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24.09.2009

Das Gesetz des Dschungels: Flüchtlingskinder in Europa

Die Ergebnisse der letzten Treffens der EU-Innenminister sind beschämend und sie folgen einem altbekannten Muster: Keine Einigung wurde erzielt bei der Frage, ob und wie künftig eine wirkliche innereuropäische Solidarität bei Verteilung von Asylsuchenden gestaltet sein soll. Die Innenminister waren sich sehr schnell einig, dass die europäische Grenzschutzagentur Frontex effizienter die letzten Fluchtwege über See blockieren soll und die Transitländer, egal wie es dort um die Menschenrechte bestellt ist, noch stärker bei der Fluchtabwehr einbezogen werden. Und man hat sich völlig unverbindlich darauf verständigt, dass künftig, EU-weit koordiniert, besonders schutzbedürftige Flüchtlinge unter bestimmten Umständen in Europa neu ansiedelt werden können. Ob und wie viele Flüchtlinge aufgenommen werden, entscheiden ausschließlich die Nationalstaaten.

Die EU-Innenminister haben auch einen sogenannten Aktionsplan zur Situation der minderjährigen Flüchtlinge erörtert. Dieser spielte in der Berichterstattung, und die reale, dramatische Situation der Flüchtlingskinder in Europa wiederum in der Brüssel-Diskussion keine Rolle. Kinder gehören zu den Hauptleidtragenden einer verheerenden europäischen Flüchtlingspolitik. Afghanische und somalische Minderjährige riskieren bei der gefährlichen Überfahrt von der Türkei nach Griechenland ihr Leben. Das Abdrängen ihrer Schlauchboote in lebensgefährdender Weise und das Zurückverfrachten in Richtung Türkei sind an dieser europäischen Seegrenze traurige Normalität. Falls sie es lebend auf eine der griechischen Inseln schaffen werden sie, wie alle anderen Bootsflüchtlinge, inhaftiert. Auf der Ägäisinsel Lesbos kamen 2008 dreimal so viel minderjährige Flüchtlinge an, wie in ganz Deutschland - 3.649 Kinder, davon über 2000 unbegleitete Minderjährige.

Irgendwann, häufig erst nach über 50 Tagen Haft, werden sie in die völlige Schutzlosigkeit entlassen. Von der Ägäisinsel Lesbos erreichte uns kürzlich ein Video, das über 100 Flüchtlingskinder aus Afghanistan und Somalia eingesperrt in einer Halle zeigt - einige von ihnen schwer krank. Sie haben gerade ihr nacktes leben nach Europa gerettet, und werden unter erbärmlichen Bedingungen inhaftiert. Eine Toilette, eine Dusche, kein Hofgang – das ist der Willkommensgruss Europas. Nebenan befinden sich zum gleichen Zeitpunkt 200 Frauen und 50 Kinder in einer Zelle. Unter ist auch das neugeborenen Baby Freshta. Sie verbringt bereits die ersten Tage ihres Lebens in Haft. Die einzige humanitäre Geste der griechische Behörden: die Mutter wurde zur Entbindung ins örtliche Krankenhaus gebracht. Unmittelbar nach der Geburt musste sie zurück ins überfüllte Gefängnis. Vor einiger Zeit hätte man mit einer gewissen Selbstverständlichkeit noch sagen können, dass Kinder und Asylsuchende nicht inhaftiert werden dürfen. Mittlerweile ist die Inhaftierung die Regel.

Da in Griechenland kein Schutz- und Aufnahmesystem für Flüchtlingskinder existiert, irren diese aus der Haft entlassen Minderjährigen zu Tausenden durch das Land und versuchen verzweifelt, über Italien in ein europäisches Land auszureisen, wo sie Familie oder Freunde haben. Auf diesen innereuropäischen Fluchtwegen riskieren sie erneut ihr Leben und sind jeglicher Form der Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt. Bilder von ausgehungerten Flüchtlingskindern im griechischen Fährhafen Patras, von afghanischen Kindern, die in der Kanalisation von Rom leben oder in den Elendsquartieren, dem sogenannten Dschungel von Calais, schreckten auf.

Die Planierung der selbstgebauten Behausungen, wie jetzt im französischen Calais geschehen, setzt für diese Flüchtlingskinder nur die Kette der Gewalt, Inhaftierung, Obdachlosigkeit und des Elends fort. Die Europäische Union bekennt sich zwar abstrakt zum »Wohl des Kindes«, aber nimmt in Kauf, dass für diese Flüchtlingskinder keinerlei Schutzsystem existiert. Europa ist nicht einmal in der Lage, diesen Kindern einen gefahrenfreien Weg innerhalb der EU zu eröffnen. Notwendig wäre ein Rettungsplan, der diese Flüchtlingskinder nach humanitären Kriterien europaweit verteilt und ihnen endlich eine menschenwürdige Zukunft eröffnet.

Karl Kopp, Europareferent von PRO ASYL im Tagebuch der Gesellschafter >>

 


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