber aus Tripolis wurde sie beruhigt: Sie solle sich nicht sorgen. Mit einem Satellitentelefon sei vom Schlauchboot aus am 29. Juli gegen 19 Uhr abends angerufen worden. Man sehe Malta schon am Horizont, berichteten sie. Doch im Internet waren keinerlei Informationen über die Ankunft von Flüchtlingen in Italien zu bekommen. Auch nicht über Zurückweisungen.
Sie hatte ihm immer gesagt, er solle nicht fahren. 21 Jahre, das sei zu jung, um sich der Todesgefahr auf dem Mittelmeer zu stellen. Sie hatte ihm geraten, politisches Asyl in Libyen zu beantragen, doch er hatte nicht den Mut gehabt zu warten. Das Büro des UNHCR hatte ihm erst für den 10. Januar 2010 einen Termin gegeben. Aber mit den immerwährenden Razzien der Polizei war eine Zukunft in Libyen unvorstellbar. So fuhr er los, ohne etwas zu sagen.
Die Familie in Bonn erhielt keinerlei Lebenszeichen. Die Angehörigen sorgten sich immer mehr und begannen, alle zu kontaktieren, die etwas über den Verbleib des Bruders wissen könnten. Innerhalb von zwei Wochen kamen sie sogar bis zum maltesischen Innenministerium, aber ohne jegliche Ergebnisse. Die traurige Gewissheit, dass er tot ist, erhielten sie erst am 21. August mit der Anlandung der fünf Überlebenden auf Lampedusa. Nach einigen Versuchen gelang es der Schwester, mit einem der fünf im Aufnahmezentrum Lampedusa zu telefonieren. Er kannte ihren Bruder. Sie hatten sich vor der Abreise ein Zimmer in Tripolis geteilt. Auch er war auf dem Schlauchboot gewesen. Die Überlebenden hatten ihren Bruder langsam sterben sehen, und dann hatten sie ihn dem Meer übergeben, wie all die anderen auch.
Viele Fragen, keine Antworten
Die Trauer und ein starkes Gefühl von Ungerechtigkeit hat die Familie dazu bewegt, mir eine Kopie der E-Mails zu übergeben, die in den ersten zwei Augustwochen zwischen den verschiedensten Vereinigungen und Behörden in Malta und Deutschland hin- und hergeschickt wurden. Sie bezeugen, dass die Nachricht über das manövrierunfähige Boot schon seit Ende Juli über mehrere Kanäle lief.
Die ersten Kontakte nahm man mit Eritreern auf Malta auf. Dort kursierte das Gerücht, dass einer von ihnen am 3. August einen Hilferuf erhalten hätte von einem Verwandten, der sich an Bord des Schlauchbootes befand. Dieser hätte sich per Satellitentelefon gemeldet, bevor die Batterie leer gewesen sei. Diese Spur erwies sich jedoch als falsch. Der Kölner Flüchtlingsrat schrieb daraufhin an das maltesische Innenministerium. Ein Mitarbeiter der Asylabteilung antwortete am 20. August um 6.40 Uhr: »Wie ich schon am Telefon sagte, gab es zwischen dem 25. Juli und dem 12. August keinerlei Ankünfte von Flüchtlingen, daher bin ich sicher, dass Ihr Bruder nicht in Malta angekommen ist.« Auch das Büro zur Suche von vermissten Personen des Deutschen Roten Kreuzes in München hatte am 12. August mitgeteilt, dass sie die Anfrage nach Malta und nach Lampedusa weitergeleitet hatten, aber ohne jegliches Ergebnis. Einen Tag später brachte die deutsche Presse die Schlagzeilen über die Tragödie der Eritreer auf Lampedusa.
Die Verantwortlichen in Malta und Italien haben sehr wohl frühzeitig von dem vermissten Boot gewusst. Sie haben nichts zur Rettung der in Seenot geratenen Flüchtlinge unternommen. Selbst FRONTEX hatte das manövrierunfähige Boot ausfindig gemacht und den italienischen Behörden Bericht erstattet, aber nichts passierte.
Eine weitere Frage bleibt unbeantwortet: Was ist aus den Leichen der Schiffbrüchigen geworden, die man aus dem Kanal von Sizilien gefischt hat? Es ist kaum damit zu rechnen, dass die Leiche von Abel gefunden wird. Zudem würde sie kaum zu identifizieren sein. Die Familie jedoch glaubt an eine kleine, wasserdicht abgeschlossene Plastiktüte. Darin ein Stück Papier mit seinem Namen. Er hatte sie sich in die Tasche gesteckt, bevor er losfuhr. So berichten die Freunde, die in Tripolis geblieben sind. Eines Tages werden Fischer diese Plastiktasche inmitten ihres Fanges entdecken. Und sie werden den Kopf schütteln und denken, dass das Meer doch gar nicht so todbringend aussieht.
Gabriele del Grande
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